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TV-Kritik "Maischberger" Sirtaki in der Endlosschleife


Bei Sandra Maischberger ging es mal wieder um die Eurokrise. Costa Cordalis wartete dabei mit einer Liebeserklärung an die Deutschen auf. Ein ehemaliger Finanzminister hatte dagegen nichts zu lachen.
Von Björn Erichsen

Es ist ein Elend mit der Griechenland-Hilfe. Ökonomen streiten erbittert über Wachstumsimpulse, Schuldenschnitte oder den Totalausfall. Im Bundestag grübeln Abgeordnete, ob sie sich beim braven Abnicken der teuren Hilfspakete an der künftigen Generation versündigen. Die Kanzlerin steht ohne eigene Mehrheit da und der Finanzminister muss sogar schon vor der Abstimmung erklären, dass auch das neuerliche 130-Milliarden-Paket nicht reichen wird. Nur für TV-Talker sind es goldene Zeiten. Sandra Maischberger etwa kann am Dienstagabend in ihrer gefühlt Hundertsten Sendung zum Thema Eurokrise mal wieder mit „einem hübschen Titel“ nationale Ängste an die Mattscheibe pinseln: "Der letzte Sirtaki: Griechen bankrott, Deutsche zahlen trotzdem?"

Dass zunächst alles ruhig bleibt, liegt an der Kassenwartmentalität des ersten Gastes: Hans Eichel, in Diskussionsrunden so sexy wie ein Sparbuch, tritt als Verteidiger der Krisenpläne auf: Schulden erlassen, Staatsausgaben kappen, harter Schnitt bei Löhnen und Gehältern – das Ganze irgendwie "kombiniert mit einer Wachstumsstrategie". Es ist ein ebenso erwartbares wie wenig konkretes Plädoyer für ein "Weiter so", das auch aus dem Rezeptblock von Angela Merkel stammen könnte. Undenkbar ist für den ehemaligen Finanzmister ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone. Eichel wirkt ehrlich betroffen, wenn er sagt: "Man kann so einen Staat doch nicht einfach Pleite gehen lassen."

Wolfgang Bosbach hat Oberwasser

Es ist jedoch nicht sein Abend: Der 70-Jährige muss sich heftige Kritik anhören, vor allem von Börsenjournalistin Anja Kohl, die den absehbaren Bankrott Griechenlands prophezeit, trotz all der Hilfsmaßnahmen ("Zurzeit lassen wir sie ja nur ein bisschen Pleite gehen"). Außerdem gibt sie Eichel eine Mitschuld an der Malaise, schließlich saß der in Gerhard Schröders Kabinett, als Deutschland erstmals die Stabilitätskriterien verletzte. Zur Beute der Schwerkraft werden seine Mundwinkel endgültig, als auch noch seine unglückliche Rede aus dem Juni 2000 eingespielt wird: Darin gratuliert der damalige Finanzmister den Euro-Anwärtern aus Athen zu ihrer überaus erfolgreichen Haushaltspolitik. Vermutlich schwant Eichel schon: Geht das mit Griechenland schief, wird er in den Geschichtsbüchern eher nicht in erster Linie als der nette Sparminister auftauchen, als der er sich selbst so gerne sieht.

Oberwasser dagegen hat Wolfgang Bosbach - spätestens seit sich mit CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich erstmals ein Kabinettsmitglied offen für den Austritt der Griechen aus der Eurozone ausgesprochen hat. Der CDU-Rebell freut sich darüber, nun nicht mehr sofort "in die anti-europäische Ecke gestellt zu werden", wenn er darauf hinweist, dass die wesentlichen Probleme Griechenlands eben nicht mit Krediten zu lösen sind: "mangelnde Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit" oder aber das Fehlen von "flächendeckender Steuermoral und einer leistungsfähigen Verwaltung". Es gipfelt in einer Frage des Polit-Profis, die viele Menschen hierzulande schon längst als rein rhetorische wahrnehmen: "Wer glaubt eigentlich noch daran, dass sich die Lage in Griechenland durch weitere Rettungspakete grundsätzlich bessern wird?"

„Banken zerschlagen“ und „Kapitalmärkte entmachten“

Ihren Tiefpunkt erreicht die Sendung, als nach einer halben Stunde Rudolf Hickel und Karsten Schröder mit in die Runde gebeten werden. Der eine ist ein wütender Wirtschaftsprofessor von der Linken, der "Banken zerschlagen" und "Kapitalmärkte entmachten" will. Der andere ein unangenehmer Hedgefonds-Manager, der viel zu oft: "Lassen Sie mich ausreden" sagt, sich ansonsten aber keiner Schuld bewusst ist. Das ungleiche Paar nebeneinander auf der Couch erinnert fatal an Waldorf & Statler von den "Muppets". Und es dauert auch nicht lang, da verzetteln sich die beiden in einem abenteuerlichen Fachdiskurs, irgendwo zwischen Swaps und Algo-Trading, der die Einschaltquoten innerhalb kürzester Zeit auf das Niveau einer Vorabendsendung mit Thomas Gottschalk katapultiert haben dürfte.

Ein echter Farbtupfer in der Show ist dagegen Costa Cordalis. "Deutschlands beliebtester Grieche" (Maischberger), der Mitte der 70er "Anita" umgarnte und sich über all die Jahre treu geblieben ist: pechschwarzer Lockenkopf, sonniges Gemüt, das Hemd noch immer satte drei Knöpfe offen. "Heiß auf den Euro" seien seine Landsleute damals gewesen, räumt der Schlagersänger ein, und deswegen hätten sie ein wenig mit den Zahlen geschummelt. "Doch nur, um auch endlich die schönen deutschen Autos zu fahren." Es ist der Auftakt zu einer großen Charme-Offensive. Die Sache mit den Nazi-Karikaturen, die Merkel mit dem Hitler-Bart, das sollten wir doch bloß nicht so ernst nehmen. Denn von einem ist Cordalis felsenfest überzeugt: "Die Griechen lieben die Deutschen", und wer weiß: Vielleicht wird das den ein oder anderen Skeptiker ja nochmal umstimmen.


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