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Christian von Boetticher bei "Markus Lanz": Vollends gescheitert

Erstmals nach dem Rücktritt wegen der Lolita-Affäre zeigt sich CDU-Politiker Christian von Boetticher wieder in einer Fernsehsendung. Es hätte ein spannender Auftritt werden können - doch das wusste Moderator Markus Lanz erfolgreich zu verhindern.

Von Björn Erichsen

Nein, er plant kein Comeback in nächster Zeit. Das muss man dieser Tage gleich zu Beginn klarstellen. Zwar ist CDU-Politiker Christian von Boetticher in seiner Blütezeit sicher ein ebenso großer Polit-Narziss gewesen wie Karl Theodor zu Guttenberg, ein Senkrechtstarter und Hoffnungsträger der Partei, der seinen vielen Facebook-Freunden gern mal vom Polospiel am Strand von Sylt erzählte oder von besonders exquisiten Weinen. Allerdings gibt sich der promovierte Jurist, der im August infolge der Lolita-Affäre von allen politischen Führungspositionen zurücktreten musste, nicht die Blöße, sich nach kürzestmöglicher Schonfrist wieder an den Politikbetrieb heranzuwanzen. Im Gegenteil, was Boetticher bei seinem ersten Fernsehauftritt nach dem Absturz sucht, ist Verständnis. Gern möchte der Mann, den eine Liebschaft mit einer gerade mal 16-Jährigen zu Fall brachte, das "öffentliche Bild von sich korrigieren", die Zuschauer sollen "den Menschen Boetticher kennenlernen".

Wer so etwas auf dem Herzen hat, geht hierzulande wahlweise zu "Beckmann" oder zu "Markus Lanz", den Kuschelbuden des deutschen TV-Talks. Boetticher hat sich für letztere entschieden. Dort präsentiert er sich tatsächlich halbwegs entspannt und - Achtung: Guttenberg-Parallele: wohlgenährt zurück in der Öffentlichkeit. Seine Botschaft ist eindeutig: Die Affäre habe ihn "nicht traumatisiert", ganz im Gegenteil, durch den Abstand sei er wieder "ein Stück weit Mensch geworden". Den Absturz als Chance begreifen, das ist das Mantra, das der 40-Jährige durch die gesamte Sendung trägt. Wie es wirklich im Inneren aussieht, erfährt der Zuschauer nicht, und daran kann auch Moderator Lanz nichts ändern. Der Softtalker bemüht sich zwar um kritische Fragen, unterbricht Boetticher auffällig häufig, schafft es jedoch nicht, den mentalen Panzer des Politprofis auch nur ankratzen.

"Es war schlichtweg Liebe"

So bleibt der Erkenntnisgewinn gering. Boetticher darf noch einmal nacherzählen, was Ende August schon in allen Zeitungen stand: Von seiner Flucht nach Hamburg mit Baseball-Cap und Sonnenbrille, oder dass seine Abschiedsrede ("Es war schlichtweg Liebe") authentisch war und seine Tränen echt. Und natürlich versucht er auch noch einmal, den Schlamassel von grundauf zu erklären. Er habe es einfach nicht für möglich gehalten, dass jene weibliche Facebook-Bekanntschaft damals wirklich erst 15 gewesen sei, allein schon "wegen ihrer intelligenten Kommentare". Aus irgendeinem Grund versteifte sich Lanz an dieser Stelle auf ein allgemeines Online-Bashing: Er selbst würde ja Facebook & Co. strikt meiden, und genauso ahnungslos klang es dann auch, als er über die "vermeintlich anonyme Welt des Internet" fabulierte - so als seien vor allem die sozialen Netzwerke Schuld an der Boetticher-Affäre. Und nicht ein Berufspolitiker in den mittleren Jahren, dem bei einem minderjährigen Groupie das Hirn in die Hose gerutscht ist.

Anders als so mancher gefallene Politstar verkneift sich Boetticher allerdings das Nachtreten gegen die Parteikameraden, die ihn damals mit der gezielten Indiskretion abgeschossen haben. Seiner Argumentationslinie bleibt er ansonsten aber treu: Er habe viel für die junge Frau empfunden und habe sie damals nicht wegen des möglichen Karriereschubs abgesägt. Natürlich habe Kalkül eine Rolle gespielt ("Kann man Ministerpräsident werden, ohne dass so eine Beziehung öffentlich wird?"), jedoch sei die Trennung vor allem deswegen erfolgt, weil er die junge, medienunerfahrene Frau habe schützen wollen. Das allerdings ist bei einem karriereorientierten Politiker in etwa so glaubwürdig wie Guttenbergs Behauptung, vor lauter Arbeit sei ihm das ganze Abpinseln gar nicht aufgefallen.

Vage und nebulös

Letztendlich ist die Talkrunde daran gescheitert, dass sie an so vielen Stellen vage und nebulös blieb. Dabei hätte es eine Menge zu diskutieren gegeben. Den Zwiespalt zwischen Recht und Moral etwa: Warum darf ein Erwachsener legal Sex mit einer 16-Jährigen haben - während ungefähr alle Eltern hierzulande rasend werden würden, ginge es dabei um die eigene Tochter. Es war Anwalt Christian Schertz, der mal auf die Doppelmoral in dieser Affäre einging und auf die "Bigotterie" von Boettichers Parteifreunden. Lanz warf anfangs die Fragen auf, ob sich "Politiker mit anderen Maßstäben messen lassen müssen" oder "ob wir nicht eine neue Form der Ehrlichkeit brauchen" - griff jdas durchaus diskussionswürdige Thema jedoch kein einziges Mal mehr auf.

Es ist schwer zu sagen, ob sich der Auftritt bei "Lanz" für Boetticher gelohnt hat - dafür war die Talkrunde insgesamt zu zerfahren. Er ist wohlauf und kann auch wieder lachen, das ist nach dem Medienorkan, der vor etwas mehr als einem Vierteljahr über diesen Mann hinwegfegte, vielleicht die beste Nachricht. Aber ob der Zuschauer nun wirklich einen neuen Eindruck vom "Menschen Boetticher" gewonnen hat? Beim ZDF könnte man ruhig mal folgendes überlegen: Sollte mal wieder ein interessanter Talkgast mit einer spannenden Geschichte anklopfen, könnte man durchaus in Erwägung ziehen, einen richtigen Moderator in den Ring zu schicken. Und nicht nur wieder Markus Lanz.