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TV-Kritik "Hart aber fair" Endlich mal eine gute Sendung machen


Es musste wohl unbedingt Gauck sein am Tag nach der Wahl des neuen Bundespräsidenten. Dumm nur, dass Moderator Frank Plasberg und seiner Talkrunde nichts Neues mehr einfiel zu dem Thema.
Von Christoph Forsthoff

Die Antwort saß: Als Frank Plasberg am Ende seiner Diskussion Franz Müntefering die Standardfrage stellte, mit wem aus der Talkrunde der SPD-Politiker denn gern einmal tauschen würde, meinte der nur ganz trocken: "Mit Ihnen" - um mal "eine gute Sendung zu machen". Womit die 75 Minuten ebenso kurz wie klar zusammengefasst waren. Es reicht eben nicht, den Diskutanten ein paar spitze Fragen zu stellen oder ein scheinbar provokantes Thema zu formulieren wie an diesem Abend: "Der Bewährungshelfer - kann Gauck das Ansehen der Politiker heilen?" Allzu sehr lagen da die Antworten auf der Hand: Was hat ein evangelischer Pfarrer schon mit der Politikerkaste gemein? Selbst als neuer Bundespräsident ist und bleibt der Mann "ein Solitär", wie Müntefering treffend feststellte.

Klar natürlich auch, dass das SPD-Urgestein den eigenen Berufsstand in Schutz nahm: Politiker würden viel leisten, gute und wichtige Arbeit machen; ja, fast klang es wie eine Drohung, als der 72-Jährige den Deutschen empfahl, nicht so zu tun, als ob sie auch ohne Parteien gut leben könnten … Und FDP-Mann Christian Lindner bemühte gar gleich den großen Atem der Geschichte, als der ehemalige Generalsekretär und aktuelle NRW-Spitzenkandidat der Liberalen der deutschen Politik "eine ordentliche Leistungsbilanz" seit der Wiedervereinigung attestierte: "Im Vergleich mit Putin oder Berlusconi sind wir in Deutschland eigentlich auch ganz gut bedient gewesen." Selbstironie oder doch eher ein Freudscher Versprecher?

Sittler gibt das kleine Staatsoberhaupt

Was auch immer, jedenfalls war das eigentliche Thema mit dieser unmissverständlichen Selbstzufriedenheit der beiden Politiker rasch erledigt - und Plasberg gelang es auch nicht, eben diese, bisweilen in Selbstgefälligkeit umschlagende Eigenart mancher Volksvertreter als eine Ursache des zunehmenden negativen Politikerimages zu thematisieren. Er wollte dies aber vielleicht auch gar nicht, da ihm rasch klar war, dass sich mit dieser konstruierten Perspektive auf den neuen Bundespräsidenten zumindest in dieser Runde kein Blumentopf gewinnen ließ. Denn während Ursula Kosser, langjährige Bonn-Korrespondentin des "Spiegel", nicht viel mehr als die schon allzu oft erhobenen Elogen auf Gauck zum Besten zu geben wusste - "ich bin so froh, dass da mal wieder ein Mensch ist zum Anfassen" - gab Schauspieler Walter Sittler gar das kleine Staatsoberhaupt: "Wenn wir es hinkriegen, dass mal wieder zugehört wird…"

Wurde aber nicht an diesem Abend, und so wechselten der Moderator und seine Gäste immer wieder lustig die Themen. Mal ging es um die niedrige Frauenquote in der FDP, dann um "Stuttgart 21" - auch Sittler ist gegen den Bahnhofsumbau auf die Straße gegangen - oder die soziale Spaltung in diesem Land. Zwischendurch streute Plasberg ein paar nette Umfragen ein (53 Prozent der Deutschen glauben inzwischen, dass sich die meisten Politiker persönliche Vorteile verschaffen - Wulff lässt grüßen) oder einen niedlichen Einspielfilm mit Grundschulkindern, die feststellten, nur ganz wenige Politiker seien gerecht. Fehlte eigentlich nur noch Oma Meyer aus Witten-Herdecke.

: "Ist das Ernst oder Spaß?"

Stattdessen versuchte der Moderator, Lindner gegen Philipp Rösler aus der Reserve zu locken - sähe der nicht aus wie ein Klassensprecher, wenn der FDP-Chef in seiner dicken Limousine am Kanzleramt vorfahre? Ohne Erfolg indes, und so mussten wir uns noch ein paar allgemeine Betrachtungen zum Zusammenhang von Alter und Glaubwürdigkeit in der Politik anhören. Und wäre das interaktive Fernsehen in seiner Entwicklung schon weiter, wir hätten am Ende glatt die Melodie des Fehrbelliner Reitermarsches angestimmt: "Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben …". Da nämlich präsentierte uns Plasberg noch dessen Urururur-Enkel Philip Kiril von Preußen, der "ein Wertevakuum auf der emotionalen Ebene" hierzulande diagnostiziert hat: Deutschland bräuchte wieder einen König. "Exotisch", meinte Müntefering nur knapp - und: "Ist das Ernst oder Spaß?" Nein, wirklich ernst ließ sich diese Sendung nicht nehmen.


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