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"Anne Will" Wir, sie – alle sind ein bisschen sehr coronamüde

Anne Will Runde über Corona
Lob für die Deutschen, ansonsten viel Ermüdendes: Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über Corona
© Wolfgang Borrs / ARD
Bei "Anne Will" wurde mal wieder über Corona-Maßnahmen, Verhältnismäßigkeit und Schnelltests diskutiert. Trotz steigender Infektionszahlen gab es Lob für uns Deutsche. Dennoch: Ein bisschen ermüdend, das alles.
von Andrea Zschocher

Und wieder müssen sie reden, die Politiker und Virologinnen. Bei Anne Will gab es die gefühlt 5712. Ausgabe eines Corona-Talks. Thema diesmal: "Sorge um steigende Corona-Zahlen – reichen die Maßnahmen aus?"

Reichen die Corona-Maßnahmen aus?

Die verkürzte Antwort der Gäste: Ja, tun sie, weil die Bevölkerung das im Großen und Ganzen doch super macht. Komisch nur, dass die Zahlen dann doch wieder steigen. Können ja nicht alles Zu- oder Einzelfälle sein. Also braucht es entweder doch mehr Maßnahmen oder eine bessere Ansprache an die Bürger und Bürgerinnen. Denn von der Politik beschlossene Maßnahmen sind dann am wirkungsvollsten, wenn sie verständlich und nachvollziehbar sind. 

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

  • Melanie Brinkmann, Professorin für Virologie am Institut für Genetik an der Technischen Universität in Braunschweig
  • Alena Buyx, Professorin für Medizinethik und Vorsitzende des Deutschen Ethikrates
  • Olaf Scholz (SPD), Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen
  • Wolfgang Kubicki (FDP), Bundestagsvizepräsident und stellvertretender Parteivorsitzender
  • Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Waren die Maßnahmen bisher zu lasch?

In vielen europäischen Ländern steigen die Zahlen der Corona-Infizierten wieder an. Auch Deutschland ist darunter. Und kurz vor den Gesprächen, bei denen über neue bundesweite Maßnahmen diskutiert werden soll, wollte natürlich auch Anne Will in ihrer Sendung nachfragen, ob die bisherigen Einschränkungen zu lasch gewesen seien. Natürlich nicht, werden wohl all die Menschen antworten, die in den letzten Monaten in Kurzarbeit waren, ihre Kinder neben dem Arbeiten im Homeoffice betreut haben, Feste gar nicht oder in kleinerem Rahmen gefeiert haben. All die, die von den bisherigen Einschränkungen betroffen sind und trotzdem zum Schutz der Gesamtbevölkerung alles mittragen, können angesichts von Vorschlägen wie dem Ruf nach mehr Maskenpflicht, vorsichtigen Reisewarnungen und Partyverboten nervös werden. Wer sich an alle Auflagen gehalten hat, könnte das Gefühl bekommen, in den kommenden Wochen weiter bestraft zu werden.

Debatte über Verhältnismäßigkeit

Das ist vor allem deswegen problematisch, weil die Maßnahmen allzu oft zu einer Generalisierung verkommen. Deswegen hat Wolfgang Kubicki recht, wenn er fordert, dass es parlamentarische Debatten über die Verhältnismäßigkeit von Vorschlägen geben muss. Man sollte "Menschen mehr vertrauen", als es die Regierung manchmal tut. Das ist Wasser auf die Mühlen all derer, die in den letzten Monaten die vielen Einschränkungen über sich ergehen ließen, zum Wohle aller. Auch die Virologin Melanie Brinkmann lobte ausdrücklich. Das "Befolgen der Regeln machen wir Deutschen schon ganz gut." Und genau wie Olaf Scholz sprach sie sich dafür aus, dass es regional differenzierte Maßnahmen geben müsse. Was genau bei den kommenden Gesprächen passiert, da wagte der Vizekanzler keine Prognose. "Man kann nicht vorhersagen, was da beschlossen wird", sagte Scholz, aber es sei eine "Zeit, in der der Föderalismus sich bewährt". Denn dies führe zu ausgewogenen Entscheidungen.

Individuelle Regelungen sind wichtig

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Alena Buyx stimmte in diesen Reigen mit ein, die flächendeckenden Maßnahmen seien problematisch gewesen, individuell regional auf die steigenden Infektionszahlen zu gucken sehr viel besser. Dass eventuell das Feiern von (Privat-)Partys wieder eingeschränkt wird, sei "freudlos und ernüchternd", aber "es trifft im privaten Leben nicht so hart" wie es die Wirtschaft treffen würde. Dagegen lässt sich schwerlich argumentieren, und doch fehlte in dieser Runde der Hinweis, dass viele Menschen einfach müde sind von all den Maßnahmen und Regeln und Einschränkungen. Wir alle wissen, dass Corona nicht so schnell weggehen wird, und, dass wir als Gesellschaft zusammenhalten und uns alle einschränken müssen, solidarisch miteinander sein. Aber manchmal strengt das an. Und dem wird kaum Raum gegeben.

Schnelltests sind kein Wundermittel

Die Schnelltests werden kommen, aktuell, so die Virologin Brinkmann, müssen sie aber noch in den Laboren validiert werden. Das könne noch bis Anfang 2021 dauern. Sie seien aber auch kein "Wundermittel" sondern nur eine sinnvolle Ergänzung zu allen anderen Maßnahmen. Brinkmann gab zu bedenken, dass falsch negative Ergebnisse möglich seien, etwa, wenn die Viruslast nicht hoch genug sei. Andreas Gassen fand das vernachlässigbar, eine Sensibilität von 98,5% sei hoch genug, nichts im Leben sei zu 100 Prozent sicher. Mit diesen Tests könnten aber wieder mehr Menschen am Alltagsgeschehen teilnehmen, weil sie davon ausgehen könnten, dass das Testergebnis relativ zuverlässig ist und sie andere nicht gefährden.

Weitere Themenpunkte:

  • Corona-App: Sie werde gut angenommen, könnte aber von noch mehr Menschen genutzt werden. Zu viele Menschen würden die App als Schutz für sich selbst, aber nicht zum Schutz für andere nutzen. Hier könnte mit Push-Nachrichten vielleicht mehr erreicht werden. Es wurde von der Professorin für Medizinethik bekräftigt, dass die Daten eines Jeden in der App sicher seien.
  • Der schwedische Weg: Wäre für Deutschland keine Alternative gewesen, die Herdenimmunität ist auch dort nicht erreicht, gerade die älteren Menschen wurden in Schweden nicht ausreichend geschützt
  • Gesundheitsämter: Sie brauchen langfristig Unterstützung, auch das wird im Gespräch am Dienstag ein Thema sein. Nachverfolgung von Kontakten bleibt ein wichtiges Mittel in der Corona-Bekämpfung
  • Ahal- Regeln: Neben Abstand halten, Hygienemaßnahmen einhalten, Alltagsmaske tragen wird auch das Lüften nun zum wichtigen Instrument um Menschen vor Infektionen zu schützen

Drohen wieder Schul- und Kitaschließungen?

Dass es wieder zu flächendeckenden Schul- und Kitaschließungen kommen wird in diesem Winter, hielt Virologin Brinkmann für nahezu ausgeschlossen. Es werden immer wieder einzelne Schulklassen betroffen sein, aber das bundesweit die Schulen schließen, daran glaube sie nicht. "Im Großen und Ganzen ist es gut gelaufen", erklärte sie und wies darauf hin, dass es müßig sei, darüber zu diskutieren, ob die Schließungen überhaupt hätten sein müssen. Der bei "Anne Will" mehrfach erwähnte Fokus auf die regionalen Maßnahmen spricht dafür, dass mehr auf das lokale Infektionsgeschehen geachtet werden wird und neue Regeln nicht zwangsweise für alle gelten. Allerdings, gab Vizekanzler Scholz zu bedenken, dass sowieso nur die Zeit zeigen wird, was der richtige Weg ist. "Wir werden immer wieder auf das jeweilige Geschehen reagieren müssen." Empfehlungen für alle Zeiten kann niemand ernsthaft geben.


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