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"Chez Krömer" Kurt Krömer attackiert Julian Reichelt – der flüchtet in die Opferrolle

Julian Reichelt bei Kurt Krömer
Der frühere "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt war zu Gast bei "Chez Krömer"
© rbb/Carolin Ubl / ARD
Als Chefredakteur der "Bild"-Zeitung wurde Julian Reichelt vor einem Jahr entlassen. Warum, das wollte er bei "Chez Krömer" nicht verraten. Auch sonst war aus dem Journalisten wenig herauszukriegen.

Man kann nicht immer so viel Glück haben mit seinen Gästen wie in der vergangenen Woche: Da saß der ehemalige österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache völlig unvorbereitet in Kurt Krömers Verhörzimmer und wusste auch hinterher noch nicht, mit wem er es da zu tun gehabt hat. Er sei bei diesem "Tschess Krömer" gewesen, sagte Strache diese Woche im österreichischen Fernsehen - in ganz offensichtlicher Verkennung, dass die Sendung "Chez Krömer" heißt.

Eine Woche später sitzt an gleicher Stelle der geschasste "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt, und der ist ein ganz anderes Kaliber. Ein mit allen Wassern gewaschener Medienprofi, der genau weiß, was ihn hier erwartet. Und der sich eine kluge Strategie zurecht gelegt hat, wie er sich hier präsentieren möchte. 

Denn dass sich Kurt Krömer im Laufe der 30-minütigen Sendung an diesem Gast die Zähne ausbeißen sollte, lag auch daran, dass Reichelt eben nicht den scharfen Hund gab, sondern sich bemühte, differenzierte Positionen einzunehmen und auch immer wieder eigene Fehler zugab.

Kurt Krömer konfrontiert Julian Reichelt mit AfD-Lob

Dass er für seine flüchtlingskritische Berichterstattung Lob von der AfD bekam, konterte er etwa mit der Behauptung, er sei ja selbst Teil der medialen Willkommenskultur gewesen. Wer damals die "Bild"-Zeitung gelesen hat, mag sich jetzt verwundert die Augen reiben. Doch Reichelt beharrt darauf: Seine Position sei immer gewesen, man müsse den Syrern helfen. Mit der Errichtung von Flugverbotszonen in dem Land. Oder eben, indem man Syrer in Deutschland aufnimmt. Schiebt dann aber schnell noch hinterher: "Ich hätte mir persönlich nicht vorstellen können, wie schlecht das Management dieser katastrophalen Situation sein könnte - dass wir Kriminelle nicht abschieben."

Auch als ihm Krömer den steilen Anstieg der Rügen beim Presserat während seiner Amtszeit vorhält, fährt Reichelt diese zweigleisige Strategie: einräumen und abwiegeln. "Ich betrachte den Presserat inzwischen als so politisiertes Instrument, dass man diese ganzen Rügen nicht ernst nehmen kann", bügelt er die Kritik ab. Schiebt dann aber hinterher: Es habe durchaus berechtigte Rügen geben, etwa die Veröffentlichung von Kinderchats nach dem Mordfall in Solingen.

Als Krömer auf Reichelts mutmaßliche Affären mit Untergebenen zu sprechen kommt, die den "Bild"-Chefredakteur später sein Amt kosteten, wird der sonst so angriffslustige Journalist plötzlich defensiv und stellt sich als Opfer dar. Er spricht von einer "abscheulichen und verleumderischen Berichterstattung als Teil einer Kampagne, die sich meines Privatlebens bemächtigt hat". Das Compliance-Verfahren, das zu seinem Rauswurf beim Axel Springer Verlag führte, bezeichnet er als "unfassbaren Einbruch in meine Privat- und Intimsphäre".

Reichelt wirft mit Schmutz

Spätestens da reibt man sich als Zuschauer verwundert die Augen: Das beklagt ausgerechnet der ehemalige Chefredakteur der "Bild"-Zeitung? Reichelt selbst hat eine sehr selektive Erinnerung an seine Zeit bei dem Boulevardblatt. Er will "von Anfang an dafür gesorgt“ haben, "dass wir über Privat- und Intimsphäre nicht mehr berichten, wenn diese Menschen nicht zugestimmt haben".

Dass Julian Reichelt aber keineswegs der gute Mensch des deutschen Journalismus ist, sondern einer, der gerne mit Verleumdungen arbeitet, zeigt sich, als Krömer auf das Thema Kokain zu sprechen kommt. Da verweist er mehrmals auf Benjamin von Stuckrad-Barre. Der ist ein langjähriger Freund von Friedrich Küppersbusch, dem Produzenten von "Chez Krömer". 

Es ist ein sinnloses Ablenkungsmanöver, das die Methode Reichelt gut aufzeigt: Wenn Plan A (abwiegeln und einräumen) nicht aufgeht, dann mit aller Brutalität zurückfeuern. Nur dass er sich hier in jeder Hinsicht das falsche Ziel ausgesucht hat: Um Stuckrad-Barre geht es in dieser Sendung gar nicht - und über seine Kokainsucht hat er bereits 2016 in dem Buch "Panikherz" sehr offenherzig Zeugnis abgelegt.

Anonyme Zeugin 

Vor allem aber scheitert der Angriff, weil Krömer eine anonyme Zeugin aus Springer-Zeiten präsentiert, die von seinem Kokain-Konsum berichtet. Da bleibt Reichelt nur der Rückzug: Der selbsternannte Vorkämpfer der freien Rede droht das Gespräch abzubrechen, wenn er weiter mit diesen Vorwürfen konfrontiert wird.

So gelangen Krömer dank guter Vorbereitung und Recherche ein paar Wirkungstreffer. Am Ende ließ sich Reichelt jedoch nicht wirklich aus der Reserve locken. Nicht einmal den Grund für seinen Rauswurf bei Springer will er verraten. Angeblich weiß er es selbst nicht. 

Krömer gelang es jedenfalls nicht, wirklich Neues aus dem Journalisten herauszukriegen. So beendete der Gastgeber das Gespräch sogar etwas zu früh - ein Beleg für den letztlich dünnen Ertrag dieser Sendung.

Die aktuelle Folge von "Chez Krömer" gibt es bereits jetzt in der ARD-Mediathek. Die Sendung ist heute Abend ab 22.15 Uhr im RBB zu sehen.

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