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Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk Szenen einer Ehe – wie mich die Gebühren-Sender verloren haben

Meine Letzte Station in der Welt des Gebühren-TV war das "Arte Journal".
Meine Letzte Station in der Welt des Gebühren-TV war das "Arte Journal".
© PR
Mit ARD und ZDF bin ich aufgewachsen. Den Nachrichten hielt ich über 50 Jahre lang die Treue – zuletzt dem "Arte Journal". Doch Arte liebt mich einfach nicht – es wird Zeit, ganz abzuschalten.

Die Deutschen und die GEZ-Gebühr – das ist ein ewiges Thema. Keine Angst, es kommt jetzt nicht der tausendste Text über Misswirtschaft und Schlendrian der Gebühren-Sender. Das ist alles richtig, aber mir egal. Als Steuerschaf muss ich so viel Unfug zwangsweise bezahlen, da stechen die 18,36 Euro im Monat nicht heraus. Ich schreibe über eine langsame Entfremdung. So wie in manchen Ehen. In denen zunächst die Leidenschaft und dann jedes Gespräch erlischt – ein Beziehungs-Aus auf Sparflamme ganz ohne opernreife Szene.

Die Jungs haben es vorgemacht

Eigentlich hätte ich gewarnt sein müssen. In den frühen Nullerjahren habe ich im Haus WLAN und Breitband-Zugang eingerichtet. Von einem Tag auf den andern blieben die pubertären Jungs dem bisher gemeinsamen TV-Abend fern. Sie interessierten sich für asiatischen Kampfsport, Animes und was pubertierende Jungs sonst so umtreibt – das gab und gibt es im Netz in Hülle und Fülle und im Live-TV mit Eltern auf der Couch eben nicht.

Bei mir dauerte es etwa 20 Jahre länger. Und schuld war der Geiz – denn für die Küche hatte ich keinen Smart-TV gekauft. Dort gab es also nur Live-TV von Kabel-Deutschland. Zugegeben, ich bin auch ein schwieriger Kunde. König Fußball – für den Milliarden von Gebühren verjubelt werden – interessiert mich nicht. Und die bunte Abendunterhaltung wie etwa das Highlight Helene-Fischer-Show auch nicht. Genau genommen interessiere ich mich nur für Nachrichten und Fiktionales – also Spielfilme und Serien. Mit 60 Jahren gehöre ich noch zu der Generation, die vom Takt des Fernsehens konditioniert worden ist. Vom Gebühren-TV natürlich, denn etwas anderes gab es in meiner Jugend nicht. Davon geblieben ist der unwiderstehliche Impuls, um 19 und 20 Uhr die Nachrichten anzuschalten. Innerer Einschaltbefehl und dann "Heute" und die "Tagesschau".

Unterhaltung für die Generation 70 Plus 

Zu den Nachrichten später, zuerst zum Drumherum. Während der Sendezeit mit den meisten Zuschauern – wenn ich in der Küche arbeite – läuft auf den Hauptsendern ARD und ZDF ein Programm, das einem das Grauen lehrt. Serien wie "Notruf Hafenkante" gleichen bis ins Detail den Serien aus den 1960er Jahren, nur dass sie inzwischen in Farbe gedreht werden. Krimis, an touristischen Wohlfühl-Orten, an denen deutsche Darsteller notdürftig kostümiert dann Portugiesen, Bretonen oder sonst wen geben. Ein Programm für die Zielgruppe 70 Plus. Für mich selbst beim Kochen schwer erträglich. Das Highlight in diesem Panoptikum war für mich der "Bergdoktor" – einfach, weil Hans Sigl ein netter Kerl ist.

Aber sonst? Anspruchslos und rentner-süß ist die Ausrichtung – mit permanenter Schleichwerbung. Manche Zuschauer mögen es nicht bemerken, andere stört es nicht, mich schon. Vor Jahren versuchte ich, einen Zweiteiler anzusehen, weil er in unserer Ferienhausdestination spielte. Nach dreißig Minuten musste ich abschalten, die Hauptrolle in dem ansonsten unerheblichen Werk hatte der VW-Konzern gekauft. Dessen Fahrzeuge bekamen mehr Einstellungen als jeder Darsteller – immer schön mit dem Logo in der Kamera.

Im Bereich des Fiktionalen ist das Öffentlich-Rechtliche ein Graus. An dem Urteil ändert sich auch nichts, weil im Jahr vier oder fünf herausragende Sozialdramen gedreht werden. Die letzte Serie, die mich beeindruckt hat, war "Im Angesicht des Verbrechens". Viele andere gute Serien und Filme sind schlicht zugekauft oder Co-Produktionen. Etwa "4 Blocks" oder "Babylon Berlin". Sie zieren das Programm, für Typen wie mich kommen sie dort aber immer mit ein paar Jahren Verspätung an, wenn ich sie schon längst gesehen habe.

Ende des Live-TVs

Vor wenigen Wochen hat der alte Küchen-TV seinen Geist ausgehaucht. Der Neue ist nun smarter. Die Diktatur des Live-TVs ist damit zu Ende. Goodbye, Bergdoktor! In dem Kasten habe ich nun Netflix, RTL Plus, Amazon Prime und gelegentlich Disney. Dazu Youtube und was es sonst so gibt. Und natürlich gingen auch die Mediatheken von ARD und ZDF – in denen es für mich bloß kaum etwas zu finden gibt. Siehe oben. Bis jetzt bin ich noch nicht einmal dazu gekommen, die Apps zu installieren.

Die Welt aus Berliner Sicht 

Zurück zu meinem Nachrichten-Abend, der traditionell pünktlich um 19 Uhr in der Küche mit "Heute" beginnt. Doch meine Liebe zu den Nachrichten litt mit der Zeit. Für mich fallen sie sehr kurz aus. An vielen Tagen entfallen 40 Prozent der Sendezeit auf das Wetter und Fußball. Für mich ist "Heute" schon um 19.12 Uhr beendet. Die Tagesschau schrumpft auf unter zehn Minuten. Und die wenigen Minuten werden mit einer Besonderheit des deutschen Gebühren-TVs angefüllt. Einer Weltsicht, in der das Berliner Regierungsviertel zum Zentrum der Welt wird.

Ein typischer Bericht sieht in etwa so aus: "Zuerst Pressekonferenz einer Ministerin, die ihr neues Gesetzesvorhaben vorstellt, dann ein Satz zur Überleitung und es folgen die Sprecher anderer Parteien zum gleichen Thema. Die Grünen, die FDP und ab und an auch die AfD." Und das war es, irgendein Blick in die wirkliche Welt der Betroffenen kommt nur gelegentlich vor. Denn es wartet schon das nächste Vorhaben aus Berlin – das wiederum von anderen Sprechern der weiteren Parteien kommentiert wird. Diesem Dilemma entkam ich auf Arte mit dem "Arte Journal". In Ausrichtung, in Meinungstenor ist das kein großer Unterschied. Aber – gut für mich – es gibt weder Fußball noch Wetterbericht. Und es gibt keine Einordnung von den Hinterbänklern der Parteien.

Emotional verpackte Nachrichten 

Doch ich bin zu "alt" für das "Arte Journal" der Nachrichten. Konditioniert bin ich nicht allein darauf, dass man die Nachrichten doch ansehen müsse – der besagte Einschaltbefehl, sondern auch, dass diese nüchtern und sachlich vorgetragen werden. Bei Arte wird schon beim Ansagen klar gemacht, was der Zuschauer von dem kommenden Bericht zu halten hat. Entweder frohlockt die Stimme der Moderatorin – dann gibt es hoffnungsvolle Aktivistinnen zu sehen, die irgendwie gegen den Klimawandel oder gegen die bösen Männer der Welt zu Felde ziehen. Oder ein bedrohliches Tremolo der Ansagerin kündigt Unheil an. Dann kommen gleich Fieslinge wie Orban oder Bolsonaro auf den Screen. Ist das böse? Ist das verwerflich? Ist das Manipulation? Da habe ich keine abschließende Meinung, mir gefällt die emotionale Einbettung und Führung eben nicht. Da bin ich Betonkopf: Bei harten Nachrichten muss man sich zurückhalten! Bei weichen Themen – possierlichen Tierchen, Stars und Sternchen – erwarte ich das nicht. Im TV ist das andersrum. Der Tourneeauftakt eines Superstars wird sachlich vorgetragen wie der Börsenbericht, die politische Berichterstattung aufgejazzt wie ein Krimi.

Das Feindbild meines Senders 

"Arte Journal" und ich fremdeln weiter. Arte liebt mich einfach nicht. Aus der Weltsicht der Macherinnen des "Journals" bin ich der Feind schlechthin, der "alte weiße Mann". Das ist weder abzustreiten noch zu ändern. Genau genommen bin ich die Anti-Zielgruppe – so wie ein Vegetarier, der in ein Schlachtfest mit Wurstplatte geraten ist. Entsprechend wohl und willkommen fühle ich mich im Programm. Und natürlich stört mich – alter weißer Mann – das konsequente "Gendern" in seiner speziellen Arte-Form ohne das Schluckaufsternchen in rein femininer Form gesprochen.

Das "Journal" ist eine All-Female-Sendung, da fragt Mann sich: Was mache ich da eigentlich? Sprecherinnen, Moderatorinnen, Expertinnen, die Aktivistinnen – wenn es nur irgend geht, kommt eine Frau vor die Kamera. Das ist so ziemlich das Gleiche wie die Männer-Nachrichten der 1960er Jahre nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Die Gebührendiskussion wollte ich nicht führen, also lasse ich es auch hier. Grundsätzlich kann sich eine Sendung so konsequent positionieren, dann zielt man nicht auf das breite Publikum, sondern auf eine spitze Zielgruppe, zu der ich aber ganz sicher nicht gehöre. Das Arte "Journal" hat mir den Stuhl vor die Tür gestellt. Das war dann das Ende einer über 50-jährigen Beziehung. Sanft entschlafen. Die Gebühren-Alimente für die ehemalige Geliebte werde ich weiterzahlen, nur ansehen werde ich es nicht mehr.

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