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Jan Böhmermann: Das schludrige Genie

Viele erwarten, dass Jan Böhmermann das Unterhaltungsfernsehen in Zukunft prägen wird. Kann er die Erwartungen erfüllen? Gewagte Prognosen und wohlmeinende Ratschläge.

Von Bernd Gäbler

Moderator Jan Böhmermann

Moderator Jan Böhmermann

Am Sonntagabend schlägt für ihn die Stunde der Wahrheit - Top oder Flop? Denn dann startet Jan Böhmermanns Comedy-Show "Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ..." im WDR in Serie. Wie wird das Publikum reagieren, nachdem die Kritiken auf die Pilot-Folge, die im Sommer lief, sehr gut waren?

Jan Böhmermann ist ein kleines Genie. Sein Problem ist, dass er das auch weiß. Er sprüht vor Ideen, vernachlässigt aber manchmal deren präzise Umsetzung. Vielleicht verzettelt er sich gelegentlich ein wenig oder er ist schon von seinem eigenen wilden Gedankenflug so begeistert, dass es an Sorgfalt bei der Realisierung mangelt.

Der Mann, der in seiner Parodie für Lukas Podolski den legendären Satz erfand: "Fußball ist wie Schach - nur ohne Würfel", hat schon als Radiomoderator reüssiert und als TV-Talker. Er kann ein Bühnenprogramm präsentieren, ist Buchautor, hat Filme gedreht und war im Team von Harald Schmidt sicher eine der besseren Nachwuchskräfte. Im Talk-Duo mit Charlotte Roche ("Roche und Böhmermann") hat er nicht nur bewiesen, dass er schlagfertig und frech sein kann, sondern auch seinen Sinn für ein gutes Retro-Design demonstriert. Dazu gehört historisches Medienbewusstsein. Er ist solide journalistisch ausgebildet und muss nicht immer selbst sein Gesicht in die Kamera halten.

Das Team der "Bild- und Tonfabrik"

In der neuen Show "Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ..." - eine Pilotfolge mit Frank Elstner als Stargast wurde schon ausgestrahlt - ist er als Autor und Produzent tätig. Am Sonntag wird Bettina Böttinger bespielt. Um sich geschart hat er das Team der "Bild- und Tonfabrik". Diese junge Firma hat schon "Roche und Böhmermann" für zdf.neo (zunächst zu Dumpingpreisen) hergestellt.

In der Pilotfolge der neuen Show waren die Stärken und Schwächen Jan Böhmermanns gut zu besichtigen. Es gab viel Lob für die besonders absurden Ideen, für anarchischen Witz. Die schrägen Absichten waren durchweg zu erkennen, allein das Spiel des Ensembles wirkte oft langatmig, die Pointen saßen nicht.

Böhmermann kann sich klein machen

Was sind Böhmermanns persönliche Stärken? Da ist zunächst die durchgängige Ironie. Er vermag sie nicht nur anzudeuten, sondern durchzuhalten. Dadurch hält er immer etwas Distanz zum Publikum, macht sich nie mit ihm gemein. Selbst aus seinem Leben in einem Gröpelinger Polizistenhaushalt pflegt er so zu erzählen. Bei der diesjährigen Verleihung der Grimmepreise tat er so, als sei er dem Mitgewinner Klaas Heufer-Umlauf in bitterer Eifersucht verbunden.

Fast noch wichtiger ist eine Fähigkeit, die bei den anderen jüngeren Komikern kaum anzutreffen ist: Böhmermann kann sich klein machen. Er ist dann schelmisch, lächelt spitzbübisch, gibt sich etwas linkisch. Wunderbar hat er das praktiziert, als er bei Harald Schmidt einmal Sarah Wagenknecht interviewte. Er spielte einen etwas verlegenen Volontär, der unbedingt mit ihr zu flirten versuchte. Sie wollte über Politik reden, den kleinen Charmeur aber auch nicht einfach brüsk zurechtweisen. Daraus ergab sich ein zartes Spiel, das doch einiges über die damenhafte Repräsentantin der Linkspartei verriet.

Böhmermann hat große situative Intelligenz. Wieder sind wir beim Grimmepreis. Er weiß, dass das etwas gesetztere Publikum Jugendgemäßes von ihm erwartet. Und da ist der Bundespräsident. Wie kann er diesen bespaßen und sich doch vor ihm verbeugen? Jan Böhmermann stürzt auf Gauck zu und zwingt diesen lächelnd auf ein gemeinsames Selfie. Hier hat er in eine Geste komprimiert, was von ihm zu erwarten war.

Sinn für Anarchie und Ironie

Ein ganz tolles Gespür hatte er auch, als er für eine RTL-Sendung als Fake den ersten türkischen Karnevalsverein gründete. Viele Integrationsfreunde fielen sofort begeistert darauf herein.

Böhmermanns Sinn für Anarchie und Ironie, für die Situation und bleibende Sätze ist besser ausgeprägt als die Präzision bei der Umsetzung. Für die ARD, die einmal alle Bundesländer originell porträtiert sehen wollte, drehte er die Folge über das Bundesland Bremen. Im März 2013 wurde sie als "Mockumentary" - also als gefakte Pseudo-Dokumentation - ausgestrahlt. Die Idee war nett: Bremen mache sich wenig Sorgen um seine hohe Verschuldung, denn hier würde es ein geheimnisvolles Denkmal aus der Kolonialzeit geben, im Inneren seien "Blutdiamanten" versteckt. Es wurde dann doch recht redundant auf der Idee noch langatmig herumgeritten. als der Gaul längst tot war.

Darum der Ratschlag:

Böhmermann braucht für seine vielen Ideen unbedingt einen akribischen Dramaturgen, der ihn bei der Umsetzung berät. Gut wäre ein pedantischer Arbeiter vom Typus Pastewka oder Olli Dittrich, die beide sehr viel vom Timing verstehen. Weniger ist oft mehr. Der umtriebige Jan Böhmermann sollte seine Aktivitäten konzentrieren.

Die Prognose:

Er hat das Zeug zum großen Unterhalter. Gut ist, dass er nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera Erfahrungen sammelt. Er kann Produzent wie Moderator einer großen Show oder Talk-Sendung werden. Mehr als von anderen ist von ihm auch ästhetische Innovation zu erwarten. Wenn man ihn nicht nur machen lässt, sondern auch führt, dann kann er das Fernsehen ganz schön aufmischen.