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ZDF-Dokudrama "Dutschke": Der real existierende Rudi

Das ZDF verfilmt das Leben des revolutionären 68er-Studentenführers Rudi Dutschke als Dokudrama. Das Resultat: Es gab wohl mehr Dutschkes, als wir geahnt haben.

Von Lutz Happel

Es sind immer die gleichen grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bilder, die über den Bildschirm flackern, wenn es um die 68er geht: Dutschke mit geballter Faust an der Spitze eines Demonstrationszuges, Dutschke im rot-schwarz gestreiften Strickpulli am Mikro - als Großmeister akademischer Bandwurmsätze. Es sind Bilder eines Menschen, der zur Ikone einer ganzen Generation geworden ist. Doch was war das eigentlich für ein Mensch? Warum wirkt er auf viele noch heute polarisierend? Und was verrät sein Leben über die Bewegung, der er sich so bedingungslos verschrieben hatte?

Keine einfache Aufgabe für die Filmemacher Daniel Nocke und Stefan Krohmer, die in ihrem Dokudrama "Dutschke" den Mensch Rudi Dutschke zeigen wollten. Denn so viele unterschiedliche Meinungen es zum Stellenwert der 68er gibt, so viel wird seit Jahrzehnten über den Westberliner Vorzeige-Revoluzzer diskutiert, der bereits 1979 an den Spätfolgen eines Attentats starb. Ob Bürgerschreck, Demagoge, Charismatiker, Revolutionär, Intellektueller, Straßenkämpfer oder einfach nur glänzender Rhetoriker: Dutschke diente schon früh als Projektionsfläche für seine Anhänger wie Gegner. Das Filmteam Nocke und Krohmer hat erkannt, dass solch ein Mann mit derart komplexen gesellschaftlichen Verflechtungen nicht einfach so aus einem Guss heruntergefilmt werden kann wie die Buddenbrooks. Zum Glück.

Zeit ohne Atem

"Wir sind der Meinung, dass man Dutschke und seiner Zeit am besten gerecht wird, wenn man Widersprüche herausstellt, statt sie zu verstecken", sagen die beiden Filmemacher. Dazu haben sie gespielte Szenen, Interviews und Archivmaterial zu einer multiperspektivischen Kollage zusammen geschnitten. Gezeigt werden Ausschnitte aus Dutschkes Leben ab 1964, als Dutschke allmählich bekannt wurde. 1967/68 war er bereits ein einflussreicher Akteur in West-Berlin. Man spürt die steigende Feindseligkeit in den Monaten vor dem Berliner Vietnam-Kongress bis zum Attentat im April 68. Es folgt seine Tour durch Europa auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Die Erzählung endet in den 70er Jahren.

Zu Wort kommen Freunde und Weggefährten, politische Kontrahenten, Dutschkes Frau Gretchen Klotz, ehemalige Mitstreiter wie Gaston Salvatore, Peter Schneider, Helga Reidemeister oder Bernd Rabehl, aber auch Zeitzeugen wie Eberhard Diepgen.

Die gespielten Szenen zeigen, wie Dutschke mit seinem engsten Gefährten Salvatore fieberhaft an Reden und Artikeln feilt, sich die Nächte um die Ohren schlägt, in überfüllten Hörsälen in ganz Deutschland spricht, mit dem Duktus eines hitzigen Soziologie-Professors, dem die Leute an den Lippen hängen. Wie er im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) bis zur Erschöpfung arbeitet. Eine Zeit "ohne Atem", so beschreibt Salvatore jene Hochzeit der politischen Aktivität seines Freundes.

Dutschke beim Windeln

Vieles sei im Film gut getroffen, sagt der Schriftsteller Peter Schneider, besonders die "hysterische Atmosphäre", die Ende der 60er Jahre in Berlin herrschte. Dutschke wird kongenial verkörpert von Christoph Bach, der den rauen und zugleich singenden Sprachduktus verblüffend genau trifft. Zur Imitation des Redners Dutschke standen Bach genügend Hörbeispiele zur Verfügung, und auch Gestik und Mimik sind so überzeugend, dass man in manchen Szenen zweimal hingucken muss, um den Schauspieler in der historischen Figur zu erkennen.

Gezeigt wird aber auch die persönliche Seite des Revoluzzers, etwa wie er gemeinsam mit Gretchen auf engstem Raum einer Studentenbude haust, wie er ihr erstes Kind Hosea Che windelt oder mit dem Kinderwagen unterwegs ist. Es entsteht das Porträt eines spartanisch lebenden, christlich geprägten, gerechtigkeitsbeseelten und prinzipienstarken Familienmenschen. Eine ungewöhnliche Perspektive, fast zu sympathisch, um wahr zu sein. Man könnte es auch Verzerrung durch Inszenierung nennen.

Ernsthaft bis zur Ironielosigkeit

Blicke wieder auf. Ernsthaft bis zur Ironielosigkeit sei er gewesen, der Rudi, sagen die einen. Man habe ihn nie einen Witz erzählen hören (Salvatore). Man habe wunderbar mit ihm lachen können (Reidemeister), behaupten die anderen. Auch enthüllen die Interviews mit früheren SDS-Mitgliedern wie etwa Bernd Rabehl oder Joscha Schmierer ein Konkurrenzdenken, das sich an der herausragenden Sonderstellung Dutschkes abarbeitete und so gar nicht zu einer solidarischen Bewegung passen will. Bemerkenswert ist, wie ironielos-angestrengt das auch 40 Jahre nach 68 wirkt. Erst die darauf folgende Generation entdeckte Humor und Selbstdistanz wieder. "Wir sind doch unheilbar an Ironie erkrankt, wir Nach-68er, und es ist gut so, weil es uns dann doch sehr immunisiert gegen Ideologie", sagt der Journalist Claudius Seidl, der ebenfalls im Film interviewt wird.

Die Gesamtheit dieses Stimmen- und Spielfilm-Potpourris ist so irritierend wie unterhaltsam und interessant. Hier nimmt sich eine Bewegung und ihren prominentesten Vertreter selbst auseinander und merkt es nicht einmal. Älteren Semestern mag "Dutschke" vielleicht zu viel auf die Person Dutschke und zu wenig auf die politischen Zusammenhänge der 68er eingehen. Doch genau das ist sein Vorteil.

Denn so entgeht das Dokudrama der Gefahr, so zu erzählen, wie Guido Knopp schon seit Jahrzehnten.

Erstausstrahlung: Dienstag, 27. April, 20.15 Uhr im ZDF