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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Flüchtlingspolitik? Europa agiert planlos

Das Elend auf den Booten von Afrika nach Europa steuert auf einen neuen Höhepunkt zu. Doch Europa hat keinen Plan, wie es mit den Flüchtlingen umgehen soll.

Von Silke Müller

Immer wieder müssen Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet werden

Immer wieder müssen Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet werden

Es sind nur noch die krassesten Zwischenfälle, die unsere Aufmerksamkeit für eine kurze Zeitspanne wecken, ein entsetztes Kopfschütteln hervorrufen, uns erschrecken. Dann gehen wir wieder zur Tagesordnung über: Renten, Benzinpreise, Wohnungsmieten, Bundesliga.

In Italien wurden 15 afrikanische Flüchtlinge festgenommen, weil sie zwölf andere afrikanische Flüchtlinge auf dem Mittelmeer über Bord geworfen haben sollen. Ein Drama im Drama. So etwas passiert nicht zum ersten Mal. Immer wieder gibt es Meldungen darüber, wie verzweifelt, aber auch wie brutal der Kampf ums Überleben auf den oft viel zu kleinen, selten seetüchtigen Booten verläuft. Und manchmal sind es gar die Schlepper, die ihre menschliche Fracht versenken, wenn das Geschäft für sie erledigt scheint. Für neue Gänsehaut sorgt diesmal der Verdacht, es sei aus religiösen Gründen passiert: muslimische Flüchtlinge hätten christliche Leidensgenossen umgebracht. Ja, das wäre eine furchtbare Tat, wenn es sich als wahr herausstellen sollte. Wäre es auch ein weiterer Beweis für die Gefahr, die von Muslimen mit Kurs auf Europa ausgeht? Und ein Grund dafür, den Spalt zwischen Muslimen und Christen hierzulande weiter aufklaffen zu lassen? Ein neues Argument, sich gegen die Menschen zu stellen, die in Deutschland um Asyl bitten?

Denken nicht pawlowschen Reflexen überlassen

Wir sollten unser Denken und unsere Entscheidungen nicht pawlowschen Reflexen überlassen. So nämlich funktioniert das Gebrüll bei Pegida: Reizwort – Standardreaktion. Die Meldung über das Flüchtlingsdrama kommentiert Pegida-Gründer Lutz Bachmann denn auch in bekannter Einfalt: "Von wegen traumatisiert...Mörder sind die 'bunten' Ankömmlinge."

Mit dieser Äußerung trägt er nichts, aber auch rein gar nichts zur Verbesserung der Lage bei - weder zu unserer, noch zu der von Flüchtlingen. Mit diesem Satz verlässt er schlichtweg den Boden des Grundgesetzes. Die Staatsanwaltschaft sollte sich diese Äußerungen mal näher anschauen.

Flucht und Vertreibung sind ein finsteres Kapitel unseres Daseins. Die Gründe, warum Menschen sich auf den Weg machen, um woanders ein besseres Leben zu suchen, sind komplex. Was sie auf diesen oft jahrelangen Odysseen erleben und erleiden, übersteigt oft unsere Vorstellungskraft. Sich über Millionen von Einzelschicksalen ein generelles Urteil zu erlauben, steht uns nicht zu. Über unseren Anteil an den Ursachen nachzudenken und unsere Möglichkeiten auszuschöpfen, die Folgen zu mildern, ist dagegen unsere Pflicht. Mehr noch: Wo es in unserer Macht steht, die Ursachen für Flüchtlingsdramen zu bekämpfen oder zu beseitigen, sind wir gefordert – unserer Existenz zuliebe, und auch der nachfolgender Generationen.

Kein Plan

Was folgt aus all der Aufregung und dem Entsetzen über diesen neuen Zwischenfall in der Todesfalle Mittelmeer? Was passiert in unseren Städten und Gemeinden, um mit dem wachsenden Zustrom Flüchtender angemessen umzugehen?

In Wirklichkeit haben wir keinen Plan. Wir ersetzen die Seenotret-tungsaktion "Mare Nostrum" durch eine Grenzen verteidigende Operation "Triton", sparen Geld und nehmen es hin, dass immer mehr Menschen im Mittelmeer absaufen. Und schaffen sie es, auf welchen Wegen auch immer, nach Deutschland, pferchen wir sie in Turnhallen ein und zwingen sie zum Nichtstun, schelten sie mangelnder Deutsch- und Kulturkenntnisse und wundern uns, wenn sie Zielscheiben fremdenfeindlicher Aggressionen werden. Rente, Vorratsdatenspeicherung, Maut und so weiter: Ja, es geht uns verdammt gut, dass wir uns um solche Themen streiten. Aber wenn wir nicht ganz schnell das Thema Flüchtlingspolitik nach oben auf die Agenda schieben, und zwar auf die europäische, fliegt es uns um die Ohren.

Wir brauchen eine von ganz Europa getragene, geregelte Einwanderung und eine klare Vorstellung, was wir mit all diesen Menschen anfangen, die zu uns kommen. Wie wir sie ermächtigen, hier zu leben, sich zu ernähren, unser Land zu bereichern - oder auch mit neuem Wissen und neuen Fähigkeiten eines Tages in ihre Heimat zurückzukehren, um dort aufzubauen, was sie verloren haben.