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Interview

Florian Lukas über "Weissensee": "Wenn man Ostdeutsche diffamiert, fühle ich mich auch angesprochen"

Seit 2010 verkörpert er den tapferen Martin Kupfer in der Serie "Weissensee". Die nun startende vierte Staffel erzählt die letzten Monate der DDR. Im stern-Gespräch erklärt Florian Lukas, warum diese Zeit für das Verständnis der Gegenwart so wichtig ist.

Florian Lukas am Set von "Weissensee"

Florian Lukas wurde 1973 in Ost-Berlin geboren. Ende der 90er Jahre wurde er bekannt mit Rollen in der Til-Schweiger-Komödie "Der Eisbär" und dem Kultfilm "Absolute Giganten". 2003 wirkte er in "Good-Bye, Lenin!" mit, in dem er die DDR wieder aufleben ließ. Seit 2010 spielt er in der DDR-Serie "Weissensee" den aufrechten Martin Kupfer, der mit dem Stasi-Staat nichts zu tun haben will.

Picture Alliance

Herr Lukas, wie war das für Sie, nach einer mehrjährigen Pause wieder zum Set von "Weissensee" zu kommen?
Erst muss ich mich in das Drehbuch und in meine Rolle hereinfummeln. Aber dann ist es wie nach Hause kommen. Es sind nicht nur die bekannten Schauspielkollegen, die man wiedertrifft, es ist die ganze Crew: Wir sind die "Weissensee"-Familie. Es herrscht eine große Vertrautheit.

Die 4. Staffel spielt im Jahr 1990. Ist es Ihnen schwer gefallen, sich gedanklich in die damalige Zeit zu versetzen?
Ja. Ich kenne vieles nur aus Erzählungen. Ich hatte damals andere Interessen als Politik. Mit 16 fing mein Leben gerade erst an und ich konnte plötzlich machen, was ich wollte. Konnte meine eigenen Entscheidungen treffen. Niemand hat mir gesagt, was ich zu tun und zu lassen habe.

Sie haben den Mauerfall als Befreiung empfunden?
Ja. Die berechtigte Angst und Skepsis der Älteren um ihren Job und ihre Existenzgrundlage - die Probleme waren mir damals nicht bewusst. Durch die Dreharbeiten musste ich mich wieder in diese Zeit hineindenken. Ich hatte vergessen, in welcher Rasanz der Zusammenbruch der passierte.

Was ist das besondere an der Art, wie "Weissensee" von dieser Zeit erzählt?
Die Serie behandelt die Traumata und Verwerfungen der Geschichte sehr deutlich. Die meisten Filme enden immer mit dem 3. Oktober 1990. Danach ist alles gut. Danach gibt es keine Probleme mehr. Ich glaube, wenn wir etwas wissen wollen über das , in dem wir heute leben, dann müssen wir auf die Zeit der Wiedervereinigung gucken. Das ist ein Riesenthema. Ich bin erstaunt, dass wir mit "Weissensee" die Ersten sind, die sowas machen.

Sie selbst sind zwei Tage vor der letzten Volkskammerwahl 17 geworden. Wahlsieger wurde überraschend die . Die Bürgerrechtsbewegung, die den Zusammenbruch der DDR maßgeblich herbeigeführt hat, erhielt dagegen kaum Stimmen. Wie haben Sie das Wahlergebnis empfunden?
Ich war damals sehr enttäuscht. Ich habe sympathisiert mit den Leuten, die auf die Straße gegangen sind und eine bessere DDR wollten. Die Idee, die DDR nicht abzuschaffen, sondern zu reformieren, war gut - zumindest theoretisch. Dass die Stimmung so schnell umschlägt, dass so schnell andere Dinge wichtig wurden, das hat mich enttäuscht. Im Nachhinein kann ich verstehen, warum die Leute damals so gewählt haben. Nicht verstehen kann ich hingegen die nachträgliche Enttäuschung dieser Wähler: Dass das Wahlergebnis die Wiedervereinigung und damit große Veränderungen mit sich bringt, das war eigentlich klar.

Hätte es bei einem anderen Wahlergebnis eine Alternative zur Wiedervereinigung geben können - einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und ?
Ich glaube nicht. Ich bin heute Mitte 40 und verstehe viel besser, warum die Leute kein Interesse an weiteren Experimenten hatten. Auch ich hätte wenig Lust gehabt, mich in die Hände von Leuten zu begeben, die wieder etwas ausprobieren wollen.

In "Weissensee" sagt ein Versicherungsmanager aus dem Westen: "Alles, was kommt, wird weniger demokratischen Entscheidungen folgen als wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Das war schon immer so." Teilen Sie diese pessimistische Einschätzung?
Ich glaube nicht, dass die Wirtschaft unsere Gesellschaft regiert und die Demokratie nur ein Scheinkonstrukt ist. Aber natürlich gibt es wirtschaftliche Interessen und Notwendigkeiten. Die abzustreiten, empfinde ich als heuchlerisch.

Heute herrscht bei vielen Menschen, besonders im Osten, der Eindruck vor, dass die Gesellschaft ähnlich unfrei ist wie die DDR. Da fallen Schlagworte wie Gesinnungsdiktatur und Systemmedien. Woran liegt das?
Das weiß ich genauso wenig wie alle anderen. Ich weiß nur, dass es nicht viel bringt, wenn man mit dem Finger auf die Ostdeutschen zeigt und die für dumm hält, wie man es jahrzehntelang gemacht hat. Wenn man ostdeutsche Männer im Allgemeinen diffamiert, fühle ich mich damit auch angesprochen. Man muss die 90er Jahre als gesamtdeutsches Phänomen betrachten, dann wird man die Gegenwart viel besser verstehen.

Am Beispiel der Familie Kupfer zeigen die neuen Folgen, wie 1990 über das Ende des Sozialismus und die DDR diskutiert wurde. Gab es diese Diskussionen in Ihrer Familie auch?
Damals blieb gar keine Zeit zu reflektieren. Man musste sehen, dass man sein Leben neu aufstellt und nicht komplett unter die Räder gerät. Das hat die meisten Leute betroffen. Es wäre langsam mal an der Zeit darüber zu sprechen, was passiert ist. Ich rede nicht nur von Verletzungen und Traumata, sondern von Brüchen, die einfach da sind, die es zu bewältigen galt. Und die die meisten Leute auch bewältigt haben. Das ist eine enorme Leistung.

Wird das nicht genügend gewürdigt?
Ich hab die Erfahrung gemacht, dass sich viele Leute nach der Wende verschanzt haben, wenn man die DDR kritisiert hat. Weil sie das Gefühl hatten, ihnen wird das komplette Leben genommen. Der Unrechtsstaat wurde mit dem eigenen Leben verwechselt. Das hat die Leute trotzig gemacht, aber auch verschlossen. Es war ja auch nicht jeder, der sich für den Staat eingesetzt hat, ein Sadist. Der Idealismus vieler Menschen wurde missbraucht.

Kann eine Serie wie "Weissensee" einen Dialog ermöglichen, gegenseitiges Verständnis wecken?
Ich habe mich durch meine Arbeit lange Zeit nur in Westdeutschland bewegt, da spielte der Ost-West-Gegensatz nie eine Rolle. Alle die ich getroffen habe, waren immer sehr offen und interessiert. Aber natürlich gab es einen allgemeinen Mangel an Anerkennung, das muss man schon feststellen. Ich weiß aus den Erzählungen vieler Leute, die auf mich zugekommen sind und mir geschrieben haben, dass "Weissensee" geholfen hat. Viele Gespräche sind darüber erst in Gang gekommen, dass wir in der Serie aus der Zeit erzählt haben. Das war auch in meiner Familie so. 

Die ARD zeigt die 4. Staffel von "Weissensee" am 8., 9. und 10. Mai ab 20.15 Uhr jeweils in Doppelfolgen.