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Momente der TV-Geschichte Schlüpfergate - Rudi Carrell erhält für diesen Gag Morddrohungen

Rudi Carrell
Rudi Carrell als Nachrichtensprecher in "Rudis Tagesshow". Die Sendung endet 1987.
© Dieter Klar/ / Picture Alliance
Dieser Sketch löst ein Beben aus: In "Rudis Tagesshow" zeigt Rudi Carrell 1987 einen Sketch, in dem Ajatollah Chomeini mit Schlüpfern beworfen wird. Die Folge: Morddrohungen und eine internationale politische Krise.

"Carrell in Lebensgefahr" titelt die "Bild"-Zeitung am 19. Februar 1987. Der beliebte Showmaster Rudi Carrell erhält Morddrohungen und bekommt Polizeischutz. Grund ist ein 14-sekündiger Gag in seiner Sendung "Rudis Tagesshow", der für einen Skandal internationalen Ausmaßes sorgt. Obwohl sich Carrell entschuldigt, beginnt im Bundeskanzleramt eine Krisensitzung und der Iran spricht von einem "feindseligen Akt gegen unser Volk".

Was war passiert? In der Sendung vom 15. Februar 1987 ist ein Sketch zu sehen, in dem das damalige iranische Staatsoberhaupt Ajatollah Chomeini parodiert wird. Carrell verliest als vermeintlicher Nachrichtensprecher folgende Meldung: "Diese Woche feierte man im Iran den achten Jahrestag der islamischen Revolution. Ayatollah Chomeini wird von der Bevölkerung gefeiert und mit Geschenken überhäuft." Dazu sendet die Satireshow einen Ausschnitt, in dem Chomeini bei einer Kundgebung zu sehen ist. Durch geschickte Bildmontage sieht es so aus, als werde er von verschleierten Frauen mit Damenunterwäsche beworfen. Eine Nahaufnahme zeigt, wie Hände in den Dessous herumwühlen, scheinbar begeistert. Das Publikum im Studio lacht. Doch dem Showmaster soll das Lachen schnell vergehen.

Der iranische Botschafter in Bonn scheint am Sonntagabend auch "Rudis Tagesshow" geschaut zu haben. Empört meldet er die Vorkommnisse nach Teheran. Dort reagiert man umgehend, spricht von einer "ungeheuerlichen Beleidigung". Die ARD-Sendung habe die "Heiligtümer der Revolution und die Muslime in aller Welt beleidigt". Iran weist zwei deutsche Diplomaten aus, Iran-Air streicht Flüge nach Deutschland und Teheran schließt nur drei Tage nach Ausstrahlung des Sketches das Goethe-Institut. Die Eskalationslawine rollt.

Rudi Carrells Sketch beschäftigt das Kanzleramt

Der Sketch wird zum Politikum. Im Bundeskanzleramt kommen Kanzler Kohl und Außenminister Genscher zu einer Krisensitzung zusammen. In einer Mitteilung heißt es anschließend, dass die Bundesregierung den Gag "nicht billige", ihn bedaure und ihn "für geschmacklos gehalten" habe. Die vom iranischen Botschafter geforderte Entschuldigung bleibt jedoch aus. Man habe kein Staatsfernsehen und sei deshalb auch nicht für die Inhalte verantwortlich.

Rudi Carrell, der Auslöser des Streits, weiß gar nicht, wie ihm geschieht. "Wenn mein Gag mit dem Ajatollah Chomeini in Iran Verärgerung verursacht hat, bedaure ich das sehr und möchte mich beim iranischen Volk entschuldigen", erklärt der in Holland geborene Showmaster kleinlaut. Später wird er von der "schlimmsten Woche meines Lebens" sprechen. Carrell wird wegen Morddrohungen von der Polizei bewacht, er befürchtet das Ende seiner Karriere.

Chomeini-Sketch landet im Giftschrank

In Deutschland beginnt eine Diskussion darüber, wie weit Satire gehen darf. Knapp 20 Jahre später findet der Fall erstaunliche Parallelen zu dem Schmähgedicht von Jan Böhmermann. Die "Böhmermann-Affäre" beschäftigt sogar die Gerichte.

Der "Rudis Tagesshow"-Ausschnitt mit Chomeini landet im Giftschrank der ARD, wird bis heute nicht mehr gezeigt. Auch das Goethe-Institut in Teheran ist noch immer geschlossen. "Rudis Tagesshow" geht schon eine Woche später weiter – unter dem Schutz einer Hundertschaft von Polizisten und mit einer Anspielung: TV-Kommissar Derrick, gespielt von Horst Tappert, ist zu sehen, wie er zu Beginn der Sendung in ein "Walkie-Talkie" spricht. "Alles in Ordnung", sagt er. Erst dann geht die Sendung los.

mai

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