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Die Medienkolumne: Das ZDF geht shoppen bei RTL

Emsig erfindet das ZDF sich täglich neu, baut das Programm um, denkt sich Formate aus (die es gestern schon gab) und stattet sich mit frischem Personal aus (das wir auch schon von anderen Kanälen kennen). So ist der öffentlich-rechtliche Sender vom Mainzer Lerchenberg auf gutem Wege, bald so auszusehen wie RTL früher.

Von Bernd Gäbler

Schon früh am morgen liest Kay-Sölve Richter mit jugendlichem Frohsinn die Nachrichten vor. Am Nachmittag watet Yve Fehring ausgestattet mit den üblichen Klischeesätzen über den Boulevard. Als Starreporterin werden wir im "heute-journal" bald Antonia Rados zu sehen bekommen, da hat uns schon Susanne Kronzucker als neue "Mona Lisa" angelächelt und Markus Lanz einmal mehr unter Beweis gestellt, dass er tief im Inneren sehr gläubig und ein unerhört ernsthafter Kerl ist. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie kennen sich aus in der RTL-Kantine.

Personalwechsel

So wie einst das inzwischen abgetretene Intendantentrio Plog-Pleitgen-Struve für die ARD bayernmünchengleich die private Konkurrenz nach aufzukaufenden Stars und Moderatoren durchkämmte, treibt es nun das ZDF mit RTL. Die große Personalwanderung rheinaufwärts von Köln nach Mainz ist in vollem Gange. Warum soll man auch den zähen Weg gehen, eigene Talente (wie einst Maybritt Illner oder Steffen Seibert) hervorzubringen, wenn es schon TV-erfahrene Gesichter auf anderen Kanälen gibt, die außerdem nach größerer sozialer Sicherheit streben? Da überdies die Angleichung an die Programme der privaten Konkurrenz kaum noch kritisch diskutiert wird, kann man sie um so zielstrebiger betreiben. Es soll niemand glauben, die Leute würden nicht genau das, was sie bei und für RTL gelernt haben, jetzt in die ZDF-Waagschale werfen.

Schon in der Gründungsurkunde des ZDF steht, dass dieser Sender in besonderer Weise unterhaltsam sein möge. Das ZDF sollte ein Gegengewicht sein zu der als dröge und politisierend verschrienen ARD: mit Vico Torriani und dem "Goldenen Schuss", Peter Alexander und Wim Thoelke. Die Reisen des "Traumschiffs", die Tierquäler-Sendung "Unser Charly", "Forsthaus Falkenau" und auch "Wetten, dass ..?" verweisen noch auf diese Tradition. Sehr viel eingefallen ist dem ZDF seitdem insbesondere im Sektor Show und Unterhaltung aber nicht. Die Ranking-Show "Unsere Besten" entlieh man der BBC; wenn ProSieben Stock-Car-Rennen und Turmspringen veranstaltete, wurde daraus in der gemäßigten ZDF-Version Bodenturnen mit Johannes B. Kerner und Susanne Fröhlich. Man klaut heftig, aber baut eine Handbremse ein. Hoch lebe die Kreativität!

Auch Thomas Gottschalk durfte allerlei ausprobieren – mal belästigte er Familien, mal durfte er aus Hollywood berichten – und hat das ZDF immer noch nicht davon überzeugt, dass er alles außer "Wetten, dass ..?" in den Sand setzt. Jetzt sitzt er einer – Überraschung! – Casting-Sendung vor. Natürlich ist sie nicht so bösartig, streng und gemein wie das RTL-Vorbild, auch geht es nicht um Pop und Schlager, sondern – zielgruppengemäß für die Seniorengemeinde – um das Musical. Ein Rätsel bleibt, warum der große Thomas Gottschalk sich dazu herablässt, mit Dieter Bohlen vergleichbar zu werden.

Gute Unterhaltung: kopieren, klauen, abschwächen

Die vor rund einem Dezennium als RTL-Sternchen reüssierende Niederländerin Linda de Mol durfte für das ZDF schon ihre Flachlandversion von "Desperate Housewives" ausbreiten, jetzt wird sie ein sensationelles Comeback feiern – mit der "Traumhochzeit". Wow! Und tatsächlich werden nicht die zehn Jahre alten RTL-Folgen wiederholt, sondern alles wird neu produziert. Nur bei einem neuen Format scheint den ZDF-Planern ein Irrtum unterlaufen zu sein. "Der Bergdoktor", den das ZDF jetzt in vorerst acht neuen Folgen sendet, stammt gar nicht von RTL, sondern wurde 1999 von Sat.1 abgesetzt.

Den Zeitläuften hinterhertrotten

Gegen diese eigenartige Schläfrigkeit bei der Programmplanung wäre nichts einzuwenden, wäre auch nur halbwegs eine Programmphilosophie der Mainzer erkennbar. In seinen besten Zeiten hatte RTL die stets. Anfangs ging es dem neuen Privatsender vor allem darum, laut auf sich aufmerksam zu machen. Bald entstand eine eigene Handschrift für deutsche Figuren und Serien, die alle um Arbeit kreisten und stets so wirkten, als könnten sie nur in Nordrhein-Westfalen spielen: Nikola, Rita, vielleicht noch Atze waren die Protagonisten. "Die Camper" bespielten den unteren Teil der Qualitätsskala, "Mein Leben und ich" den oberen.

Dann folgte eine Wende zum Erzieherischen, die man fast schon als neue Bürgerlichkeit feiern konnte: Die Super-Nanny kümmert sich um überforderte Familien, Herr Zwegat um die Verschuldeten, und mit Deutsch- und Tanzkursen sozialisiert man unter Anleitung des freundlichen Hape Kerkeling das Publikum zurück in die gesellschaftliche Mitte, wo Günther Jauch ohnehin schon thront. Aber was für eine Philosophie steckt dahinter, wenn das ZDF jetzt zeitversetzt das frühere RTL wieder aufleben lässt? Vielleicht macht man sich da in Mainz einfach nicht so viele Gedanken – Hauptsache, es riecht irgendwie nach Familie und Quote.

Obacht bei den News! Chancen für die Historie!

Das mag den Gebührenzahler noch wenig jucken, aber kritisch zu achten ist unbedingt auf die Gestaltung der News. Schleichen sich da auch RTL-Marotten ein? Wird immer häufiger mit Unfällen statt den wichtigsten politischen Ereignissen begonnen? Wird alles Wirtschaftsgeschehen auf Infos für Verbraucher reduziert? Werden die Auslandsmeldungen an den Rand gedrängt? Nimmt die Eigenwerbung für Sportereignisse auf dem eigenen Kanal in den Nachrichten überhand? Oder wird gar Positives von RTL übernommen – zum Beispiel könnten Michael Klofts akribische historische Dokumentationen aus dem Hause "Spiegel-TV" gut und gerne Prof. Guido Knopps Trommel- und Trompetenspektakel ersetzen.