HOME

Stern Logo Dschungelcamp

TV-Kritik

Dschungelcamp, Tag 4: Aufstand der Verschwitzten

Das Camp feiert die Vereinigung – und schon gibt es Stress. Die einen wollen das, was die anderen haben. Sogar eine Revolte droht. Bei Hanka streikt indes weiterhin die Psyche.

Von Mark Stöhr

Dschungelcamp 2017

Dieser Aufstand wird in die Geschichte eingehen. Genau 100 Jahre nach dem letzten Generalstreik in Australien erheben sich die Arbeiter erneut. Also das Lumpenproletariat. Also eine Gruppe deutscher Camper. Es geht um Gerechtigkeit in der Klassenfrage, unter anderem. Ganz konkret treibt die Aufständischen die Klamottenfrage um. Oder wie es Marc Terenzi, ihr Unterhändler, ausdrückte: "We braucken neue Händtücker and some Strumpfhoses."

Im Dschungelcamp ist es wie im richtigen Leben. Da kommen Menschen – nennen wir sie der Einfachheit halber Ossis – zum ersten Mal aus ihrer Zone der Mangelwirtschaft heraus, wo alle gleich doof aus der grauen Wäsche schauen und IM Mallorca an jeder Einheitssocke schnüffelt. Und dann betreten sie eine Welt, wo alle cool drauf sind und vor allem cool aussehen. Nennen wir sie die Wessi-Welt. Die Ossis kriegen erstmal eine Suppe mit Einlage und einen Satz Begrüßungsklamotten. Das ist nicht nur recht und billig, sondern vor allem bitter nötig.

Dschungelcamp 2017, Tag 4: Heißer Flirt und kühle Drinks
Dschungelcamp 2017

Bäh! Sarah Joelle mag ihren Drink aus pürierter Emu-Leber und Emu-Blut nicht - und spuckt ihn auf der Stelle wieder aus.

Wir haben es mit einem Lügen-Camp zu tun

Doch im West-Sektor regt sich Widerstand gegen die Willkommenskultur. Jetzt kommt Markus Majowski ins Spiel. Er ist der Begründer der Fünf-Sterne-Bewegung, die den Leistungsgedanken zum obersten Prinzip erhoben hat. Coole neue Sachen, ja, lautet seine Losung, aber bitteschön für die High Performer. Majowski schickte seinen Adjutanten Honey zu Trump-Fan Terenzi, um diesen über seine Rechte als Proletarier aufzuklären. "Gewerkschaften", bläute er ihm ein, "sind nicht dazu da, um die Firma kaputt zu machen. Es geht darum zu sagen: Wir wollen auch etwas haben." Zum Beispiel some Strumpfhoses.

Selten ist ein Aufstand dermaßen kraftlos in sich zusammengesackt ("Unsere alten Klamotten waschen? Okay, kein Problem, machen wir so"). Aber er ist symptomatisch für diese Schattenboxer-Community, in der bisher nur mit Platzpatronen geschossen wird. Keine Eier in der Buxe, alles pseudo. Wenn Gina-Lisa am Lagerfeuer ihr postfaktisches Gesicht zu Honey dreht und ihm einen verklärten Blick zuwirft, ist das nicht einmal die Behauptung einer beginnenden Romanze. Sondern durch und durch Fake. Wir haben es mit einem Lügen-Camp zu tun. Wo bleibt der Aufschrei?

Dschungelcamp 2017: Wie mit Ramona Leiß im Aufzug

Die einzige, die zumindest mit echten Dämonen zu kämpfen hat, ist Hanka. Was für ein Wahnsinn. Das ist wie mit Höhenangst auf einem Felsvorsprung Urlaub machen. Oder mit Ramona Leiß im Aufzug steckenbleiben. Wenn Hanka eine "komische Stimmung" hat – Panik? Psychose? –, friert sie mitten in der Bewegung ein wie dieser Fuchs, der neulich in die Donau gefallen ist. Gestern kam während einer dieser Zustände zufällig Fräulein Menke vorbei, selbst eine, die nicht alle Tassen im Schrank hat. Kam – und ging gleich wieder. Ihre Begründung trug die Signatur von 500 Therapiesitzungen: "Wenn Menschen was für sich aufmachen, muss man nicht auf sie eindringen."

Für Hanka war die Zusammenlegung der beiden Teams, der für sie mit dem Umzug ins Base Camp verbunden war, ein großes Problem. Ticks, lernte man, brauchen wie ihre Träger ein festes und gewohntes Territorium, um nicht komplett durchzudrehen. Als alle Sachen gepackt waren, beschwor die 47-Jährige noch einmal den solidarischen Geist der Gruppe, als würde gleich das Politbüro geschlossen in den Westen rübermachen ("Wir halten mental zusammen"). Dann nahm sie Abschied von ihren Freunden: Drei Vögeln und einer Libelle.

Dass sie ihren Mitbewohnern tierisch auf den Sack geht, dringt zu der Immobilienmaklerin, so scheint es, gar nicht so recht durch. Ist aber jetzt auch egal. Denn es gilt: Neustart, Reload, Reset. In Marc Terenzi, unserem Unterhändler der Herzen, hat sie offenbar auch schon einen Verbündeten gefunden. Der führte sie am ersten Abend durch die neue Umgebung und entdeckte dabei eine Seite an ihr, die bislang gänzlich verborgen war: "Hänka ist superfunny."

Dschungelcamp: Warum Nicole Mieth & Co. vor dem Camp-Einzug nackt posieren