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Interview

Jürgen Domian: "Wir haben über alle Kapriolen des menschlichen Lebens gesprochen"

Nach 21 Jahren und über 22.000 Telefon-Interviews geht die Kultsendung "Domian" heute Nacht zu Ende. Dem stern verriet Jürgen Domian, wie er künftig seine Nächte verbringen wird - und wieso er täglich über den Tod nachdenkt.

Von Thorsten Hup

Jürgen Domian

Jürgen Domian moderiert am Freitag letztmalig seine Show.

Jürgen Domian, wie wird Ihre letzte Sendung sein?
Meine Kollegen werden mich mit einigen Sachen überraschen. Im Ganzen aber soll es eine normale "Domian"-Sendung werden, genauso, wie das Publikum sie seit Jahrzehnten kennt.

Warum genau hören Sie auf?

Definitiv wegen der Nachtarbeit. Die Sendung könnte ich noch zehn Jahren machen. Sie ist nach wie vor eine große Herausforderung, sie gibt mir so viel und sie macht mir einfach großen Spaß. Zudem haben wir einen tollen Rückhalt beim Publikum. Aber die Nacht geht mir zu sehr an die Substanz. Ich saß zweimal mit Hörstürzen in der Sendung. Meine Ärzte haben mir geraten, die Notbremse zu ziehen. Alles hat seine Zeit, und jetzt ist es Zeit für mich zu gehen. Natürlich gehe ich mit großer Wehmut, weil die Sendung ein Teil meines Lebens ist.

Es wird einen Nachfolger geben?

Dazu kann ich nichts sagen. Das entscheiden die Programmdirektoren des WDR.

Ist ein Comeback ausgeschlossen?

In der Rolle als Telefontalker eindeutig ja!

Wem sollen die vielen Anrufer in Zukunft Ihre schlimmsten Sorgen und geheimsten Fantasien erzählen?

Wir werden seit Monaten zugeschüttet mit Mails. Zuschauer fragen, an wen sie sich wenden sollen, es gebe keine Anlaufstellen mehr. Das tut mir wirklich sehr leid. In extremen Notlagen können die Leute sich natürlich an die Telefonseelsorge wenden.

Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter, Sie gehen bestimmt noch nicht "in Rente"?

Nein, auf keinen Fall. Von Januar bis April werde ich mit einer WDR/1LIVE-Produktion auf Talk-Tournee durch NRW gehen. Darauf freue ich mich schon sehr, weil ich dabei mit vielen Fans ins Gespräch kommen werde. Danach sehen wir weiter.

Es gab konkrete Ideen mit Atze Schröder eine gemeinsame TV-Talkshow zu machen, was ist daraus geworden?

Im Moment liegt die Sache auf Eis. Bei Atze Schröder denkt man ja an eine raue Person aus dem Ruhrgebiet. Aber das ist nur die Bühnenfigur, hinter der ein hochsensibler und sehr belesener Mensch steckt. Wir haben einige Shows ohne Sender vor Publikum und mit illustren Gästen produziert. Mit riesigem Erfolg. Entscheidungen im Fernsehen aber dauern eben lange. Auf jeden Fall möchte ich weiter talken, und zwar mit realen Gästen. Nach über 22.000 Telefoninterviews will ich meine Gäste einfach mal gerne sehen.


Mit bald 59 Jahren könnte man auch auswandern, Sie hatten in der Sendung oft von Ihrer Liebe zu Lappland erzählt...

In der Tat denke ich gerade darüber nach, einen Zweitwohnsitz entweder in Berlin oder in Lappland einzurichten. Mit Berlin bin ich schon mein ganzes Leben sehr eng verbunden. Ich liebe diese Stadt. Und Lappland habe ich für mich vor etwa 15 Jahren entdeckt. Ich reise jedes Jahr dorthin. Die Natur dort, die Stille, die Einsamkeit, all das finde ich überwältigend.

Sie schreiben gerade auch an Ihrem siebten Buch, worum geht’s?

Es wird ein Roman, mehr kann ich noch nicht sagen. Erscheinen soll er im Herbst 2017.

Warum schreiben Sie Bücher, was reizt Sie daran?

Das Schreiben ist mein zweites berufliches Standbein. Im Übrigen hat Schreiben auch immer etwas mit dem Versuch der Lebensbewältigung zu tun. Mir tut es gut, zu schreiben, auch wenn es oftmals sehr mühsam ist.

Welche Wünsche werden Sie sich erfüllen, die durch die Sendung nie möglich waren?

Ich werde viele soziale Kontakte neu aufbauen und pflegen, die bisher durch meine permanente Nachtarbeit auf der Strecke geblieben sind. Und ich werde mehr Reisen.

Sie sind bisexuell, sagen aber selbst, sich eher zu Männern hingezogen zu fühlen - haben Sie in dieser Konstellation einmal bedauert, keine eigenen Kinder zu haben?

Die hätte ich ja haben können. Es hat sich allerdings nicht ergeben. Und das liegt sicher auch daran, dass ich nie einen ausgeprägten Kinderwunsch hatte. Ich mag Kinder sehr, habe drei Patenkinder - die "Große" ist jetzt schon über 40 Jahre alt und die beiden Jungs sind noch klein - und damit bin ich zufrieden.

Wie oft hatten Sie einen Krankenschein?

Gott sei Dank war ich in all den Jahren nur selten krank. Längere Sendeausfälle gab es nicht.

Welche Geschichten aus über 22.000 TV-Telefonaten werden Sie nie vergessen?

Das kann ich gar nicht so klar sagen. Besonders in Erinnerung sind die Telefonate mit Sterbenden oder mit Menschen, die gerade einen Angehörigen verloren haben. Auch die Opfer von schweren Gewalttaten. Und natürlich die skurrilen Themen. Zum Beispiel der Anruf eines Mannes der objektsexuell orientiert war, er hatte eine Liebesbeziehung zu seiner Heimorgel. Oder die Frau, die in der Nacht immer in der Rolle einer Katze lebte. Oder der Mann, der eine (freiwillige) Sklavenkommune auf einem Bauernhof leitete. Oder die Fünfzehnjährige, die von ihrer Oma gerade zehn Millionen Euro geerbt hatte.

Welche Themen kamen in Ihren 21 Jahren Dienstzeit nicht einmal vor?

Das kann ich gar nicht sagen. Ich glaube, dass wir über fast alle Kapriolen des menschlichen Lebens gesprochen haben, die thematisch in einer solchen Sendung auftauchen können. Über Wirtschaftspolitik oder den Länderfinanzausgleich haben wir natürlich nicht gesprochen.

Welcher Anrufer hat Sie am meisten schockiert?

Sehr schockierend war für mich ein Anrufer, der über 30 Jahre in Sicherheitsverwahrung gesessen hatte, weil er ein Kind sexuell missbraucht und ermordet hatte. Er zeigte keine wirkliche Reue und ersuchte, nach so langer Zeit immer noch seine Tat irgendwie einzuordnen und zu rechtfertigen.

Werden Sie einzelne Anrufer aus der Sendung jetzt vielleicht privat besuchen, um zu den Erzählungen ein Gesicht zu bekommen?

Nein, das werde ich nicht. Wenn man einen solchen Job macht, muss man sich abgrenzen, sonst wird man aufgefressen. So habe ich es all die Jahre gehandhabt.

Hat es Sie nie gereizt, zum Beispiel den legendären "Hackfleisch"-Anrufer Edwin persönlich zu treffen?

Ach, die Geschichte ist so lange her. Aber jeder bringt sie mit unserer Sendung in Verbindung. Nach einem persönlichen Treffen stand mir eigentlich nie der Sinn. Aber wenn es sich ergeben sollte, umso besser.

Wenn es nach dem 16.12. bei Domian "Kein Anschluss unter diese Nummer" heißt, können Ratsuchende oder Fans Sie denn dann trotzdem noch irgendwie erreichen?

Bei uns ist in der Tat nach dem 16.12. Schluss. Erreichbar bin ich natürlich über Facebook, aber dort werde ich keine Beratung anbieten. Das wäre einfach nicht zu schaffen.

Bei Facebook hat Ihre private "Domian"-Seite mehr als 140.000 Fans. Zuletzt haben Sie dort aber recht selten gepostet, warum?

Das viele Posten ist einfach nicht mein Ding.

Ihre Hemden haben Kultstatus und regelmäßig für viele Nachfragen gesorgt. Wer kleidet Sie ein, wo kaufen Sie ein?

Ich bin ja nicht Thomas Gottschalk, der von anderen Leuten eingekleidet wird. Ich kaufe meine Hemden ganz normal selbst ein und bezahle sie auch selbst. Es gibt ein paar besondere Geschäfte, die meinen Geschmack gut treffen - einige in Köln, eins zum Beispiel in Amsterdam. Privat übrigens trage ich diese Hemden nie.

Wie sieht es eigentlich bei Ihnen zu Hause aus?

Ich bin recht puristisch eingerichtet. Homestories allerdings gibt es bei mir nicht.

Und in Ihrer Garage? Sie sollen Autos lieben.

In der Garage steht ein Geländewagen, mit dem ich auch immer nach Lappland fahre.

Der Tod hat in Gedanken schon als Kind eine Rolle bei Ihnen gespielt, Sie denken bis heute fast täglich darüber nach. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Der Tod ist das größte Mysterium unserer Existenz. Mich belasten diese Gedanken aber keineswegs. Im Gegenteil. Durch sie wird mir das Leben noch wertvoller. Und die meisten Alltagssorgen lösen sich sehr schnell auf, wenn man sie in Relation zum Tod setzt.

Zum Thema Tod haben Sie einmal gesagt, sich eine sehr bizarre buddhistische "Himmelsbestattung" vorstellen zu können. Geier fressen dabei in wenigen Stunden das geteilte, tote Menschenfleisch...

Diese Bestattungsform erscheint uns grausam und auch abstoßend. Mir gefällt sie. Denn so kann mein toter Körper sofort einem anderen Lebewesen Energie und Kraft geben.

Wollen Sie denn gerne älter als 100 werden?

Das kann ich gar nicht sagen. Eher wohl nicht. Vielleicht erreicht man irgendwann den Punkt an dem man sagt: Es ist gut, ich möchte gehen.

Was werden Sie demnächst nachts um 1 Uhr machen?

Wahrscheinlich schlafen!