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TV-Kritik: TV-Duett statt TV-Duell: So enttäuscht waren Anne Wills Gäste von Merkel und Schulz

Hätte, würde, könnte: Bei Anne Will zum TV-Duell wurde viel gemutmaßt. Es war sicherlich nicht die dankbarste Talk-Einladung, die man dieser Tage erhalten konnte. Entsprechend enttäuscht waren die Gäste von Gottschalk bis Guttenberg.

Von Andrea Zschocher

"Wenn ich die Rente mit 70 ok finde, wen muss ich dann wählen?“, fragte Thomas Gottschalk flapsig in die Talkrunde bei Anne Will. Und traf dabei doch den Nagel auf den Kopf. Denn im TV-Duell zeigte sich: So richtig Position bezogen da weder Kanzlerin Merkel noch Kanzlerkandidat Schulz. Die Antwort aus der Talkrunde daher: „Einen der Beiden!“

Es war sicher nicht die dankbarste Talkeinladung, die man dieser Tage erhalten konnte. Denn nach dem TV Duell, das so wenig Angriffspunkte für konträre Positionen lieferte, dennoch eine Stunde zu unterhalten, das kann auch anstrengend werden. Deswegen, die Sendezeit musste ja gefüllt werden, wurden alle Gäste auch nicht müde zu betonen, wie nah sich Merkel und Schulz in der Argumentation gewesen wären und wie wenig Duell da so im Spiel gewesen sei. Stattdessen hätte ein sehr salopp gekleideter, beinahe extra aus den USA für diese Sendung eingeflogener Guttenberg erwartet, „dass die Beiden sich gleich umarmen“. Soweit reichte die Liebe dann doch nicht, es ging, erzählte Moderatorin Sandra Maischberger „wie bei einem Businesstermin“ zu. Dabei ist das, was da zur Wahl steht, doch gar nicht Business as usual. Journalistin Christiane Hoffmann wies daraufhin, dass im Land eine latente Wechselstimmung umgehen würde, dass die Menschen bereit wären für etwas Neues, das nicht unbedingt Angela Merkel die Siegerin werden müsste. Die Kanzlerin hatte, da waren sich die Talkgäste einig, ihre Chancen im Duell genutzt und Boden gut gemacht.

Gottschalk, der dieses TV-Duell rein aus Wählersicht verfolgte und sich bei Will als ebensolcher äußern sollte, gab zu, dass er noch immer nicht wisse, für wen er sein Kreuz machen wird. Er hatte vom Duell mehr Entertainment erwartet. Aber hätte es stattdessen nicht gereicht, wenn beide Duellanten mehr Kante bewiesen hätten, wenn mehr konträre Positionen zu diskutieren wären?

Hätte, hätte, könnte sein – viel Mutmaßen bei Anne Will

Hätte, würde, könnte, bei Anne Will wurde viel gemutmaßt. Sandra Maischberger, eine der Moderatorinnen des TV-Duells sprach sich daher für eine Elefantenrunde aus. Ihrer Meinung nach wäre eine Runde mit den Vertretern aller großen Parteien ein dankbarerer Diskussionsort gewesen, bei dem auch eine Kontroverse hätte entstehen können. Auch ein zweites TV Duell wäre in ihren Augen wünschenswert gewesen. Beides aber hatte die Kanzlerin abgelehnt.
Mit dem Ergebnis, dass die einmalige Möglichkeit sich den Wählerinnen und Wählern im direkten Schlagabtausch zu präsentieren mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ endete, wie der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg das Ergebnis zusammenfasste. Es gab im Duell „sehr viel Harmonie“, und trotzdem wurden die Erwartungen von zu Guttenberg erfüllt. In seinen Augen sei es für Martin Schulz eine undankbare Aufgabe an den „Gummiwänden der Erfahrungen“ Merkels abzuprallen. Die Kanzlerin, das sagte auch Maischberger so, hätte eben gezeigt, dass sie „durch Krisen gehen kann“, was ihr einen großen Vertrauensbonus einbrachte.

„Ich habe gar kein Duell gesehen“, fasste Journalistin Christiane Hoffmann ihr Erlebnis zusammen. Für sie war es eher „eine Bewerbung um die große Koalition“. In das gleiche Horn stieß auch Maischberger, die erklärte, dass sie sich in der Moderation nicht wunderte, dass Angela Merkel sich im TV-Duell immer wieder auf Ergebnisse aus der Großen Koalition berief. Während diese Reaktion für Maischberger und ihre Kollegen noch erwartet wurde, denn wer lässt sich schon gern den schwarzen Peter in Sachen PKW-Maut zuschieben, hatte sie mit einem nicht gerechnet. Bei der Themenauswahl im Duell blieb vieles ungesagt, weil Schulz und Merkel sich so ausgiebig den Themen der Flüchtlings- Innen- und Außenpolitik widmeten. Da wurden Fragen nach sozialer Gerechtigkeit oder Arbeit 4.0 nur ganz am Rande angerissen.  

Der ehemalige Parteivorsitzende der SPD,  Franz Müntefering, monierte dies. Seiner Meinung nach sei zu wenig auf die Themen eingegangen worden, bei denen Schulz hätte überzeugen können. Dennoch hätte sich Schulz gut geschlagen, auch wenn man „nie zufrieden sein“ dürfe. Er war allerdings naturgemäß der Einzige in der Runde, der Schulz zum Sieger des TV Duells erklärte. Was blieb ihm auch anders übrig, gab er doch auch zu bedenken, dass Sigmar Gabriel seinerzeit den Job als Kanzlerkandidat gleich gar nicht übernehmen wollte. Nun steht die SPD hinter Schulz und macht das Beste draus. 


Die Umfrage von der ARD und Infratest, die während und nach dem TV Duell unternommen wurden, zeigten ein anderes Bild. Die Wirtschaftsjournalistin Ellen Ehni erklärte, dass von 1000 Befragten 64 Prozent Angela Merkel als kompetenter ansahen als den Herausforderer Martin Schulz mit 20 Prozent. Ein Drittel der Befragten sei, so erklärte Ehni, noch unentschlossen, wen sie am 24. September wählen werden. Bei diesen unentschlossenen Wählerinnen und Wählern konnte Merkel deutlich punkten, 48% fanden sie überzeugender als Schulz mit 36 Prozent.

Merkel überzeugte mehr als Schulz

Solch ein klares Ergebnis gab es in keinem der vorangegangenen TV-Duelle für Angela Merkel, stellte Ellen Ehni heraus. Christiane Hoffmann sah darin einen „dicken Amtsbonus“ für Merkel, während Schulz seine große Chance im Duell nicht nutzen konnte. Dennoch, die schon erwähnte Stimmung in Deutschland, die einen Wechsel für die SPD möglich machen könnte, die sei, so die Journalistin auch eine Chance für Martin Schulz. Denn Schulz konnte, das zeigte die Umfrage auch, durch besondere Angriffslustigkeit punkten.

Während Thomas Gottschalk nicht müde wurde zu betonen, dass er sich mehr Unterhaltung gewünscht hatte und den „unbedingten Willen“ zum Sieg bei Martin Schulz vermisste, gab Guttenberg zu bedenken, dass die angesprochenen Themen nicht alle für den „Ottonormalverbraucher“ interessant gewesen seien. Dem widersprach Hoffmann energisch, denn gerade das Flüchtlingsthema, das im TV Duell sehr viel Raum einnahm, sei für die Wähler und Wählerinnen wichtig.

Ob also, wie Guttenberg mutmaßte, die Zuschauer eine „Bewerbung des zukünftigen Außenministers“ gesehen hatten, bleibt abzuwarten. Bei Anne Will waren sich jedenfalls fast alle Gäste einig, dass das Duell eigentlich keines war, da zu viel Harmonie und Einigkeit bei den großen Themen herrschte. Angela Merkel hatte die Talkrunde überzeugt, wurde aber auch als überheblich wahrgenommen, während Martin Schulz als emotionaler Akteur in Erinnerung blieb.
Ob das aber nun, wie  Thomas Gottschalk es salopp formulierte bedeutet: „Eigentlich ist es wurscht, wer es macht“ – das bleibt abzuwarten.