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Auf dem Trockenen In Europa wird das Wasser knapp. Daran liegt es, das sind die Folgen und so wird gegengesteuert

Wasserknappheit in Europa
"Save Water" - "L'urlo del mais" (Spart Wasser - Der Schrei des Mais) lautet das Motto des aktuellen großen Acker-Gemäldes, das der Künstler und Landwirt Dario Gambarin mit Traktor und Pflug auf ein Feld südöstlich von Verona in Norditalien "gezeichnet" hat
© Dario Gambarin / DPA
Anhaltende Dürren und Wasserknappheit machen Europa zu schaffen. Das kühle Nass fehlt mittlerweile nicht nur im Süden. Europas Politiker versuchen sich an Gegenmaßnahmen.

1975 sehnte sich Rudi Carrell nach Hitze und Sonnenschein. Seinen Wunsch äußerte er in einem Lied. "Wann wird's mal wieder richtig Sommer (...)? Mit Sonnenschein von Juni bis September, und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr." Würde Showmaster Carell heute noch leben, er hätte bestimmt seine Freude am diesjährigen Sommer. Die zuletzt gemessenen knapp 30 Grad reichten selbst auf Sylt aus, um sich am Strand schnell einen Sonnenbrand zu holen und ohne zu fireren in der Nordsee zu planschen.

Doch der von Hitze und Dürren gebeutelten Vegetation in Europa dürfte ein Hauch Sibirien mit Regen derzeit wohl besser tun. Schuld an der Dürre ist laut einem Forschungsbericht von US-Forscherinnen und -Forschern, der im Magazin "Nature Geoscience" erschien, eine Veränderung des Azorenhochs. Und das wiederum hängt mit dem Klimawandel zusammen. Je stärker das Azorenhoch über dem Atlantik, desto heißer und trockener das Wetter in Europa. Meteorologische Beobachtung belegen, dass sich die Zahl der Azorenhochs seit 1850 stetig erhöht hat. Kam es im 19. Jahrhundert noch alle zehn Jahre zu solch einem Wetterereignis, so passiert es jetzt alle vier Jahre.

Dass Dürren unter anderem in Deutschland deshalb zunehmen, zeigt auch der Deutsche Dürremonitor des Helmholtz-Instituts. Das liegt aber nicht nur am ausbleibenden Regen, wie die Schweizer Umweltphysikerin Sonia Seneviratne schon vor Jahren feststellte. Verdunstendes Wasser ist in Mittel- und Westeuropas ein massives Problem geworden. Messdaten der Schweizer Forscherin zeigen: Allein im Juni verdunsteten 140 Liter Wasser pro Quadratmeter im Alpenvorland – ein Höchstwert und für die Wasserversorgung im deutschsprachigen Raum überaus problematisch.

Doch wer glaubt, Regen könne das Problem beheben, der täuscht sich, denn die Trockenheit hat sich laut Klimaexperten schon längst tief im europäischen Boden verankert. Dem Wold Wildlife Fund (WWF) zufolge betreffen 80 Prozent der erfassten Dürreschäden die Landwirtschaft. "Mit zunehmender Erderwärmung sind längere und häufigere Dürren vor allem in Südeuropa zu erwarten. Seit der Jahrtausendwende sind sowohl die Häufigkeiten als auch die Intensität, mit denen Dürreperioden in Europa aufgetreten sind, ohne Beispiel", bilanziert der WWF in einem aktuellen Bericht.

Doch auch das Konsumverhalten spielt eine Rolle. Wenig erfreulich und nicht minder überraschend kam vergangene Woche die Meldung daher, dass die Menschheit ihre natürlichen Ressourcen für dieses Jahr aufgebraucht hat. Ab dem sogenannten Erdüberlastungstag beanspruchen die Menschen laut Berechnungen des Global Footprint Networks mehr als ihnen für dieses Jahr eigentlich zur Verfügung steht. Süßwasser inklusive. Allein für Deutschland lag der jährliche Wasserfußabdruck laut einer WWF-Studie aus dem Jahr 2009 bei 159,5 Milliarden Kubikmeter. Enthalten ist darin auch das sogenannte "virtuelle Wasser", also der Bedarf für die Bereitstellung von Konsumgütern. Um den deutschen Bedarf allein aus deutschen Ressourcen zu decken, müsste man den Bodensee dreimal leeren.

Europa sitzt buchstäblich auf dem Trockenen

Mit Blick auf Europa sprechen diese Fakten für sich: In Portugal, Frankreich, Spanien und selbst in Deutschland schwelen tage- oder gar wochenlange Waldbrände. Italien ruft wegen Wassermangels den Dürrenotstand aus. In Spanien drohen zwei Dritteln des Landes die Verwüstung. Und in der Bundesrepublik fordern die Grünen in Berlin Befugnisse, um im Falle einer Wasserknappheit gegen Verschwendung vorgehen zu können. Derzeit könne Berlin an die Verbraucher nur appellieren. Eine gesetzliche Befugnis, zum Beispiel Rationierungen anzuordnen, hat das Land Berlin im Gegensatz zu anderen Bundesländern nicht.

Auch Urlauber am Bodensee dürften den Wassermangel zu spüren bekommen. Der akuelle Wasserstand liegt bei 3,30 Meter. Vom saisonalen Rekordwert für Niedrigwasser ist das nur rund zehn Zentimeter entfernt. Die Behörde geht davon aus, dass der bisher niedrigste Wert für diese Jahreszeit von 3,17 Meter aus den Jahren 1949 und 1876 im Sommer oder Herbst "erreicht oder sogar unterschritten wird", falls weiter wenig Regen fällt.

Wer eigentlich mit dem Boot über die blaue Fläche touren wollte, sollte dieser Tage vielleicht lieber auf das Rad umsteigen. Trocken genugwäre es gerade an vielen Stellen. Rund ein Drittel der Boote an den rund 400 Liegeplätzen mussten laut dem Hafenmeister in Konstanz entweder verlegt oder aus dem Wasser genommen werden, weil sie sonst auf Grund gelaufen wären. Ein ähnliches Bild auch auf der Insel Reichenau: Etwa 50 von mehr als 260 Booten im Hafen seien aus dem Wasser geholt worden. Sehr zur Verärgerung einiger Besitzer.

Das US-Forschungszentrum World Resources Institute hat bereits 2019 in dem sogenannten Weltrisiko-Atlas gezeigt, welche Länder besonders unter sogenanntem Wasserstress leiden. Fast ein Viertel der Weltbevölkerung lebt demnach in Ländern mit einem extremen Trockenheitsrisiko. Besonders kritisch ist die Situation in 17 Staaten vor allem aus dem Nahen Osten und Afrika. Aber auch in Europa leuchten dunkelrote Flecken, die anzeigen, dass sich die Wasserknappheit dem Niveau der "Stunde Null" annähert, also dem Zeitpunkt, zu dem fließendes Wasser nicht mehr verfügbar sein wird. Betroffen sind demnach ganz Italien, Teile Spaniens, Portugals, Frankreichs und auch Deutschlands. Laut Weltklimarat werden ab 2070 44 Millionen Europäer vom Wassermangel betroffen sein. Flüsse in Zentral- und Südeuropa könnten dann bis zu 80 Prozent weniger Wasser führen.

Wie Europa die Wasserknappheit bekämpft

Schon in den 90er-Jahren waren Dürren ein politisches Thema – innerhalb der EU, aber auch weltweit. 1992 verabschiedete die europäische Wirtschaftskommission die sogenannte Wasserkonvention. Der völkerrechtliche Vertrag regelt den Schutz von Binnengewässern auf nationaler Ebene. 2014 trat schließlich die UN-Gewässer-Konvention in Kraft. Darin werden die Nutzung, Entwicklung und das Management von grenzüberschreitenden Binnengewässern zwischen verschiedenen Staaten rechtlich geregelt, um Konflikte zu verhindern. Das Übereinkommen wurde von mehr als 35 Staaten ratifiziert, auch Deutschland hat unterzeichnet.

Jüngst kündigten Österreich und Ungarn an, ihre Zusammenarbeit bei der Wasserversorgung zu verstärken. Im Juli unterzeichneten Ungarns Außenminister und der burgenländische Landeshauptmann eine Absichtserklärung. Sie sieht unter anderem Wasserzulieferungen aus der ungarischen Moson-Donau in den Neusiedler See vor.

In besonders betroffenen südeuropäischen Ländern versuchen die Regierungen aktuell mit Wasserverboten das Schlimmste zu verhindern. So ist es im Süden Frankreichs seit Wochen untersagt, Autos mit Trinkwasser zu waschen, den Pool zu befüllen oder die Gärten zu gießen. In Nizza darf Leitungswasser weder zum kochen noch zum Zähneputzen verwendet werden. In Frankreich gibt es für solche Dürreperioden einen vierstufigen Notfallplan. Ähnliches gilt in Portugal. 97 Prozent des Landes sind von Dürren betroffen. Unter anderem dürfen dort deshalb Autos nicht mehr gewaschen werden. Die portugiesische Regierung will 200 Millionen Euro aus dem europäischen Wiederaufbauplan dazu nutzen, die Wassereffizienz zu steigern.

In Italien nutzt die Regierung Geld, um das marode Leitungssystem zu modernisieren. Bisher gehen darin 40 Prozent des Leitungswassers verloren. Kurzfristig stellte Rom zudem 35 Millionen Euro bereit, um Lastwagen mit Trinkwasser in den Norden zu schicken und betroffene Unternehmen zu entlasten. In Spanien hat die Regierung 21 Milliarden Euro für die Modernisierung der Bewässerungssysteme mobilisiert. laut einem Entwurf, der bereits seit April vorliegt, soll ein nationaler Rat gebildet werden, der sich der Bekämpfung der Wüstenbildung widmet und Pläne zur Regeneration vertrockneter Flächen erarbeitet. Darüber hinaus plant die Regierung eine nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder.

Quellen:WWF-Bericht, Factsheet Europäische Union, "Nature Geoscience", World Resources Institute, ORF, "Der Standard", Wirtschaftswoche, "Handelsblatt", DPA


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