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TV-Kritik "Günther Jauch": Für eine Handvoll Kohl

Hat Heribert Schwan mit seinen "Kohl-Protokollen" den Ex-Kanzler in die Pfanne gehauen oder in seinem Sinne gehandelt? Der Jauch-Talk zum Thema war extrem giftig und wurde sogar zum kleinen Krimi.

Von Mark Stöhr

Vielleicht saßen die Geschmähten gestern vor dem Fernseher: Angela Merkel ("Konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen"), Friedrich Merz ("Politisches Kleinkind"), Klaus Töpfer ("Großer Sprücheklopfer"), Hildegard Hamm-Brücher ("Spezialziege"), Wolfgang Thierse ("Volkshochschulhirn"), Rita Süssmuth ("Schreckschraube") oder Wolfgang Schäuble ("Zug von größter charakterlicher Dreckigkeit"). Und vielleicht dachten Sie sich: Ja, und? Helmut Kohl war nie zimperlich. Warum also ausgerechnet in den Jahren 2001 und 2002, als er bis zum Hals im Dreck steckte?

In der Debatte um die Veröffentlichung der so genannten "Kohl-Protokolle" gestern Abend bei Günther Jauch war von Beginn an Gift drin. Das machte die Angelegenheit überaus unterhaltsam. Edmund Stoiber überschlug sich fast vor moralischer Empörung ("Extrem unanständig") und bekam Unterstützung von der Brandt-Witwe Brigitte Seebacher ("Das Vorgehen ist unterirdisch"), während Heribert Schwan, der langjährige Ghostwriter Kohls und Autor der Skandalchronik, streckenweise fast schon berserkerhaft gegen Stephan Holthoff-Pförtner holzte.

Hassduell zwischen Schwan und Kohls Anwalt

Holthoff-Pförtner ist ein enger Kohl-Vertrauter und einer der Anwälte, die erst versucht haben, das Erscheinen von Schwans Buch ganz zu verhindern, und nun – nachdem sie damit nicht durchkamen – 115 Zitate daraus streichen lassen wollen. Schwan blaffte Holthoff-Pförtner schon nach wenigen Minuten an: "Eigentlich dürfen Sie hier gar nicht sitzen." Immerhin befinde man sich ja mitten in einem schwebenden Verfahren. Der Jurist antwortete mit einem eisigen Lächeln. Das Verhältnis der beiden ist mit inniger Männerfeindschaft wohl noch freundlich umschrieben. Ihr Hassduell war die Hookline der Sendung.

Dass die Interviews, aus denen Schwan in seinem Buch so genüsslich zitiert, im Kontext der damaligen Lebensumstände Kohls gesehen werden müssen, wurde von niemandem in der Runde bestritten. Spendenaffäre, Untersuchungsausschuss, der Freitod seiner Frau Hannelore – Kohl war extrem unter Druck und emotional belastet. Nikolaus Blome vom "Spiegel", der den "Protokollen" mit seiner Titelgeschichte den nötigen Medienhype gab, drückte es so aus: Die Gespräche zeigten Kohl "in einer besonderen Situation besonders aufgewühlt".

Am Bild des Endlos-Kanzlers ändern die kolportierten Aussagen aber nichts. Holthoff-Pförtner bezeichnete Kohl als "Kampfmaschine". Die war er zu allen Zeiten, zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen eben in einem brachialeren Modus. Auch sein Blick auf die Wiedervereinigung muss nicht neu justiert werden. Aussagen aus dem Buch wie: "Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte", wurden in der öffentlichen Debatte – auch gestern – dazu hergenommen, Kohl Zynismus und Scheinheiligkeit zu unterstellen. Er habe immer vom Freiheitswillen der DDR-Demonstranten als Motor des Mauerfalls gesprochen, aber eigentlich den ökonomischen Bankrott als Hauptgrund gesehen. Man kann davon ausgehen, dass ihm das Zusammenspiel beider Entwicklungen durchaus bewusst war.

Wer hat über die Hälfte der Tonbänder gelöscht?

Und so erzählen die "Protokolle" weniger etwas über Kohl als vielmehr über ihren Autor Heribert Schwan. Das machte das Jauch-Gespräch gestern noch mal klar. Der 69-Jährige präsentierte sich als zutiefst gekränkte und verbitterte Person, die sich acht Jahre ihres Lebens – so stellte es Schwan dar – ganz in den Dienst der Erinnerungsarbeit Kohls gestellt habe, um dann 2009 von dessen neuer Frau Maike Kohl-Richter vor die Tür gesetzt zu werden. Sein Hass auf sie scheint grenzenlos zu sein, und mit welchen Bandagen dieser Mann offenbar kämpft, bewies der Satz: "Wie dumm war es von ihr, meinen Vertrag zu kündigen, wo ich doch das Herrschaftswissen hatte." Eine unverhohlene Drohgebärde, aus der dann fünf Jahre später ein Buch wurde.

Regelrecht Krimipotential bekam die ganze Geschichte, als Günther Jauch die Sprache darauf brachte, dass mehr als die Hälfte der Originaltonbänder gelöscht gewesen seien, als sie auf gerichtlichen Druck in den Besitz von Kohl zurückkehrten. Schwan gab sich ahnungslos und faselte etwas von möglichen Schäden durch Zollkontrollen, da das Material teilweise auch im Ausland deponiert worden sei. Und ganz zum Schluss gab er noch unverhohlen zu, dass er "selbstverständlich" Kopien der Aufnahmen angefertigt habe, bevor er sie nach Oggersheim gegeben habe. Was wiederum den Juristen Holthoff-Pförtner in höchste Alarmbereitschaft versetzte.

Mehr als einmal behauptete Schwan, er habe mit der Veröffentlichung der "Protokolle" im Sinne Kohls gehandelt. Holthoff-Pförtner widersprach dem leidenschaftlich. Es war ein merkwürdiges und unangenehmes Duell zwischen dem ehemaligen Intimus und dem aktuellen Vertrauten darum, wer das Sprachrohr des mittlerweile fast sprachlosen Ex-Kanzlers ist. Das hat Kohl nicht verdient, auch wenn man eines sicher nicht mit ihm haben muss: Mitleid.