Die Medienkolumne Anne Will - diesmal "typisch deutsch"


Anne Will hat sich in einen eigenartigen, indirekten Dialog mit ihrem Kritikern begeben. Dabei rechnet sie mit der Vergesslichkeit des Publikums und vermeidet es, auf konkrete Hinweise auch konkret zu antworten. Stattdessen hält sie Kritik und Kritiker für "typisch deutsch".
Von Bernd Gäbler

Anne Will lädt nicht nur Sonntag für Sonntag zu einer TV-Sendung direkt nach dem "Tatort", sondern meldet sich auch in Interviews zu Wort, um ihren Kritikern zu antworten. Zunächst erklärte sie zu einem Papier des Programmbeirats, das eine Reihe detaillierter Hinweise enthielt (u.a. den Vorwurf mangelnder Faktensicherheit), dieses sei veraltet und werde nur deswegen jetzt zitiert, weil man ihr schaden wolle. Zu den konkreten Vorhaltungen des Papiers sagte sie nichts. Das wirkte einigermaßen stur. Außerdem verkennt sie, dass sie wenig Grund hat, mit der ARD zu hadern. Sie ist nicht nur ein Kind dieses Systems - sie war nie woanders - sondern wurde auch nach Kräften gefördert.

Inzwischen hat sie zwar in recht allgemein gehaltenen Worten zugestanden, dass es an der Sendung einiges zu verbessern gäbe, zugleich ihre Kritik an den Kritikern aber noch verschärft. So "typisch deutsch" komme ihr das alles vor: Zuerst werde man in den Himmel gehoben, ja geradezu zur Retterin des gesamten Talk-Show-Gewerbes erkoren, um dann ebenso rasch wieder vom Thron gestoßen zu werden. In der Talk-Sendung "Thadeusz" des RBB trat sie entsprechend auf.

Erinnert sich Anne Will richtig?

Statt nun einfach einzulösen, was sie verspricht, nämlich die nach ihr benannte Sendung zu verbessern, wehrt sich Anne Will weiterhin. Sie verteidigt sich kraftvoll, wirkt aber dennoch defensiv. Die Frage ist: Wie korrekt ist ihre Erinnerung eigentlich? Natürlich wurden an den Start ihrer Sendung große Erwartungen geknüpft. Und auch ihr selbst fiel es schwer, den Ball flach zu halten, wie zahlreiche Interviews belegen. Aber als Retterin gefeiert wurde sie kaum. Bei aller freundlichen Unterstützung waren die Kritiker wohl vor allem darüber erleichtert, dass nach "Sabine Christiansen" ein Neuanfang verkündet wurde.

Haben sie nicht ein Recht darauf, mit etwas zeitlichem Abstand zu überprüfen, was daraus wurde? Es gab überhaupt keine Häme, viele Kommentatoren trauten es Anne Will prinzipiell zu, so eine wichtige Sendung zu übernehmen, hier und da gab es Skepsis, einige Stimmen plädierten für Frank Plasbergs "Hart aber fair" auf diesem Sendeplatz. Insgesamt ein fast bemerkenswert differenziertes, eher positives Stimmungsbild. Und jetzt? Wird Anne Will etwa unflätig verrissen? Wird sie kübelweise mit Häme übergossen? Quatsch! Die Themenwahl wird kritisiert, die oft mangelhafte Gästekonstellation, der langweilige Parteienproporz, die mangelnde Dynamik der Sendung, das Ausgrenzen der "Normalos" auf ein "Menschensofa", das die "Konfrontation der Politik mit der Wirklichkeit" gerade nicht fördert, und last but not least: Anne Wills auffällig häufig fehlende Sattelfestigkeit, was Fakten anbelangt.

Viele kleine Fehler

Am 30.3. trug Anne Will zu Beginn ihrer Sendung zum Thema Rente mit Aplomb vor, dass die Politik den Bürgern wieder einmal keinen reinen Wein einschenke: Von Kosten in Höhe von 2,5 Mrd. Euro spreche das Ministerium, während das "Handelsblatt" die Summe auf 12,5 Mrd. Euro beziffere. Sofort antwortete Minister Horst Seehofer, die eine Summe bezöge sich auf die jährlichen Kosten; das "Handelsblatt" meine fünf Jahre. Sagte er die Wahrheit? Oder war das nur Vernebelungstaktik? Innerhalb einer Sekunde wäre das zu klären gewesen. Stattdessen wurde nun 13 Minuten lang über die Kosten verhandelt. Dann ging es weiter zum nächsten Thema - ohne dass der Sachverhalt geklärt worden wäre. Dabei war dies eine einfache Frage - durch simples journalistisches Handwerk zu beantworten.

Später in der Sendung schimpfte ein Opa vom "Menschensofa" aus darüber, wie schlecht es um seine Rente bestellt sei. Natürlich darf er das. Einen konkreten Betrag aber wollte der Mann freilich nicht nennen. Hätte die Redaktion nicht auch jemanden finden können, der in der Lage gewesen wäre argumentativ mitzumischen? Anschließend wurde ein junges Mädchen befragt. Es zahlt gerne in die Rentenkasse ein. Das ist schön, ja fast rührend. Aber überzeugender wäre jemand gewesen, der dies nicht auch noch so intoniert, als wäre er soeben einer ver.di-Schulung entsprungen.

Um etwas Zunder in die Bude zu bringen, hatte Anne Will auch einen "Finanzberater" eingeladen, der das System der staatlich garantierten Renten heftig attackierte. Es liegt in der Natur seines Berufes, für private Rentenversicherungen zu werben. Warum verrät uns die Moderatorin das aber erst nach 40 Minuten, zumal noch mit dem Gestus einer großen Enthüllung? Als habe sie ihn nicht eben deswegen eingeladen? Das alles sind kleine aber doch spürbare redaktionelle Fehler.

Die vergangene Sendung am 6. April war dynamischer. Endlich bewies Anne Will, dass es auch ohne CDU, SPD, Grüne und FDP geht. Aber muss man dem Publikum nicht mitteilen, dass Hans Rudolf Wöhrls Gattin Staatssekretärin bei Michael Glos ist, wenn man den Unternehmer gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsminister in die Sendung einlädt? Und warum stellt die Moderatorin zu Beginn die Meinung des Unternehmers zu den Lidl-Überwachungskameras so verzerrt dar? Und warum wirkt der glückliche Zeitarbeiter, der es zum festen Job geschafft hat, so als sei er von der PR-Abteilung von "Randstad" empfohlen worden?

Bei Anne Will addieren sie sich all diese Kleinigkeiten zu einen Gesamteindruck, der ein gewisses Unbehagen hinterlässt und zur Zeit jene bestätigt, die lieber Frank Plasberg - der sein gut eingespieltes Format "Hart aber fair" souverän beherrscht - auf diesem exponierten Sendeplatz gesehen hätten. Anne Will wäre gut beraten, an ihrer Sendung zu arbeiten, Konkretes zu verändern, wie zum Beispiel das kuriose Sonder-Sofa abzuschaffen, statt sich pauschal an den Kritikern zu reiben.

"Typisch deutsch"

So wie sie zur Zeit agiert, wirkt es, als sei sie aufgrund ihrer guten Arbeit für die "Tagesthemen" und der damit verbundenen gute Presse ein wenig verwöhnt worden. Der Vorwurf an Kritik und Kritiker, dies alles sei wieder einmal "typisch deutsch", ist ohnehin absurd. Ja, wie hätte sie es denn gerne? Und: was denn sonst! Anne Will veranstaltet im Ersten Deutschen Fernsehen eine deutsche Talk-Show, sogar vorwiegend zu deutscher Politik, mit deutschen Gästen. Im Idealfall kann so eine Sendung etwas beitragen zur Selbstverständigung unserer Gesellschaft, weil sie Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Auf Portugiesisch wäre das sinnlos.


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