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Fade Fragen: Kein "King of Kotelett" weit und breit: TV-Duell scheiterte auch an den Moderatoren

Keine Erkenntnisse. Keine Unterhaltung. Und schon gar kein Wahlkampf. Dass das TV-Duell nicht in Fahrt kam, ist nicht nur der Kanzlerin und ihrem Herausforderer anzulasten. Die Moderatoren schienen zwangsnarkotisiert.

Von Sylvie-Sophie Schindler

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Man hätte sie in den Wok setzen und durch Eiskanäle jagen sollen, die Frau Merkel und den Herrn Schulz. Hallo, Stefan Raab, hast du das gehört? Dich aus dem Showgeschäft zurückzuziehen, was für eine saublöde Idee, besonders, wenn ein TV-Duell zum Bundestagswahlkampf ansteht – und du dieses Mal nicht dabei bist. Fast schon ist man versucht, und das aus purer Verzweiflung, dich ob deiner Moderatorenleistung im Jahr 2013 heilig sprechen zu wollen.

Denn: Die Kollegen können's wieder nicht. The same Rumgedümpel as every four years.  Kein "King of Kotelett", nirgends. Thomas Gottschalk sprach in der Anschluss-Sendung "Anne Will" von "purer Langeweile". "Vielleicht will der Deutsche so etwas", mutmaßte der dauerblonde Entertainer. Auch Anglerjacken und Kuckucksuhren beispielsweise, die würden dem Bundesbürger gefallen.

TV-Duell mit nur einer dramaturgischen Überraschung

Tatort fiel also aus. Unsere sonntägliche Leiche gebe uns heute - das Gebet wurde nicht erhört. Aber im Gottesdienst, da wird man hoffentlich gewesen sein. ARD-Talkerin Sandra Maischberger stellte gewissermaßen die Gretchen-Frage und landete mit "Ist einer von Ihnen heute in der Kirche gewesen?" die einzige dramaturgische Überraschung im TV-Duell. Angela Merkel erstmal sprachlos. Martin Schulz eifrig, er sei am Sonntag in einer Kapelle gewesen. Um quasi zu zeigen, dass sie nicht nur zu den Großen der Welt einen guten Draht hat, sondern auch nach "ganz oben", zog Merkel schnell nach: sie habe am Samstag eine Kirche besucht. So also kann man die Bundeskanzlerin dazu bringen, ihren Autopilot mal auszuschalten. Hätte man öfters machen sollen. Nein: müssen! Stattdessen aber brachten Maischberger, Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Claus Strunz (Sat.1) den Fernsehzuschauer in Lebensgefahr: Tod durch Langeweile.

"Nächsten Sonntag wäre Zeit für ein zweites Duell",  sagte Kloeppel am Schluss. Hoffentlich ein Witz. Allein: Man hat es ja ursprünglich so haben wollen, zwei Duelle, ein öffentlich-rechtliches und eines auf den privaten Sendern. Merkel wollte nicht, Schulz schon, Merkel setzte sich durch. Weil sie damit durchkam, müssen sich die Moderatoren auch die Frage gefallen lassen, wo hat die Kanzlerin noch mitgemischt? Wurde das Quartett etwa zwangsnarkotisiert? Das Team Kloeppel und Illner war lahm, farblos, kaum vorhanden. Und Strunz disqualifizierte sich zwar nicht mit Fragen à la "Sie finden Martin Schulz scharf, ja, Frau Merkel?" – wie er das erst kürzlich bei Katja Kipping und Christian Lindner nicht vermeiden konnte -, aber  er demonstrierte dennoch zuverlässig, wie Journalismus nicht sein soll. Er brachte ein Zitat von Schulz in einen falschen Zusammenhang, nannte später in Bezug auf ausreisepflichtige Menschen eine falsche Zahl, indem er - von niemandem korrigiert - die Zahl der geduldeten Menschen unterschlug und fragte dann in populistischer Manier: "Wann sind die weg?"

Kritik an Moderatoren: Merkel führte das Gespräch

Bewegung in das sonst ritualisierte Frage-und-Antwort-Spiel brachte höchstens Maischberger dann und wann. Gerade wenn es darum ging, großkoalitionär anmutende Litaneien, die sich wie auswendig gelernt anhörten, zu unterbrechen. So etwa: "Grad ergänzen Sie sich gut, da müssen wir nicht weiterreden." Dennoch blieb der Eindruck: Chefin des Gesprächs war Angela Merkel - in ihrer Teflon-Mentalität freilich nicht auf Krawall aus. Gut, dass in ihr kein Trump steckt. Dennoch, das hätten sich die Moderatoren, allesamt ja keine Anfänger, zur Aufgabe machen müssen: Konfliktpotenzial ausloten und die beiden Kandidaten bestenfalls in eine Dialektik bringen. 

Die alten Griechen wussten schon, wie Argumentation in Rede und Gegenrede funktioniert. Apropos. Griechenland war kein Thema. Digitalisierung auch nicht und auch nicht Bildung. Die Fragen drehten sich rund 50 Minuten erstmal nur um Außenpolitik: Flüchtlinge, Integration, Terrorismus, Schutz der Außengrenzen, Erdogan, Trump und Nordkorea. Zum Vergleich: etwa zehn Minuten wurde über soziale Gerechtigkeit gesprochen. Für die Bundesbürger sind finanzielle Entlastungen aber sicher relevanter als Kim Jong Un. Hier hätte Schulz Terrain erobern können. Doch da sich der Herausforderer schon selber nicht besonders groß als Sparringspartner vordrängelte, hätte er, hallo Moderatoren, angestachelt werden müssen. Denn: Ein Duell ist ein Duell ist ein Duell. Maischberger versuchte es immerhin mit einem an Schulz gerichteten "Sind Sie der Meinung, Angela Merkel schadet diesem Land?" Schulz aber zitierte nur wenig später lieber den persischen Mystiker Rumi: "Jenseits von richtig oder falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns." Stefan Raab hätte ihm wahrscheinlich  geantwortet: "Wadde hadde dudde da?"

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