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E-Mail von Till: Was sind schon 350 Millionen?

Wieso regt sich eigentlich das ganze Land über die Überweisungspanne der KfW auf? So ein technischer Fehler wäre stern.de-Kolumnist Till Hoheneder zwar nicht passiert, aber mal ehrlich: Spenden können doch gar nicht hoch genug sein. Das wissen sogar Brad Pitt und Angelina Jolie.

Leute, mal ganz ehrlich! Dass meine Oma mit ihren 92 Jahren nicht mehr alles so ganz richtig auf die Reihe bekommt - geschenkt, oder? Unvergessen ein Dialog aus meiner späten Jugend: "Junge, wat hörst Du denn da wieder für 'nen lauten Mumpitz?" Ich sage: "Kennst Du doch eh nicht, Oma, das sind die Stones." Oma: "Ja sicher kenn' ich die Stones, dat sind doch die Beatles!" Aha. Und ihre einzige Sorge zum Thema Banken-Debakel in den USA war jetzt, "dass der Lehmann da wieder heile rauskommt. Sie habe den immer so gern gemocht. "Wat macht der denn auch da in den USA, ich denk der spielt für Deutschland?"

A little bit confused, the old Lady! Nun gut, ich verstehe ja auch nicht mehr von der Finanzwelt als meine Oma. Aber eins wäre mir auf jeden Fall nicht passiert: Einer Pleite-Bank, von der auch schon alle Welt weiß, dass sie pleite ist, schnell noch 'ne 350-Millionen-Überweisung rüber zu schieben! Laut Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) war das natürlich ein technischer Fehler! Wie darf man das denn verstehen? Sollten ursprünglich nur 35 Euro überwiesen werden? Hat der Computer sich vertan und statt der 35-Euro-Spende für Bruder Lehmann... Nee, Spaß beiseite: Das kann natürlich nur bei einer Staatsbank passieren, deren leitende Angestellte wahrscheinlich so hart arbeiten, dass zum Zeitung lesen, Radio hören, Fernsehen gucken oder gar Internetsurfen keine Zeit bleibt. Und zu Hause beim Abendessen war es wahrscheinlich so: "Liebling, was ist denn da in den USA mit dieser Bank los?" Und der KfW-Vorstand antwortet seiner Frau: "Bitte, Schatz! Ich habe keine Ahnung, wovon Du sprichst. Und außerdem: Wir hatten doch eine Abmachung, oder? Zu Hause wird nicht über die Arbeit gesprochen."

Geldvernichten leicht gemacht

Jawoll. Da kriegt dann auch der alte Gewerkschaftsslogan wieder einen Sinn: Am Wochenende gehört Papi mir! Und überhaupt, was sind schon 350 Millionen? Kann eine Spende zu hoch sein, wenn man helfen will? Die Amis haben uns nach dem Krieg immer wieder geholfen. Da wird es Zeit, dass wir auch mal ein bisschen Entwicklungshilfe zurückgeben. Die Promis gehen wie immer mit gutem Beispiel voran. Brangelina verhökern ein Babyfoto ihrer Zwillinge für geschmeidige 14 Millionen Dollar - natürlich für einen guten Zweck: Waisenhäuser, die damit neue Adoptionskinder großziehen für kaufwillige Promis wie Ricky Martin. Da höre ich schon ganz rührend Elton John am Piano jallern: That's the circle of life.

Aber unter uns: 14 Millionen für ein Foto - und was ist drauf zu sehen? Zwei langweilige Babys. Für 14 Millionen würde ich ein brisantes Foto von Amy Winehouse wollen - mit einem Clausthaler Alkoholfrei! Aber was will man machen? Die Geldvernichter sind überall: Die 66.000 Euro, die RTL an Brigitte Nielsens Chirurgen für die Runderneuerung überwiesen hat, sind mindestens genauso überflüssig wie die Last-Minute-Überweisung der KfW an die Lehman Brothers. Denn: Für 6.000 hätte man einen zuverlässigen Russen gefunden, der sie abgemeldet hätte! Und mit den restlichen 60.000 hätte man soviel Gutes tun können. Na ja. Bis die Tage!

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