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Dschungelcamp-Bilanz: Der Zuschauer, das mitfühlende Wesen

Die Auswertung der Telefonvotings des RTL-Dschungelcamps zeigt, dass die Zuschauer nicht hämisch sind und sich am Leid anderer ergötzen, sondern zutiefst moralisch und zu großer Empathie fähig sind.

Von Carsten Heidböhmer

Die fünfte Staffel von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" hat jede Menge Rekorde gebrochen: Nie zuvor hatte die Dschungelshow so viele Zuschauer, seit 15 Jahren hatte RTL keinen so starken Quotenmonat mehr. Und nie zuvor nahmen die Ereignisse im Camp so dramatische Formen an. Jene Nacht, als einige Bewohner Sarah Knappik per Ultimatum zum Auszug zwangen, dürfte in die TV-Geschichte eingehen: Selten zuvor hatte man in einer Fernsehshow derart unverstellt eine Gruppendynamik verfolgen können.

In seinem Buch "Herr der Fliegen" hatte der britische Schriftsteller William Golding 1954 ganz ähnliche Prozesse beschrieben - und war dafür mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet worden. Anno 2011 könnten die Menschen in Deutschland derartige Inhalte ausgerechnet im Privatfernsehen nachvollziehen. Da wollte selbst das sonst so mäkelige Feuilleton nicht in die Suppe spucken und ließ die "Stars" in Australien weitestgehend unbehelligt ihren Ekelprüfungen nachgehen.

Kein Unterschichtenfernsehen

Auch die Zuschauer dürften mit dieser Staffel rehabilitiert worden sein. Zunächst widerlegten die aktuellen Daten von Media Control, dass es sich bei den Dschungelcamp-Guckern um Unterschichtenfernsehen handele: Ein knappes Drittel der Zuschauer hat Abitur, jeder fünfte Dschungelcamp-Zuschauer verfügt sogar über einen Uni-Abschluss.

Und: Die aktuelle Staffel konnte auch mit einem zweiten hartnäckigen Vorurteil aufräumen: Den Zuschauer der Ekelshow werden gerne niedere Instinkte unterstellt. Sie ergötzten sich am Leid des Medienprekariats und empfänden Genuss, wenn gescheiterte Ex-Stars im Dschungel gedemütigt werden.

Doch das Anruf-Verhalten der Zuschauer in der fünften Staffel ergibt ein ganz anderes Bild: Die Auswertung der Telefon-Votings zeigt den Zuschauer als zutiefst moralisches Wesen, das Zivilcourage honoriert und Mobbing abstraft. Besonders deutlich wird dies an den Werten des späteren Dschungelkönigs: In den ersten drei Sendungen rangierte Peer Kusmagk im einstelligen Prozentbereich, am 23. Januar wäre er mit lediglich 5,43 Prozent der Anrufer beinahe aus dem Camp geflogen.

Der 70-Prozent-Mann

Dann kam jene dramatische Nacht, in der sich eine Gruppe um Mathieu Carrière zusammenrottete und Model-Zicke Sarah Knappik aufforderte, das Camp zu verlassen. Kusmagk beteiligte sich nicht an diesem Mobbing - und geriet so selbst auf die Abschussliste seiner Mitbewohner, die ihn fortan schnitten.

Die Zuschauer belohnten sein couragiertes Eintreten: In der Telefonabstimmung vom 25. Januar schnellten seine Werte auf 28,51 Prozent hoch, am 26. Januar konnte er mit 55,49 Prozent die absolute Mehrheit der Anrufer auf sich vereinigen, und am 27. Januar erreichte er glatte 70 Prozent.

Komplettiert wird dieses Bild durch die Resultate seiner Gegenspieler: Als erstes wurde Mathieu Carrière am 26. Januar dafür abgestraft, dass er seinen Busenfreund Peer so kalt abserviert hatte: Er musste das Camp verlassen. Noch brutaler der Absturz von Jay Khan und Indira Weis: Die beiden gehörten vor der dramatischen Dschungelnacht immer zu den drei beliebtesten Kandidaten. Doch danach war auch für sie alles anders: Die Zuschauer knöpften sich nach und nach die übelsten Mobber vor: Nach Mathieu waren dann Indira und Jay fällig.

Das Publikum mag kein Schmierentheater

Im Fall von Jay und Indira kommt ein weitere Aspekt dazu: Das Publikum mag es nicht, wenn ihm etwas vorgespielt wird. Als es gar zu offensichtlich wurde, dass die beiden ihre Liaison nur inszeniert haben, um Sympathien beim Publikum zu gewinnen, wendeten sich die Zuschauer mit aller Macht gegen sie: Foren-User bezeichneten die beiden als Gay und Intriga, und Jay Khans Facebook-Profil ist inzwischen nicht mehr erreichbar.

Was nun im Camp authentisch war und was nicht - darüber lässt sich keine letztgültige Aussage treffen. Fest steht aber: Wenn die Zuschauer das Gefühl haben, dass ihnen ein Schmierentheater vorgespielt wird, reagieren sich mit heftiger Ablehnung. Die Tränen von Peer, mögen sie echt gewesen sein oder nicht - sie rührten die Zuschauer.