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"Unschuldig": Das Ende des großen Seriensterbens?

Alexandra Neldel rettet ab sofort in abgeguckter "CSI"-Manier unschuldig verurteilte Menschen vor dem Knast. Das ist ja gut und schön. Aber viel wichtiger ist die Frage: Rettet sie auch die deutsche Serie? Die steckt nämlich in einer tiefen Krise.

Von Katharina Miklis

An ihr kam in den letzten Monaten keiner vorbei. Alexandra Neldel. Ob an der Bushaltestelle, beim Zeitschriftenblättern oder an den Litfasssäulen. Sie ist überall. Mit ihren großen blauen Augen schaut sie von den Werbeflächen herab und wirbt für das mit Spannung erwartete neue Serien-Projekt von ProSieben. Mit der Crime-Serie "Unschuldig" soll Neldel das Fernsehen von dem bösen Fluch befreien, der auf deutschen Serien lastet. Gestern lief die TV-Premiere.

Große Erwartungen in TV-Krisenzeiten

Die Erwartungen waren groß. Das lag nicht nur am immensen Werbeaufwand für die neue Serie. Ex-Zahnarzthelferin und Soap-Darstellerin Neldel ("Gute Zeiten, schlechte Zeiten", "Verliebt in Berlin") wurde bereits für den Bayerischen Fernsehpreis als beste Darstellerin in einer Serie nominiert. Schon Wochen vor dem TV-Start! Und das ausgerechnet in der Rolle einer Rechtsanwältin, wo doch diverse Serien dieser Art in der letzten Zeit gefloppt waren. Das Genre steckt in einer großen Krise. Paradebeispiel: "Die Anwälte" mit Kai Wiesinger. Nach nur einer einzigen Folge hatte RTL die eigenproduzierte - und wirklich gut gemachte - Serie abgesetzt. Den "Anwälten" blieb nach der ersten Quotenermittlung keine Möglichkeit zur Verteidigung. Der Fall wurde ad acta gelegt. Niels Rufs Scheidungsanwalt-Comedy "Herzog" musste nach nur drei Folgen weichen. Deutschen Serien wird einfach keine Zeit mehr gelassen, sich zu entwickeln, geschweige denn zu beweisen.

Jetzt soll es also Alexandra Neldel richten. Die neue, zwölfteilige Crime-Serie "Unschuldig", produziert von Teamworx ("Die Sturmflut", "Dresden"), soll es mit "CSI"-Ingrediens zum neuen Serien-Erfolg schaffen. Und nicht nur das: Sie soll gar die deutsche Serie retten. Das sind große Ziele.

Keine neue Dimension der deutschen Serie

Ob sie erfüllt werden können wird sich zeigen, wenn sich ProSieben geduldiger mit seinen Serien-Neuzugängen zeigt, als RTL. Die erste Folge mit dem Titel "Hauptgewinn Tod" macht zumindest den Anschein, als könnte sie den einen oder anderen Fan gewinnen. Ob zu Recht oder Unrecht - darüber lässt sich streiten: Es war keine neue Dimension der deutschen Serie. Vor allem keine Neuerfindung der Crime-Serie, wie Neldel es kürzlich im stern.de-Interview ankündigte. "Was wir mit "Unschuldig" machen ist neu, das gibt es auch gar nicht in Amerika," sagte sie. Das stimmt nicht ganz. Aber es war eine passable erste Folge mit düsterer Atmosphäre und schnell geschnittenen Szenen.

Nicht neu, durchaus "CSI"isiert, aber ganz ordentlich. Das Büro-Loft in Berlin-Mitte ist etwas zu hipp, etwas zu loungig, die Dialoge etwas sparsam. Und warum Neldel für den Bayerischen Fernsehpreis nominiert wurde, wird auch nicht ganz klar. Dafür gab es nahezu liebevoll kreierte Charaktere - jeder mit seinen, für Crime-Serien wohl so wichtigen, Ticks. Die Story um den fälschlicherweise wegen Mordes an seiner Frau verurteilten Ehemann ("Tatort"-Kommissar Klaus J. Behrendt) ist unwichtig. "Unschuldig" lebt von den drei Hauptdarstellern, die die Serie tragen. Neldel als toughe Anwältin Dr. Anna Winter und an ihrer Seite erfrischend unverheizte Schauspieler wie Clemens Schick und Erhan Emre.

Bond-Buhmann Schick ("Casino Royale") spielt den todgeweihten Ex-Polizisten Marco Lorenz, der aufgrund eines Herzfehlers eigentlich schon längst das Zeitliche gesegnet haben sollte. Immer auf Vollgas und am Rand der Legalität bietet die "coole Sau" der Serie den perfekten Gegenpool zur leicht unterkühlten, kontrollierten Anwältin Winter, deren Vater sich vor Jahren, unschuldig verurteilt, das Leben nahm. Für die Profiler-Momente sorgt Krebsforscher und Labortüftler Sebastian Krüger (Emre), der nach Belieben forensische Fremdwörter einwirft. Leider erfährt man erst nach und nach, warum die Figuren, jede für sich, so seltsam ticken. Und ob sich treue "CSI"-Fans von der Dublette ihrer Lieblingsserie begeistern lassen, sei auch mal dahin gestellt. Das Original ist halt immer noch besser, als die Kopie.

Das Ende des großen Seriensterbens?

Ist "Unschuldig" nun die lang ersehnte Rettung der deutschen Serie? Das Ende des großen Seriensterbens? Das wird sich zeigen. Zum Glück hat ProSieben einen langen Atem - bestes Beispiel: "Stromberg". Wenn sie sich nicht ganz so blöd anstellen wie RTL, werden sie die Neldel erstmal einfach machen lassen. Die Chancen stehen nicht schlecht. Es scheint, als hätte die neue Serie das perfekte Quoten-Publikum auf ihrer Seite: die jungen Telenovela-Anhänger aus "Verliebt in Berlin"-Zeiten, die neugierigen "CSI"-Freaks und die, die Alexandra Neldel einfach nur heiß finden. Beste Vorraussetzungen für einen Quotenerfolg. Der Tod der deutschen Serie scheint aufgeschoben. Für's Erste.

"Unschuldig", jeden Mittwoch, um 20.15 Uhr auf ProSieben