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"Tatort"-Kritik: Kiffende Kommissarin lässt Agenten auffliegen

Ein Toter neben dem Atommüllendlager, illegale Geschäfte mit radioaktivem Material von Geheimdienst-Agenten - um das Rätsel der "Salzleiche" zu klären, reist Kommissarin Lindholm vom Wendland bis nach Barcelona. Und die "Tatort"-Macher beweisen ein beinahe unheimliches Gespür für Timing.

Von Kathrin Buchner

Seit Jahren gibt es Atommülltransporte durchs Wendland. Seit Jahren ist das Interesse nach den Hochzeiten des Anti-Atomkraft-Protests Mitte der 80er Jahre eher abgeflaut. Doch vor gut einer Woche war es anders: 16.000 Menschen beteiligten sich am Wochenende an den Demonstrationen gegen die Überführung von radioaktivem Abfall von Frankreich nach Gorleben. Die Anti-Atomkraftbewegung erlebt eine Renaissance.

Und genau eine Woche danach sendet die ARD einen "Tatort" namens "Salzleiche", der im Wendland spielt und der sich um die Lagerung von verstrahltem Atommüll dreht. Punktgenaue Landung. Wieder mal. Fast schon beängstigend ist dieses Timing der "Tatort"-Macher. Und das bei einem Format, das viele Monate Vorarbeit nötig hat. Respekt.

Ötzi der Atomkraft ist Undercover Agent

Der Krimi selbst hat Schwächen, trotz des brisanten Stoffes. Zu verworren ist die Geschichte, die Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), wie immer im Alleingang unterwegs, von den Äckern des Wendlandes zu den dunklen Vierteln Barcelonas führt. Eigentlich sollte Lindholm lediglich den Mord an Sven Gutzkow aufklären, Sicherheitsmann im Zwischenlager von Gorleben. Der wird ein paar Monate nach seinem plötzlichen Verschwinden als Salzleiche in der Nähe seines Arbeitsplatzes gefunden, gepökelt, ein Ötzi der Atomkraft quasi.

Viel Zeit lässt sich Regisseurin Christiane Balthasar für die Entwicklung der Geschichte: Die Kamera schwenkt in langen Fahrten über die grünen Felder des Wendlands, zeigt Windräder und idyllische Dörfer. Lindholm agiert, als ob sie "Die Sendung mit der Maus" dreht: Per Frage-Antwort-Spiel mit dem Betriebsleiter der "Gesellschaft für atomare Zwischenlagerung" werden dem Zuschauer die gängigen Pro- und Contra-Argumente um die Ohren geschlagen und eine Werksbesichtigung gibt's auch noch. Das ist biederes Bildungsfernsehen für Erwachsene.

BND-Agenten in Barcelona

Damit's nicht ganz so dröge und provinziell bleibt, zieht der "Tatort" auch noch eine große Schleife in die globalisierte Welt: Der tote Sven Gutzkow ist nämlich ein Undercover Agent des Bundesnachrichtendienstes, und Lindholm wird vom BND als Lockvogel missbraucht. Zuvor hatte die Kommissarin eine Nacht kiffend mit einem Computerhacker verbracht, der die Daten aus dem Handy des Toten rekonstruiert, die Lindholm auf eine Spur nach Barcelona geführt haben.

Dort entdeckt Lindholm einen Koffer mit Unterlagen und radioaktivem Cäsium, wird von BND-Agenten bedroht, denen lügt sie lässig was vor und spielt die Informationen über den illegalen Handel mit den hochgiftigen Substanzen an die Presse. Und ganz nebenbei löst sie dann auch noch den Mord an der Salzleiche. Der hat, obwohl das Opfer ein Undercover-Agent ist, wenig mit Wirtschaftskriminalität oder Atompolitik zu tun, sondern entpuppt sich als schnödes Eifersuchtsdrama - der Dorfpolizist konnte es nicht ertragen, dass seine Frau eine Affäre mit Gutzkow hatte, der sie auch noch schwängerte, was dem Polizisten nicht gelang. Ob die Zeugungsunfähigkeit durch Atomstrahlen verursacht wurde, daran zweifelt selbst die eigene Ehefrau. Doch möglicherweise wollte man so das Politische mit dem Privaten verbinden in diesem durch und durch konstruierten "Tatort".