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Die Medienkolumne: Was Schawinski verschweigt

Der ehemalige Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski hat ein Buch geschrieben: "Die TV-Falle. Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft." Es bietet einige brisante Einblicke hinter die Kulissen und sammelt hübsche Anekdoten. Dennoch bleibt am Ende ein fader Gesamteindruck.

Von Bernd Gäbler

Vorabdruck und Interviews. Doch, Roger Schawinski, der immer noch kräftig schwarzhaarige ehemalige Senderchef von Sat. 1, versteht etwas von Inszenierung. Bereits zehn Tage vor der offiziellen Buchvorstellung gibt es einen Vorabdruck in der Wochenzeitung "Die Zeit". Im fraglichen Kapitel erscheint er selbst als ein anspruchsvoller Manager, der sich redlich um Fernseh-Qualität müht, aber leider am Publikum scheitert. Dann erfolgen einige Interviews, stets mit ein paar neuen Akzenten. Elegant bedient er das Versprechen, den Leser durch das Schlüsselloch gucken zu lassen und die TV-Stars dabei ganz anders, in der Regel ziemlich banal zu erleben, aber dennoch vermeidet er jeden Anschein, ihm selber ginge es um ebenso banales Nachtreten.

Was ist neu? Was ist lesenswert?

Vieles ist neu, manches überraschend, einiges können wir lernen. Neu ist zum Beispiel, dass Schawinski einige Zahlen nennt, etwa die Produktionskosten für eine ordentliche, 13-teilige Serie, die er auf mindestens 7,8 Millionen Euro beziffert. Im Vergleich zu diesen Kosten ist es grotesk günstig, bereits beim Publikum bewährte US-Serien einzukaufen und diese synchronisieren zu lassen.

Neu ist, wie schnell Alexandra Neldel, Star der Serie "Verliebt in Berlin", sich ihrer eigenen Macht bewusst wurde und daraufhin knallhart zu verhandeln verstand. Neu ist, dass Otti Fischers Frau und Managerin Renate im Sender "die Tretmine" genannt wurde. Wir erfahren, wie sehr Anke Engelke das Ende ihrer "Late Night" mitgenommen hat und was sie gesagt haben soll. Es ist interessant, welch einen großen Teil der Arbeitszeit eines solchen Top-Managers die Bespaßung der jeweils aktuellen "Sender-Gesichter" einnimmt.

Kraftvoller als er dies zu seiner Amtszeit auf öffentlichen Podien je tat, polemisiert Roger Schawinski gegen öffentlich-rechtliche Privilegien. Wir erfahren etwas über Quotenmessung, Marktforschung und Rendite. Und gerne lesen wir das mit Respekt und Despektierlichkeiten gewürzte Portrait Haim Sabans, der eine "explosive Mischung aus israelischer Extrovertiertheit und perfektem Hollywood-Charme" biete. Den Sender verkaufte er am Ende ungefähr viermal so teuer wie er ihn erworben hatte.

Durch den zeitgleichen Dienstantritt hatte man von außen bisher stets den Eindruck, Schawinski sei doch im großen und ganzen ein Saban-Mann gewesen. Nun ist er eifrig bestrebt dies zu widerlegen. Für das Programm habe sich Saban nie interessiert, bewegt habe ihn letztlich nur der Drang zur Geldvermehrung. Komisch, dass ungefähr alle Kritiker dies schon von Beginn an argwöhnten, aber alle Politik - angefangen von Ministerpräsident Edmund Stoiber bis hin zur Bayerischen Landesanstalt für Medien - es ebenso heftig zurückwiesen.

Außer dass er sich selbst gerne als ebenso humor- wie kulturvollen Menschen darstellt - so habe er sich konsequent geweigert, "Reality-Formate" zu Schönheitsoperationen ins Programm zu nehmen - gilt auch Schawinskis Manager-Stolz aber besonders den Zahlen. Als er antrat, so erfahren wir, erwirtschaftet der Sender gerade einmal vier Millionen Euro; 204 Millionen Euro waren es in seiner letzten Bilanz. Von den hohen Verkaufsgewinnen verteilte Haim Saban ein Prozent ans Top-Management; normale Mitarbeiter bekamen 400 Euro; Schawinski ging leer aus. Man merkt: Das hat ihn schwer gefuchst.

Die Leerstellen - Was steht jenseits der Impressionen?

So erhalten wir Einblicke in das "TV-Business", ohne dass da ein bleischweres Abrechnungsbuch vor uns liegt. Eher besteht es aus eine Ansammlung von Impressionen. Auch einige Kollegen aus der Gilde der Medienkritik dürfen sich geschmeichelt fühlen, attestiert der Autor ihnen doch immer wieder, welch große Rolle eine gute oder schlechte Presse für Entscheidungen spielt.

Neu und bemerkenswert offen ist auch, dass Roger Schawinski schildert, wie er einige Anläufe brauchte, um endlich Sat.1-Chef zu werden. Seinen Vorgänger wird diese Lektüre erfreuen. Zielgerichtet arbeitete er also auf den Job hin. Umso verblüffender treten dann die Leerstellen zu Tage, die bei fortschreitender Lektüre immer klarer ins Bewusstsein treten. Alles ist Versuch und Irrtum, Quotenhektik und schnelles Reagieren, Austreten von Feuern und Umgang mit Stars und Prominenten.

Was aber wollte Schawinski denn genau in diesem so heiß ersehnten Beruf bewegen? Hatte er eine Strategie für Sat.1? Außer der, den miesen Gewinnmargen aufzuhelfen? Wollte er RTL Paroli bieten? Wenn ja - wie? Gab es einen Gesamtplan für Sat.1, den er durchdeklinierte, abgearbeitet hat, revidieren musste? Welche Sendungen passten in dieses Bild, welche warf er aus dem Programm? Dazu gibt es in dem Buch weder Überlegungen noch Rechenschaft. Schawinski schreibt zwar ungeschminkt, aber auch ohne jede ernsthafte Selbstprüfung.

Bei jedem Druckmaschinenbetrieb oder Autohersteller wären solche Fragen selbstverständlich, warum sind sie es nicht in einer Branche, die doch angeblich so sehr von ihren Inhalten, ja ihrer Kreativität lebt? Es bleibt der fade Eindruck: zwar ist TV-Manager ein glamouröser Job, aber vor allem besteht er aus einem furchtbar geistlosen Durchwurschteln.

Älteren Lesern, die das Privatfernsehen interessiert, ist noch das erste "Abrechnungsbuch" aus der Branche bekannt: "Glanzvolle Versager" von Dieter Lesche. Lesche war RTL-Chefredakteur und verließ den Sender im Streit mit Helmut Thoma. Sein Buch ist bitterer als das von Schawinski und bietet mehr skurile Details (beispielsweise Helmut Thomas Bemühen, dem jungen Peter Kloeppel zum Zwecke größerer Seriosität graue Schläfen zu verpassen). In der Substanz aber - und das ist eine fast erschreckende Erkenntnis - unterscheidet es sich kaum von Schawinskis aktuellem Buch. So ist dessen Werk auf hinterhältige Weise vor allem ein Dokument für die Stagnation der Branche.