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TV-Kritik "Günther Jauch": Studiogast zwingt Jauch zu Schweigeminute

Nach dem Flüchtlingsdrama im "Todeskanal Mittelmeer" mit Hunderten Toten diskutierte Günther Jauch mit seinen Gästen, wie den Menschen geholfen werden kann. Ein Gast setzte eine Schweigeminute durch.

Von Andrea Zschocher

Eine Minute Schweigen bei Günther Jauch. Das setzte Harald Höppner gegen den Willen Jauchs mitten in der Sendung durch. Höppner, der ein altes Fischerboot kaufte, um damit im Mittelmeer Flüchtlinge zu retten, hat den festen Willen "das Drama in die Medien" zu bringen. Mit seiner Privatinitiative "Sea Watch" will er vor Ort helfen. Er reagierte emotional und mit Unverständnis auf ein emotionales Thema.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag sind im Mittelmeer vermutlich 700 Flüchtlinge gestorben, Höppner will helfen. Wie konkret er das machen will, dazu verweigerte er die Aussage. Schade, denn das, so bestätigte auch Jauch, interessierte den Zuschauer. Höppner aber, kein Medienprofi sondern einer der einfach nur helfen will, war dem Druck und seinen Gefühlen nicht gewachsen. "Ich finde es nicht passend, hier politisch zu diskutieren", sagte er. Das aber ist nötig, in der Debatte um Flüchtlingsdramen.

"Europa tötet durch Unterlassen"

"Was ist unsere Pflicht?" fragte Jauch unter anderem Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" und den Verleger und Chefredakteur der Schweizer "Weltwoche", Roger Köppel. Die beiden standen sich in ihren Meinungen konträr gegenüber. Während Prantl der Europäischen Union vorwarf, dass sie für den Tod all der Flüchtlinge verantwortlich sei, wies Köppel das weit von sich.

Er forderte "den Todeskanal Mittelmeer" zu schließen und auf keinen Fall noch mehr "Anreize" zu schaffen, dass Menschen die gefährliche Reise auf sich nehmen. Seiner Meinung nach sei das Problem, dass all die Flüchtlinge in Europa Asyl beantragen, aber nicht alle von Krieg und Verfolgung bedroht seien. Prantl verurteilte Köppel dafür scharf. "Wollen Sie die Menschen zur Abschreckung auf dem Mittelmeer sterben lassen?", fragte er.

Der Journalist war sich sicher: "Europa tötet durch Unterlassen." Die EU würde die Flüchtlinge auf die Boote zwingen, weil eine Flucht nach Europa auf dem Landweg nicht mehr möglich sei.

"Werden sie zusehen, wie ich ertrinke?"

Maya Alkhechen floh mit ihrer Familie über das Mittelmeer. Auf einem Boot, acht Meter breit, 20 Meter lang. 310 Menschen befanden sich an Bord, die Flucht dauerte sechs Tage und sieben Nächte. Alkhechen erzählte eindrücklich von ihrer Flucht und der Panik, die sie in all der Zeit durchlitt. Ihre zwei Kinder saßen auf ihrem Schoß und bei jeder Welle fragte sie sich "Wen werde ich halten? Werden sie zusehen, wie ich ertrinke, oder werde ich sehen, wie sie ertrinken?"

Sätze, die sprachlos machen, und denen auch Köppel nichts entgegensetzen konnte. Dennoch, es ging seiner Meinung nach nicht "um Einzelschicksale". Er wollte über "den massenhaften Missbrauch des Asylrechts sprechen." Und über die Schlepper, die den Todeskanal Mittelmeer erst möglich machen. Auch wenn die Schlepper an ihrem Leid verdienten, Alkhechen ist ihnen dankbar. "Ich hätte auf andere Weise nie nach Deutschland kommen können", berichtete sie. Inzwischen hat sie Asyl bekommen. Auf den Vorschlag vom ehemaligen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, CSU die Probleme in den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu lösen, reagierte sie emotional.

Friedrich schlug vor, "Zentren in Nordafrika zu errichten" und Boote vor der Küste patrouillieren zu lassen. Diese könnten die Flüchtlinge abfangen und wieder zurück nach Nordafrika schicken. So würde sich niemand mehr auf die gefährliche Reise machen. Maya Alkhechen, die floh weil ihr Leben bedroht war, wühlte vor allem auf, dass sowohl Hans-Peter Friedrich als auch Roger Köppel den Flüchtlingen pauschal unterstellten nach Europa zu kommen, weil sie auf der Suche nach einem besseren Leben seien.

Im Mittelmeer oder vor Ort helfen?

Europa schützt nicht die Flüchtlinge, Europa schützt seine Grenzen, ist sich Heribert Prantl sicher. Als Beweis dafür führte er auch "Mare Nostrum" ins Bild, die Seenotrettungsoperation, die von Italien ins Leben gerufen wurde. Mutmaßlich 100.000 Flüchtlinge wurden gerettet, auch, weil die Rettung auf hoher See erfolgte. Da die Kosten in monatlicher Höhe von zehn Millionen Euro fast vollständig von Italien getragen wurden, wurde das Projekt im letzten Jahr eingestellt. Kaum ein anderes europäisches Land wollte sich daran beteiligen. Nun operiert Triton, monatliche Kosten von drei Millionen Euro, allerdings nur küstennah.

Auch geladen war Christian Haase, der Sprecher einer Bürgerinitiative in Bautzen. Er kam kaum zu Wort, denn sein Anliegen war, die Flüchtlinge, die zukünftig nach Bautzen kommen werden, nicht alle in einem Asylbewerberheim unterzubringen. Einige sollen seiner Meinung nach im Heim untergebracht werden, andere dezentral. Seine Bürgerinitiative gründete er, weil er sich von der Politik übergangen fühlte. Harald Höppner zeigte mit seinem Auftritt wie emotional aufgeladen das Thema Flüchtlinge im Mittelmeer ist. Während Roger Köppel ablehnt, weitere Flüchtlinge in der EU aufzunehmen, fordern andere wie Heribert Prantl eine Europapolitik, die Asylsuchende stärker unterstützt.

Braucht es mehr Aktionismus wie die "Sea Watch" von Höppner? Oder mehr Hilfe in Nordafrika, so dass die Flüchtlinge sich nicht auf den Weg nach Europa machen, wie Hans-Peter Friedrich vorschlug? Wie schon der vorangegangene ARD Brennpunkt ließ auch die Talkshow den Zuschauer aufgewühlt, aber ratlos zurück.