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TV-Kritik

"Domian live": Domian ist zurück: Endlich wird im deutschen Fernsehen wieder zugehört

Jürgen Domian hat wieder seine Sprechstunde im Fernsehen geöffnet. Bereits nach der Premiere ist klar: TV-Deutschland braucht einen guten Zuhörer und Nachfrager wie ihn – auch ohne Headset.

Von Simone Deckner

Marikka gestand Domian ihre Vorliebe für SM-Spiele 

Marikka gestand Domian ihre Vorliebe für SM-Spiele 

ARD

"Dieser Mann hat mich ausgepeitscht – und es war wunderschön", sagt die gepflegte, blonde Dame Ü60, dabei kichert sie leicht nervös. Es ist eine erotische Beichte, wie man sie von "Domian" kennt – nur, dass Marikka sie höchstselbst auf einem unbequem aussehenden Stuhl ablegt. Sie sitzt dabei vor einer großen Fensterfront, eingerahmt von blauen Neonleuchten. Domian ist bereits wieder voll in seinem Element: wildfremde Menschen dazu zu bringen, ihm in aller Öffentlichkeit ihr Herz auszuschütten. 

22 Jahre lang hat er das beim WDR in seiner nächtlichen Call-In-Sendung "Domian" sehr erfolgreich gemacht. 2016 entschied der Moderator, nachts auch mal zu schlafen. "Ich habe die Nachtschichten nicht vermisst, aber ich habe gemerkt, dass ich den intensiven Kontakt und den Talk mit den Leuten sehr vermisse", sagte der 61-Jährige in einem Interview zu den Gründen, weshalb es ihn zurück in die Öffentlichkeit zieht. 

Die größte Neuerung: Bei "Domian live" braucht der 61-Jährige kein Headset, denn die Menschen, die mit ihm über ihre Ängste, ihre Träume oder ihre Hackfleischverwendungsarten sprechen wollen, sitzen ihm nun Auge in Auge gegenüber. Wie die ehemalige Straßenbahnfahrerin Marikka, die durch eine Affäre entdeckte, dass sie überraschenderweise doch Sado-Maso mag – Striemen auf dem Po und Ausflüge ins Pornokino inklusive. 

"Warum bist du bei mir und erzählst mir das?", fragt Domian sie irgendwann. Marikka wäre nicht die Erste, die Domians grundsätzliche Offenheit allen Menschen, Themen und Daseinsformen gegenüber für ein bisschen Fame ausnutzen würde. Ihre Antwort ist zu gleichen Teilen Kompliment wie Kollateralschaden: "Ich wollte dich sehen!", gesteht sie dem Moderator. Ein Fan. Einer von vielen. "Und wenn ich erzählt hätte, was ich gestern gegessen habe, wäre ich nicht eingeladen worden", sagt sie und lächelt entschuldigend. 

Vier Gäste, eine Stunde Zeit

In seiner Stunde Sendezeit spricht Domian mit vier Menschen, von denen er nichts weiß. Keinen Namen, keinen Beweggrund, nichts. Die Gäste haben sich vorab "eigeninitiativ" bei der Redaktion gemeldet. Manche, weil sie ihn endlich auch mal kennen lernen wollen, wie Marikka. "Was ist dein Thema?, fragt Domian, natürlich werden alle straight geduzt.

Da ist Christian, 36, der eine seltene Erbkrankheit hat, die gutartige Tumore wie Pilze in seinem Körper sprießen lässt. "Unberechenbar" sei das, sagt er. Und dass ihn die Leute auf der Straße öfters als "Krüppel" bezeichnen. "Ich bin fassungslos", sagt Domian. Man glaubt es ihm. Er kennt Christian nicht, er kennt seine Krankheit nicht, aber trotzdem darf er ihn fragen, ob er sich schon mal Gedanken zum Thema Sterbehilfe gemacht hat. Es ist Domian.

Dass er zwar sehr gut zuhören kann, heißt aber nicht, dass Domian auch für alles Verständnis aufbringt. Oder heuchelt. Der Frau, die jahrelang unter ihrer Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas gelitten hat, sagt er mit echtem Unverständnis in der Stimme: "Aber da macht man doch die Tür gleich zu, wenn die kommen!" Im Gespräch mit einer 73-jährigen Ostdeutschen, die von ihrer spektakulären Flucht im Tank eines Autos berichtet, macht er klar, dass er "so einen Hals bekommt", wenn die DDR im Rückblick schön geredet werde: "Die DDR war eine Diktatur, das war ein Unrechtsstaat", sagt er. 

Domian füllt eine Lücke

Die entscheidende Frage: Braucht man Domian heute noch – oder wieder? Die Antwort liegt auf der Hand: Wie viele Sendungen gibt es im deutschen Fernsehen, in denen ein Moderator seinen Gästen wirklich zuhört? Wo sind die Talkshows, in denen man sich Zeit nimmt für die Geschichte eines Gastes – ohne ihn dauernd zu unterbrechen? Wo sonst nimmt sich ein Moderator so angenehm zurück und überlässt seinen Gesprächspartner das Rampenlicht? 

Es mag überraschen, aber Jürgen Domians unaufgeregte Gesprächsführung funktioniert im 1:1-Gespräch fast ebenso gut wie am Telefon. Manchmal vergisst man fast, dass da jemand Bekanntes Fragen stellt, so uneitel wie der Moderator ist. Wie er das anstellt? Es bleibt Domians Geheimnis. Nach der Premiere von "Domian live" stellte der Moderator jedenfalls fest: "Ich bin ganz erstaunt, wie schnell die Stunde vorbei gegangen ist." Nicht nur ihm dürfte das so gegangen sein.

Der WDR zeigt "Domian live" an den nächsten drei Freitagen jeweils um 23.30 Uhr.