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Milliardenindustrie Menschenschmuggel: Der Tod ist nicht gut für das Geschäft

Wieder sind Hunderte von Flüchtlingen im Mittelmeer ums Leben gekommen. Das Geschäft mit Flüchtlingen ist eine Milliarden-Industrie. Der stern hat sich in der Türkei auf Spurensuche begeben.

Von Joachim Rienhardt (Text) und Özgür Baykal (Fotos)

Im Bauch des Schmuggelfrachters "Blue Sky M": 770 Menschen waren zu dem Zeitpunkt, als ein syrischer Flüchtling dieses Foto gemacht hat, an Bord

Im Bauch des Schmuggelfrachters "Blue Sky M": 770 Menschen waren zu dem Zeitpunkt, als ein syrischer Flüchtling dieses Foto gemacht hat, an Bord

Die Festung Europa sei ganz einfach zu nehmen, sagt Madschdi al Sajid. Mit Allahs und natürlich auch mit seiner Hilfe. "Ich kann dich noch heute Nacht rüberbringen, wenn es Gott erlaubt", sagt der Sohn eines wohlhabenden Syrers, der vor einem Jahr in die Türkei geflohen ist. Al Sajid, Ende 20, kurze schwarze Haare, akkurat getrimmter Vollbart, wippt mit seinen Füßen, die in glänzenden Lackschuhen stecken. Er zieht an der Wasserpfeife. Seine Worte strotzen vor Selbstgewissheit: "Ich habe schon drei-, viertausend da rübergebracht. Du kannst jeden hier nach mir fragen."

Von draußen dringt kaum Tageslicht in seine Operationsbasis, das Café des Green-Tower-Hotels, Mersin, Südanatolien, 200 Kilometer westlich der syrischen Grenze. Nur ein weiterer Tisch ist besetzt. Im Fernsehen laufen Nachrichten. Der Muskelmann hinter der Bar blickt düster. Madschdi al Sajid aber verströmt gute Laune: "Mein Schiff da draußen ist 78 Meter lang. Alles hochmodern. Da geht alles elektrisch." Er lacht gönnerhaft: "Du bist in guten Händen. Ich bin ein Großer in diesem Geschäft."

Mit Frachtschiffen ins vermeintliche Paradies

Madschdi al Sajid ist Menschenschmuggler, einer von Tausenden in diesem Gewerbe, das weltweit, so eine Schätzung der Vereinten Nationen, mehr als sieben Milliarden Euro umsetzt, die Hälfte davon allein am Mittelmeer. Mersin, der größte Containerhafen an der Türkischen Riviera, ist das neue Zentrum dieses florierenden Geschäfts. Nicht nur, weil Krieg und Elend in Syrien für immer noch mehr Nachschub sorgen. Sondern auch, weil die Schmuggler von Mersin ihre Kundschaft inzwischen mit großen Frachtschiffen auf die Reise ins vermeintliche Paradies Europa schicken.

Das wirft zwar nicht unbedingt mehr Gewinn ab als mit kleinen Booten, die vor allem aus Libyen Tausende Flüchtlinge übers Mittelmeer bringen. Doch Frachter sind seetüchtiger, auch im Winter zu gebrauchen. Das Geschäft mit den Träumen der Verzweifelten muss keine Pause machen. "Ich habe vor Kurzem erst ein Schiff mit 1000 Menschen geschickt. Es hat nur vier Tage bis nach Italien gebraucht. So schnell war noch keiner", sagt Madschdi al Sajid. "Jetzt habe ich schon wieder 700 Passagiere."

Der Bruder kämpft für einen Al-Kaida-Ableger

Sie warten im Green-Tower-Hotel, einem modernen Hochhausklotz inmitten einer Ferienwohnanlage, direkt am Strand, 16 Stockwerke hoch, 144 Suiten. Jede einzelne vollgepfropft mit Landsleuten des Syrers, dessen Bruder Muhammad für den syrischen Al-Kaida-Ableger Jabhat al Nusra im Kampf als Märtyrer starb. Der richtige Glaube hilft in diesem Gewerbe. Das ist ein Gütesiegel, schafft Verbundenheit und auch Vertrauen. Porträts seines rauschebärtigen Bruders mit geschulterter Kalaschnikow präsentiert al Sajid auf seiner Facebook-Seite ganz vorn. Dann kommen Meldungen über erfolgreich abgeschlossene Reisen nebst Foto des Schiffs: "Danke, Gott und Gebieter der ganzen Welt, meine Fahrt ist in Italien angekommen. Allah hat es möglich gemacht."

An der Rezeption liegt noch ein altes Formular, mit dem die Gäste einst Brötchen bestellen konnten. Auch das Bild Atatürks, des Begründers der modernen , hängt da noch und das Schild, auf dem der Check-out bis spätestens 12 Uhr angemahnt wird. Doch der normale Hotelbetrieb ist längst eingestellt. Der letzte Eintrag eines regulären Gastes bei Tripadvisor stammt vom 19. August 2014: "Die Zimmer sind furchtbar, … die Rezeption scheint ein Problem mit den Gästen zu haben, ich hatte sogar Angst, sie anzusprechen." Urteil: "Never again."

Das Mekka der Glückssucher

Ein syrischer Geschäftsmann mit Wohnsitz in Saudi-Arabien hat das Green Tower auf fünf Jahre gepachtet. Und das bereits im Mai, als die meisten noch über die klassische Route von Libyen nach Italien kamen, immer noch mehr Menschen in immer noch kleineren Booten. 2014 kamen dreimal so viele wie in den Rekordjahren zuvor, geradezu animiert von der italienischen Küstenwache, die direkt vor der libyschen Küste patrouillierte und Schiffbrüchige zuverlässig aus dem Wasser fischte. Die Schleuser kalkulierten diese Hilfe ein. Mitunter brachten sie ihre Boote absichtlich zum Sinken. So haben die Küstenschützer das Geschäft sogar noch angeheizt. Ein Unsinn, der monatlich neun Millionen Euro verschlang, offiziell wurde das Programm aus Kostengründen eingestellt. Das war im Oktober. Seither hat sich Mersin zum neuen Mekka der Glückssucher entwickelt.

Mohamad Alsaleh war Rezeptionist im Green Tower-Hotel - bis er Streit mit den Schmugglern bekam. Die hatten seine Frau und Kinder in einer 20-Meter-Nussschale nach Italien gebracht.

Mohamad Alsaleh war Rezeptionist im Green Tower-Hotel - bis er Streit mit den Schmugglern bekam. Die hatten seine Frau und Kinder in einer 20-Meter-Nussschale nach Italien gebracht.

Die Seele dieser Menschen ist tot

"An manchen Tagen kommen 750" , sagt Ziad Mnlla, 43, Präsident der Syrian Social Gathering, einer Hilfsorganisation in , getragen von syrischen Unternehmern am Ort. "Wir versuchen, sie aufzuhalten. Aber das gelingt in den wenigsten Fällen. Die Seele dieser Menschen ist tot. Sie wollen nur noch weg." Auch der Umstand, dass im vergangenen Jahr mehr als 3400 Menschen ertrunken sind, schreckt sie nicht. "Inzwischen kommen die Flüchtlinge aus der ganzen Türkei, auch aus Istanbul" , sagt Mnlla. Und natürlich direkt aus Syrien.

Zu Dutzenden fallen sie täglich am Busbahnhof ein, wo zerlumpte Kinder verarmter Syrer Dosen und Plastikflaschen in großen Handwagen einsammeln. Achtlos ziehen die Ankommenden an ihnen vorbei. Ganze Familien mit staubigen Taschen und trister Miene, Männer in Gruppen, Einzelreisende. "Früher kamen die Reichen. Viele davon sind jetzt arm", sagt Ziad Mnlla. "Jetzt kommen die Armen." Sie nehmen alles Geld, das sie für die Flucht zusammenkratzen können. Sie wollen nicht in der Türkei bleiben, um nach einem Jahr ganz ohne dazustehen. Ohne Job. Ohne Asyl. Ohne Sozialhilfe. Ohne Wohngeld. In der Türkei sind sie nur Gast. Insgesamt sind es schon über drei Millionen, viele davon nicht registriert, längst sind sie nicht mehr alle willkommen.

Er hat nur etwas Wäsche zum Wechseln

Menschen wie Muhammad, Student der englischen Literatur aus dem nordsyrischen Aleppo. Ein Katzensprung ist es von dort bis zur türkischen Grenze, weniger als zwei Euro mit dem Bus. Jetzt steht der 25-Jährige mit der randlosen Brille verschüchtert am Busbahnhof. In seinem kleinen Rucksack hat er nur etwas Wäsche zum Wechseln dabei, in einer Plastiktüte eine Wolldecke für die Nacht. In der Manteltasche stecken 6500 Dollar, umgerechnet etwa 5700 Euro. Das Geld kommt von seinem Vater, einem Bauunternehmer, der die Flucht als Investment für die Zukunft finanziert.

Ein Strahlen geht über Muhammads Gesicht, als er den bärtigen Mann entdeckt, der ihn im Auftrag des Schmugglers abholt. Der Bärtige hat schon Muhammads Cousin an denselben Schleuser vermittelt. Hat wunderbar geklappt. Sowohl für den Vermittler, dem jeder Neukunde 500 Dollar bringt, als auch für den Cousin. Der ist längst in Frankreich. Das schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist wichtig in diesem Geschäft, das von Mund-zu-Mund-Propaganda lebt.

Der Vermittler ist ein Freund seines Cousins

Muhammad hat den Vermittler zwar noch nie zuvor gesehen. "Aber er ist ein Freund meines Cousins. Er ist wie ein Bruder für mich" , sagt er fast euphorisch. Er ahnt nicht, wie akribisch die Schleuser die Arbeit aufteilen, ebenso das Honorar von 5320 Dollar, das Muhammad für die Überfahrt bereithält: Rund 500 Dollar für den bärtigen Anwerber, in etwa das Dreifache für Zubringerdienste durch die türkische Mafia bis zum Schiff, bis zu 2000 Dollar werden in das Transportmittel investiert. Der Rest bleibt beim Schleuser, der davon noch für die Unterbringung aufkommen muss.

Student Muhammad wähnt sich Europa schon viel näher. Seinem Traum von England. Von einem Doktortitel in englischer Literatur. "Von einem guten Leben in Frieden", wie er im Auto seines bärtigen Abholers sagt, auf dem Weg ins sogenannte Versicherungsbüro. Dort, wo er gleich die 5320 Dollar für die Überfahrt abliefern soll. Der Traum von einem besseren Leben wird per Vorkasse beglichen. Dafür garantiert der Schmuggler die Ankunft am Zielort. Ganz egal, wie viele Versuche scheitern. Dafür steht der Schleuser mit seinem guten Namen. Das ist das ungeschriebene Gesetz in diesem Gewerbe. Bis zum erfolgreichen Ende der Mission bleibt das Geld im Versicherungsbüro.

Die Reichen haben Syrien schon verlassen, die Mittelklasse-Familien kratzen ihr letztes Geld zusammen und den Armen bleibt zum Überleben nur Papier und Glas zu sammeln - wie diesem Jungen

Die Reichen haben Syrien schon verlassen, die Mittelklasse-Familien kratzen ihr letztes Geld zusammen und den Armen bleibt zum Überleben nur Papier und Glas zu sammeln - wie diesem Jungen

Ein kleiner Zettel als Quittung

Es liegt in Mersin direkt gegenüber vom örtlichen Polizeipräsidium. Ein schmieriger Jüngling mit Gelfrisur und Walkie-Talkie fläzt sich auf einem abgewetzten Bürostuhl mit abgebrochener Lehne und überwacht den Eingang. "Logistik aller Art" . "Import/Export" , "Internationaler Zahlungsverkehr" steht auf den Schildern neben der Treppe. Per Funk kündigt der Walkie-Talkie-Mann die neue Kundschaft an. Zwei Angestellte registrieren Muhammads Namen, Geburtsdatum und die einbezahlte Summe. Als Quittung bekommt er einen kleinen Zettel vom Notizblock. Darauf steht lediglich sein Name, das Datum und ein handgeschriebener Code: 30196.

Muhammad könne damit das Geld jederzeit wieder abholen, versichert der Kassierer und lässt die Scheine in der Schublade verschwinden. Er lächelt: "Keine Sorge, alles bleibt hier, wir wissen, wann das Schiff in Italien angekommen ist. Wir kennen unser Geschäft." 120 Dollar bekommen sie pro Treuhänderschaft. 20 vom Kunden, 100 vom Schmuggler. Auch an Kleinigkeiten ist gedacht. Umsonst ist nur das Warten.

Mit Gottes Willen gesund ankommen

In Mersin und Umgebung warten derzeit 3500 Kunden. Nicht nur im Green Tower und in den Hotels und Pensionen rund um den Busbahnhof. Auch noch weit außerhalb, bis zu 50 Kilometer im Westen der Stadt. Ganz nahe an den Stränden, von denen die Schmuggler ihre Kunden auf kleinen Booten losschippern lassen, zwölf Seemeilen, zweieinhalb Stunden im Schnitt, bis in internationale Gewässer, wo die Frachter auf die Kundschaft warten. "Große Frachtschiffe … ausgestattet mit Essen, Wasser, Energie und allem, was für die Überfahrt nötig ist", wie es in der Internetwerbung der Schleuser heißt. Überschrift: "Schifffahrten aus der Türkei nach Europa. Mit Gottes Willen gesund ankommen." Dahinter die Telefonnummer und die Bitte: "Kontaktaufnahme bitte nur über Whatsapp."

Unterkunft ist im Reisepreis inklusive. Im Green-Tower-Hotel genauso wie in den Absteigen in Ayas, einem kleinen Küstenort, verschandelt mit Billig-Apartments. Die wartenden Passagiere vertreiben sich die Zeit in Cafés, rauchen Wasserpfeife, spielen Backgammon, diskutieren die neusten Meldungen aus der Heimat. Gerade haben die Amerikaner mit ihren Bomben nahe Aleppo statt IS-Kämpfer zwei unschuldige Kinder getroffen.

200 Euro im Monat, Kost und Logis frei

Familien gehen am Strand spazieren, als wäre es ein friedlicher Sonntag am Mittelmeer. Ein türkischer Militärjet donnert Richtung syrischer Grenze über sie hinweg. Ein Junge schreibt den Namen seiner Freundin Hanady mit einem Bambusstecken in den Sand. Aber den Gesprächsfetzen nach, die im Vorbeigehen aufzuschnappen sind, gibt es nur ein Thema: Wann geht unser Schiff?

"Normalerweise geht jede Woche eines", sagt Muhammad Salih, 40, Betriebswirt aus dem syrischen Homs. Er zeigt die Spuren der Folter von Assads Geheimpolizei, die ihn vor seiner Flucht sechs Monate lang an Händen, Füßen und Rücken mit Stromstößen traktierten. Er war froh, als der Manager des Green-Tower-Hotels vergangenen Oktober einen "zuverlässigen Mitarbeiter" für die Rezeption suchte. 200 Euro im Monat, Kost und Logis frei. Bis Dezember war er dabei. Dann hat er sich nach Griechenland abgesetzt. Mit dem richtigen Boot und von der richtigen Stelle aus dauert die Überfahrt mitunter nur zwei Minuten. Aber von da an ist die Gefahr groß, von Grenzschützern aufgegriffen zu werden. Das beflügelt das Geschäft der Schleuser von Mersin.

Warten. Warten auf die Weiterfahrt, warten darauf, dass es irgendwie weitergeht: In Mersin, wo der größte Hafen der Türkei ist, leben schätzungsweise 330.000 Syrer.

Warten. Warten auf die Weiterfahrt, warten darauf, dass es irgendwie weitergeht: In Mersin, wo der größte Hafen der Türkei ist, leben schätzungsweise 330.000 Syrer.

Es gibt auch die Schmuggel-Luxusvariante

Mit Check-in- oder Check-out-Formalitäten hatte Muhammad Salih nicht viel zu tun. Die Schmuggler verteilen ihre Kunden persönlich auf die Zimmer. Und sie rufen sie, wenn draußen schon die Busse warten, meistens nach Mitternacht. Jeder Kunde ist angehalten, binnen einer Stunde reisefertig zu sein. "In manchen Nächten leerte sich das ganze Hotel auf einen Schlag", sagt Muhammad Salih. Er selbst war für die Abrechnung zuständig. 50 Dollar berechnet das Management den Schleusern pro Nacht für ein mit bis zu acht Personen vollgepacktes Zimmer. Der Pächter sei happy, der Manager auch. Jeder verdient. "Die werden reich", sagt Salih. "Der Manager hat seine schwangere Frau schon im Oktober nach Deutschland schleusen lassen." Aber nicht per Schiff, sondern die Luxusvariante: Pass von fingerfertigen Fälschern in Griechenland oder Ungarn, Doktoren genannt, Businessclass-Flug von Istanbul, das Komplettpaket für 12.000 Euro. Die Frau lebt jetzt als anerkannter Flüchtling in Herten im Ruhrgebiet, ihr Kind ist dort geboren. Der Vater hat seinen Antrag auf Aufenthalt bereits gestellt. "Aber er bleibt zunächst in Mersin. Das Geschäft lässt er sich nicht entgehen."

Die Wertfächer an der Rezeption seien voll mit Dollarscheinen, sagt Salih. Er hat zugesehen, wie die Schmuggler nach getaner Arbeit Honorare verteilen. Je kürzer der Hotelaufenthalt, desto mehr bleibt für sie. Fürs Schiff sind in der Regel 2000 Dollar pro Passagier fällig, zu zahlen an den Agenten, der den Verkauf der Schiffe abwickelt. Internationale Geschäftsleute, ohne Büro, aber gut vernetzt. Nur sie wissen, wer tatsächlich die Verkäufer der Frachtschiffe sind. Auch Rami Machluf, Assads korrupter Cousin, soll einer davon sein.

Bestechungsgelder sind inklusive

Der Preis, den die Schleuser an die türkische Mafia abführen müssen, habe sich auf 1500 Dollar pro Flüchtling eingependelt. Dafür übernehmen sie den Transport bis zur Küste und von dort in kleinen Fischerbooten bis zum Frachter, Bestechungsgelder sind inklusive. "Die haben vorgesorgt, dass es unterwegs keine Kontrolle gibt", sagt Muhammad Salih. Stress habe es nur einmal gegeben, als die Schmuggler zu günstigeren Gangs wechseln wollten. "Da haben 60 Mann der Mafia das Hotel umstellt und jedem Schmuggler 50.000 Dollar Bargeld abgenommen."

Seit dieser Betriebsstörung flutscht die Zusammenarbeit wieder relativ ungestört. Nur ab und zu kommt es vor, dass ein Transport von der Polizei gestoppt wird. "Menschenschmuggel wird in der Türkei nicht als großes Verbrechen betrachtet", sagt Professor Ahmet Içduygu, 55, der als Kriminologe an der Koç-Universität in Istanbul lehrt und seit Jahrzehnten über das Schleusergewerbe forscht. Die Schmuggler seien bei Alibikontrollen selbst kaum gefährdet. "Sie fahren vor und hinter den Bussen her." Werden Flüchtlinge festgesetzt, sind sie nach ein paar Tagen wieder frei. "Die sind für die Polizei nur eine Last. Man muss sie beherbergen, verpflegen, und man hat auch Mitleid mit ihnen", sagt der Professor.

50.000 Dollar für die Steuerkünste des Kapitäns

Manche türkische Polizisten verheimlichen nicht, dass Deutschland ihrer Meinung nach ohnehin mehr Flüchtlinge vertragen könne. Warum sie also aufhalten? Vor allem, wenn mit Wegschauen auch noch Geld zu verdienen ist. Und das ist in der Türkei einfacher denn je. Denn die Familie des Präsidenten Erdogan steht selbst unter Verdacht, sich illegal bereichert zu haben. In einer Säuberungsaktion ließ der Präsident Richter, Staatsanwälte und 8000 Polizeibeamte versetzen oder entlassen. Vor allem jene, die bislang gegen Korruption ermittelten - oder zumindest so taten.

Erst einmal auf hoher See, ist ohnehin nicht mehr viel zu befürchten. Laut Seerecht dürfen Schiffe in internationalen Gewässern nicht aufgehalten werden. Sobald das Schiff italienisches Hoheitsgebiet erreicht hat, so haben die Beamten der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex festgestellt, setzt der Kapitän einen Notruf ab beim Roten Kreuz, um die Helfer vorzuwarnen. Eine halbe Stunde später wird SOS gefunkt. Dann muss das nächstgelegene Schiff oder die Küstenwache zur Hilfe eilen. Der Kapitän mischt sich derweil unter die Flüchtlinge. Unerkannt, weil die Passagiere während der Überfahrt niemals in die Nähe der Brücke dürfen, damit sie ihn nicht zu Gesicht bekommen. So ist er einer unter vielen bei der Erstversorgung des Roten Kreuzes. Nur hat er als Startkapital die rund 50.000 Dollar, die ein Kapitän als Honorar für seine Steuerkünste erhält. Die Anleitung zur Weiterreise nach der Landung gibt es vorab in der Online-Broschüre des Veranstalters: "Verweigern Sie tunlichst die Abgabe von Fingerabdrücken in Italien, egal, was ihnen angedroht wird; jedoch keine Sorge, in Europa ist Ausübung von Druck durch Behörden ein Kinderspiel, verglichen mit den arabischen Ländern."

Schlechtwetter als Störfaktor

Derzeit scheint nur ein atlantisches Tief das perfekte System zu stören. Vom Strand des Green-Tower-Hotels sind Dutzende von Ozeanriesen am Horizont zu sehen. Sie stauen sich vor dem Hafen, der über Tage hinweg wegen Schlechtwetter nicht arbeiten konnte. Der gefürchtete Wind zwischen Festland und Zypern peitschte mit Stärke zwölf. Selbst die seetüchtigsten Schiffe mussten in Buchten Schutz suchen. Schlechte Zeiten für das Schleusergewerbe. Es war nicht daran zu denken, die Flüchtlinge durch die Sturmwellen in den kleinen Fischerbooten hinaus zu den Frachtern zu bringen. 25 Tage lang ging nichts. Serviceorientierte Fluchtunternehmen wie "Europa Now" bedauern auf ihrer Internetseite den "wetterbedingten Stillstand" und beteuern, die Fahrten wieder aufzunehmen "bei Wetterberuhigung, damit die unversehrte Ankunft, so Gott will, sichergestellt werden kann."

Eine ganz normale Flüchtlingsfamilie aus Syrien kommt in Mersin an. Viele bleiben einfach in der Türkei, andere wollen weiter in die EU

Eine ganz normale Flüchtlingsfamilie aus Syrien kommt in Mersin an. Viele bleiben einfach in der Türkei, andere wollen weiter in die EU

Tote sind nicht gut fürs Geschäft

Schlechtwetter ist nach wie vor der Störfaktor Nummer eins. Denn es ist nicht so, wie europäische Grenzschützer gern behaupten, dass den Schleusern das Überleben ihrer Kunden einerlei sei. "Flüchtlinge werden behandelt wie ein wertvolles Gut. Man sollte sie tunlichst nicht verlieren", sagt Professor Oguzhan Ömer Demir, 38, Direktor des Zentrums für Migrationsstudien beim Global Policy Strategy Institute in Ankara und bis vor Kurzem Berater der türkischen Polizei in Sachen organisierte Kriminalität. Dass mal einer über Bord geht, ist einkalkuliert. Aber Tote sind nicht gut fürs Geschäft. Schlechte Nachrichten verbreiten sich schnell in der Heimat, wo noch Millionen potenzielle Kunden sitzen, die auf Empfehlung buchen.

Auch deswegen steigt die Qualität der Transportmittel. Die Zeiten, als die Frachter von Schiffsfriedhöfen kamen und in Zypern notdürftig für eine letzte Fahrt zusammengeflickt wurden, scheinen vorbei. "Von 100 Schiffen, die von Mersin ausgelaufen sind, haben nur zwei das Ziel wegen Maschinenschaden nicht erreicht", sagt Mustafa Abu Hassan, 44, ein Rechtsanwalt aus Homs, der jetzt als Flüchtling in der Türkei ebenfalls das lukrative Geschäft des Menschenschmuggelns für sich entdeckt hat. Er zückt sein iPhone und zeigt Bilder eines Fährschiffs, das einst zwischen norwegischen Inseln pendelte. Die Gesellschaft ist bankrott. Der Agent hat das Angebot gestern geschickt. Bilder vom Maschinenraum, den zehn Kabinen, der Kombüse, der Kommandobrücke – alles blitzblank. "Das ist beste Qualität", sagt Mustafa Abu Hassan. Er wird es wohl kaufen, auch wenn das Schiff vier Wochen braucht, bis es von einer indischen Crew nach Mersin überführt worden ist. Das wird teurer als sonst, alles in allem 1,3 Millionen Dollar. Doch der Anwalt freut sich: "Mit diesem Schiff werde ich meinen Namen noch bekannter machen."

Aber nicht, wenn das Wetter so bleibt. Jeder Tag mehr kostet ihn und seine Kollegen nicht nur eine Stange Geld für die Übernachtungen. Die Gäste werden langsam unruhig. Im Green-Tower-Hotel wird manchen das Geld knapp, es reicht nur noch für eine Mahlzeit am Tag. Immer wieder kommen sie zu ihrem Schmuggler Madschdi al Sajid, der wie so oft im Café des Hotels an seinem Handy den Seewetterbericht checkt. "Wir fahren heute", beteuert er immer wieder.

"Heute Nacht legen wir ab, wenn Gott will"

Das darf bezweifelt werden. Ein Video kursiert unter den Gästen. Es zeigt Flüchtlinge, festgesetzt auf dem Frachter "Bursin" . Er war wegen des schlechten Wetters in türkische Hoheitsgewässer eingedrungen, um den Fischerbooten in den hohen Wellen die Fahrt zu verkürzen. Im Morgengrauen seilten sich Soldaten des türkischen Grenzschutzes auf das Schiff ab. Die Flüchtlinge wurden festgenommen, das Schiff beschlagnahmt. Eine bislang einzigartige Aktion gegen den ansonsten ungestörten Geschäftsbetrieb.

Es ist das Worst-Case-Szenario für das Gewerbe der Schleuser, die für das Schiff an den Agenten zahlen müssen, sobald die Passagiere an Bord sind. Das Schiff ist verloren, die Flüchtlinge bald wieder frei. Sie werden es erneut versuchen. Oder aber ihr Geld zurückfordern. Das gilt es für Madschdi al Sajid auf jeden Fall zu vermeiden. Ein Vater mit seinem Kind auf den Schultern insistiert: "Dass wir heute fahren, hören wir nun schon seit vielen Tagen." Doch al Sajid beteuert: "Heute Nacht legen wir ab, ganz sicher, wenn Gott will."

Das nächste Schiff wird kommen

Die Schleuser wissen, dass die Aktion der türkischen Polizei als eine Reaktion auf politischen Druck der EU erfolgte. Dort war die Empörung am Jahresanfang groß, als Schleuser den Frachter "Ezadeen" mit 360 Passagieren an Bord mit zehn Knoten Geschwindigkeit führerlos per Autopilot Richtung italienische Küste fahren ließen, um die Rettung durch Grenzschützer zu erzwingen. Ob und wie stark der Druck der türkischen Regierung auf die Polizei anhält, ist fraglich. "Das Bemühen der Grenzschützer hängt immer sehr stark ab vom Verhältnis zur EU", sagt Professor Ahmet Içduygu von der Koç-Universität in Istanbul. Dieses Verhältnis ist derzeit stark abgekühlt. Und damit auch der Wille, die Grenzen zu den europäischen Staaten zu schützen. An einem Beitritt zur EU hat die boomende Türkei derzeit wenig Interesse.

Das nächste Schiff wird kommen. Die Frage ist nur: wann und von wo.

Diese Reportage ...

... ist in der Ausgabe 10/2015 des stern erschienen.

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