Die Medienkolumne Die Amateure vom "Spiegel"


Claus Kleber hat dem "Spiegel" einen Korb gegeben. Er bleibt beim ZDF. Für seine "work-life-balance" ist das wohl richtig, blamiert ist das Magazin. Was sich beim Sturz von Stefan Aust schon andeutete, setzt sich nun fort: Im "wichtigsten Print-Magazin" (Kleber) sind wahre Experten der Personalpolitik am Werk.
Von Bernd Gäbler

Die Mitarbeiter des "Spiegel" haben lange gegrummelt und gekrittelt. Dann gelang es, den über lange Jahre sehr erfolgreichen Geschäftsführer vom Hof zu drängen. Als dann die Gunst der Stunde schlug, eine neue Mitarbeitervertretung gewählt war und der Chefredakteur in Urlaub weilte, formierte sich die Fronde. Ohne jedes Gefühl für dessen bisherige Verdienste und daraus mindestens abzuleitenden Anspruch auf Würde, wurde Stefan Aust mutig in Abwesenheit gestürzt. Eine Konzeption war damit nicht verbunden. Von Modernisierung, jungen Leuten und frischer Kraft wurde gesprochen - was man halt so redet.

Dann ging sie los, die muntere Suche nach der künftigen Führung. Listen wurden abgearbeitet. Wer dann noch genannt wurde, musste schon das flaue Gefühl haben, nicht ganz zur ersten Garde der Gefragten zu gehören - aber immerhin, endlich wurde ein Name publik. Ein stattlicher Name: Claus Kleber, der so betont lässige weltläufige "Anchorman" der ZDF-News. Das war überraschend, hatte dieser doch zuletzt als Schüler etwas mit Printmedien zu tun. Skepsis war angezeigt, aber eine gewisse Originalität konnte niemand dieser Idee absprechen.

Claus Kleber - es blieb bei einer Idee

Jetzt zeigt sich: Bei der Idee ist es geblieben. Geklärt war noch gar nichts, die Experten für Königsmord und Königsmachen an der Brandstwiete in Hamburg hatten lediglich nicht dichthalten können. Nach ein wenig Hin und Her, ein paar Gesprächen und neuen Angeboten aus dem Mutterhaus am Mainzer Lerchenberg gab der Umworbene, geschmeichelt, aber bestimmt, dem ehemaligen "Sturmgeschütz der Demokratie" einen Korb. Selbst ein Bundesligaverein wie Energie Cottbus bewältigt einen Trainerwechsel eleganter als die Hamburger "Medienprofis" die Kür eines Chefredakteurs schaffen. Sie arbeiten jetzt weiter Listen ab. "Ohne Zeitdruck und in Ruhe", so versicherte eine "Spiegel"-Sprecherin, werde man nun die Suche nach einem Chefredakteur fortsetzen. Viel Spaß. Als seien nicht jetzt schon Panik und Hektik zu spüren. Spätestens wenn der Chefredakteur des "Grevenbroicher Tagblatt" zum Geheimtipp wird, sollte man sich ernste Sorgen um den Zustand des doch immer noch wichtigen Magazins machen.

Klebers Lebensqualität

Claus Kleber hat vermutlich alles richtig gemacht. Ungefähr fünf Tage lang war er der mediale Top-Act schlechthin. Gleichzeitig hat er den "Spiegel" nicht zu lange hingehalten. So färbte die Peinlichkeit auf ihn nicht ab. Er hat das Angebot geprüft und verworfen. Schon als die "FAZ"-Reporterin aus den USA von einer Begegnung an einer Hotelbar berichtete und kundtat, der so heftig Umworbene denke über seine "work-life-balance" nach, klang das nicht nach Schuften in einer Schlangengrube. Jetzt kann er sein Talent, seine blauen Augen, seine journalistische Erfahrung wieder voll in den Dienst der Fernsehzuschauer stellen. Zu seinem Schaden wird das nicht sein. Der Satz in seiner Begründung: "Das Fernsehen ist mein Medium" dürfte der Schlüssel für die Entscheidung gewesen sein. Vermutlich ist dies eine realistische Selbsteinschätzung.

Dass das ZDF so sehr um ihn gebuhlt hat, Intendant und Chefredakteur sogar darum wetteiferten, wer denn nun dieses Juwel ursprünglich zum ZDF gelotst habe, auch das dürfte dem "Spitzenmann des deutschen TV-Journalismus" (ZDF-Intendant Markus Schächter) gefallen haben. Mit dem Gegenlob, er habe sich für das "beste TV-Magazin" entschieden, revanchierte sich der "Leiter und Chefmoderator" des "heute journal" artig. Seine Position ist gestärkt worden, das Einkommen vermutlich auch. Sein "Standing" im ZDF ist einzigartig. Anders als dies bereits kolportiert wurde, wird man ihm eine Zukunft als Intendant sicher nicht offeriert haben (die Gremien der öffentlich-rechtlichen Anstalten würden sich das nicht bieten lassen); ein paar Annehmlichkeiten aber schon. Sicher werden wir in Zukunft häufiger schöne Reportagen aus der weiten Welt erleben dürfen. Womöglich darf Claus Kleber diese dann mit einer eigenen Produktionsfirma herstellen - so etwas weitet die Handelsspannen.

Dennoch muss auch Kleber ein wenig aufpassen: sich anstrengen, Demut zeigen. Seine narrative Stärke im "heute journal" kann auch aufdringlich wirken. Seine am Mittwoch ausgestrahlte Reportage aus Kalifornien beendete er mit dem Attribut "blauäugig". Das sollte wohl selbstironisch sein; kann aber furchtbar leicht umschlagen in nackte Eitelkeit. Wird er da in Zukunft Kritik annehmen? Daran wird sich zeigen, ob Claus Kleber tatsächlich ein kollegialer Leiter und beeindruckender Journalist sein wird.

Der "Spiegel" hat kaum noch Zeit zu beweisen, dass in seinem so besonderen Statut tatsächlich konstruktive Möglichkeiten stecken. Die jetzigen Exekutoren der Mehrheitsverhältnisse und Ausführenden der amateurhaften Personalsuche sind auf dem besten Weg, das Image des "Spiegel" zu demontieren und seine Kraft zu vergeuden.


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