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TV-Kritik

"Anne Will": Wenn sogar den Experten zum Brexit-Chaos nur noch Sprichwörter einfallen

Bleiben sie nun oder gehen sie doch? Bei "Anne Will" wurde erneut über die Brexit-Briten diskutiert. Die heftigste Kritik an der EU kam ausgerechnet von dem ehemaligen Kommissar Günter Verheugen – der forderte: "Alles zurück auf Null."

Von Simone Deckner

Anne Will und Gäste

TV-Talkerin Anne Will (3.v.r.) diskutierte mit ihren Gästen abermals über den Brexit

PR-Material

Eigentlich hätte Anne Will ihre Talkshow gut singend mit dem Limahl-Hit "Never Ending Story" beginnen können. Zum wiederholten Mal war das Hin und Her der Briten beim Brexit Thema am Sonntagabend. Dass der Geduldsfaden der Moderatorin auch schon eher zerfasert ist, war ihrer angriffslustigen Moderation anzumerken: "Will Theresa May uns eigentlich alle auf den Arm nehmen?" und "Wie oft denken Sie, die Briten haben einen Dachschaden?" wollte sie etwa von ihren Gästen – immerhin kamen zwei aus dem Vereinigten Königreich – wissen. Nicht unbedingt die feine englische Art, aber im Angesicht der chaotischen Lage im Unterhaus ("The noes have it!") durchaus angemessen.

Denn der britischen Premierministerin läuft die Zeit davon: Gibt es keine Mehrheit für ihren Deal oder zumindest den gewünschten Aufschub bis zum 30. Juni geht Großbritannien am 12. April (Freitag) aus der EU: Der harte Brexit wäre Realität. Das, so herrschte nahezu Einigkeit in der Runde, wäre jedoch die denkbar schlechteste Lösung: Nicht nur für die Briten, sondern auch für Europa.

Über die Frage "Wie lange denn noch? Das Ringen um den Brexit" diskutierten:

  • Ursula von der Leyen (CDU, Bundesministerin der Verteidigung)
  • Günter Verheugen (SPD, ehemaliger EU-Kommissar)
  • Philippa Whitford (Abgeordnete der Scottish National Party im britischen Unterhaus, für "Remain")
  • Greg Hands (Tory-Abgeordneter und ehemaliger. Staatssekretär im britischen Außenhandelsministerium, für "Leave")
  • Annette Dittert (Leiterin des ARD-Studios in London)

Verheugen: "Brüssel macht die Probleme" 

Es gäbe, so Tory-Mitglied Greg Hands, in seinem Land ein Sprichwort: "It takes two to tango." Nicht nur London, auch Brüssel müsse "ein bisschen Bewegung zeigen" in den Verhandlungen. Mit anderen Worten: Das Trampeltier auf der Tanzfläche ist die EU. Eine Sichtweise, bei der ihm überraschenderweise Günter Verheugen beipflichtete. Der Mann, der sich als ehemaliger EU-Kommissar von allen Gästen am besten in Brüssel auskennen dürfte, sagte, dass "die Probleme" nicht auf britischer Seite, sondern auf der der EU liegen. Man habe den Briten zu wenig Mitspracherecht eingeräumt, etwa bei der Handelspolitik. Großbritannien sei auch nicht irgendein Mitglied, sondern eines "mit dem Gewicht von 20 Mitgliedsstaaten".

Der Fehler sei ganz am Anfang gemacht worden: "Wir klären erst mal die Fragen der Scheidung und dann klären wir, wie wir weiter miteinander leben wollen", so Verheugen. Zuvor hatte er erklärt, er hätte nur einen Satz parat, säße er selbst im britischen Unterhaus: "It‘s beyond me", zu Deutsch: "Ich verstehe nur noch Bahnhof."

Verheugen erinnerte aber auch daran, dass "der Wesenskern" der europäischen Integration die Freiwilligkeit ist: "Wenn einer gehen will, dann haben wir das zu respektieren, ob es uns gefällt oder nicht." Eben darum müsse man dann auch den harten Brexit akzeptieren, forderte Hands. Er gehe jedenfalls davon aus, dass es am Freitag genau so kommen werde. Genau das habe das Volk ja auch vor drei Jahren so bestimmt.

Abgeordnete "zu müde" für Entscheidung

"Man weiß erst was man hat, wenn man befürchtet, es zu verlieren", schaltete sich da Philippa Whitford von der Scotish National Party ein und bewies, dass auch sie über einen ausreichenden Sprichwort-Schatz verfügte, wenngleich ihre Sätze nicht immer einfach zu verstehen war: German grammar can be tricky. Whitford würde, wie 62 Prozent der Schotten, lieber in der EU bleiben. "Aber Theresa May ignoriert das, sie will nichts mit uns zu tun haben", ärgerte sie sich. Einen Kompromiss mit Jeremy Corbyn suche sie jetzt nur, "weil ihr Plan kaputt gegangen ist".

Whitford sprach sich, ähnlich wie EU-Ratspräsident Donald Tusk, für einen Aufschub um neun bis zwölf Monate aus. Und brachte auch ganz menschliche Gründe dafür vor: Die Abgeordneten im Unterhaus seien mittlerweile "sehr müde" durch die langwierigen Verhandlungen: "In so einer Lage kann man keine guten Entscheidungen fällen."

"Zurück auf Null" als Brexit-Lösung?

Apropos Entscheidungen fällen: Ende Mai sind EU-Wahlen. Sollte der Aufschub gewährt werden, wären die Briten noch mit dabei. "Die junge Generation ist so so Pro-EU, wie ich das noch nie gesehen habe", sagte etwa ARD-Journalistin Annette Dittert. Das würde sich auch bei den EU-Wahlen niederschlagen. "Eine Beteiligung an den EU-Wahlen wäre lächerlich", schimpfte Greg Hands hingegen und prognostizierte das Gegenteil: einen Erfolg ultranationalistischer Parteien: "Da würden 30 Nigel Farrages gewählt", behauptete er. 

So richtig wollte ihm da niemand folgen. Ursula von der Leyen gab sich lieber ganz staatsmännisch, betonte die gemeinsamen Interessen von EU und Großbritannien. Man dürfe über den Brexit ja bitte auch nicht die "wirklich großen Themen" vergessen: "Wie stellen wir uns China, Russland, dem Terror?“ Nicht zu vergessen, "dem Cyberraum".

Günter Verheugen war jedoch nicht nach Digitalisierungstalk zumute, er forderte: "Wir gehen zurück auf Null", also ein zweites Referendum. Großbritannien müsse "unser stärkster Partner in Europa bleiben". Er gehe "fest davon aus", dass es eine Verschiebung und keinen harten Brexit geben werde. 

Mays nächste Schritte? "Keine Ahnung" 

Von der ARD-Studioleiterin in London, Annette Dittert, erhoffte sich Anne Will zum Schluss noch eine Antwort auf die Frage, was Theresa May denn nun tun werde in den nächsten Tagen: "Keine Ahnung“ antwortete Dittert entwaffnend offen. Die Chance auf einen Kompromiss zwischen May und Corbyn schätzte die Journalistin nur "gering" ein. Klar sei aber schon jetzt, dass Labour "nur verlieren kann". Komme es nicht zum Kompromiss, sei Corbyn für die Tories der Buhmann. Einige man sich, würden sich hingegen Labour-Parteimitglieder verraten fühlen. Dittert: "Es ist schon deprimierend anzusehen, wie sich hier eine ganze Nation selbst zerlegt."

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