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Veröffentlichung von Samuel-Koch-Biografie "Hier, Gott, hast du meinen Körper"


Millionen schauten zu, als Samuel Koch bei "Wetten, dass ..?" verunglückte. Seitdem ist er gelähmt. In einem Buch schreibt er über Schmerzen, Verzweiflung und Lebenswillen.
Von Katharina Miklis

Einfach loslaufen, nur um des Laufens willen. Einen Baum anfassen, seine Rinde spüren. Sich hinsetzen, nur um des Hinsetzens willen. Und nach einer Weile die Beine überkreuzen. Das klingt alles so einfach. Samuel Koch hat sich oft gefragt, was er als Erstes tun würde, wenn er sich wieder bewegen könnte. Seine Antworten hat er so oft verworfen, wie er sich die Frage gestellt hat. Am Ende kehrt er immer zu dem einen Wunsch zurück: einfach loslaufen.

Aber Samuel Koch kann nicht laufen. Er ist vom Hals abwärts gelähmt. Sein Unfall erschütterte im Dezember 2010 ein ganzes Land: Millionen sahen zu, als er bei "Wetten, dass ..?" verunglückte. Es war der Anfang vom vorläufigen Ende der Unterhaltungsshow, die Thomas Gottschalk kurz darauf aufgab. Und es war das Ende eines selbstbestimmten Lebens, das eigentlich ganz anders hatte verlaufen sollen. Samuel Koch ist 24 Jahre alt. Das ist eigentlich kein Alter für eine Biografie. Und trotzdem hat er jetzt eine geschrieben. Der Journalist Christoph Fasel hat "Samuel Koch. Zwei Leben" für ihn zu Papier gebracht. Eigentlich wollte Koch es erst schreiben, wenn aus "dieser Misere ein Happy End geworden ist". Aber wie sich herausstellte, lässt das Happy End auf sich warten.

Der Moment, der sein Leben in zwei Hälften teilt

Es ist ein Buch über Schmerzen, über Gott und über die Welt, in der sich Samuel Koch seit dem Sturz befindet. Eine Welt, von der man keine Ahnung hat, solange man sich nicht selbst füttern, waschen und pflegen lassen muss. Es ist ein Buch, das von den vielen Stürzen handelt, nach denen der eifrige Sportler immer wieder aufgestanden ist. Bis zu seinem letzten Sturz. Die Biografie beginnt jedoch mit einem Schritt - auf die Bühne von "Wetten, dass ..?". Mit Sprungfedern an den Füßen will Samuel Koch, Sohn eines Informatikers und einer OP-Schwester, fünf fahrende Autos überspringen. Es ist die Wette Nummer 881. Koch erinnert sich, wie Gottschalk ihm vorab eine Frage stellte - obwohl er die Moderatoren im Vorgespräch darum gebeten hatte, erst nach der Wette zu plaudern. Dann der Moment, in dem sich sein Leben in zwei Hälften teilt.

"Wieder der Psalm in meinem Kopf und meinem Herzen. Ich gebe meinem Vater das Zeichen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal ... er bestätigt es mir ... fürchte ich kein Unglück ... linker Fuß ... denn du bist bei mir ... rechter Fuß, linker Fuß, Einsprung, Absprung - hoch in den Salto! Ein Knall. Nacht."

Was dann passierte, ist bekannt. Nicht jedoch, dass Samuel Koch an seinem Auftritt in der Show von Thomas Gottschalk gezweifelt hatte. Vielleicht ist das eine der bittersten Erkenntnisse dieses Buches. Ablehnend stand er dem Auftritt gegenüber, schreibt der ehemalige Kunstturner. Er hatte Angst, dass er sich "zum Affen machen würde". Schließlich arbeitete er gerade daran, "ernsthaft Schauspieler zu werden", studierte dafür in Hamburg und Hannover. "Ich fühlte mich endlich angekommen und startklar", schreibt er über diese Zeit. "Alles sah danach aus, als ob das Jahr 2010 zum glücklichsten meines Lebens werden wollte." Als im Sommer 2010 die "Wetten, dass ..?"-Planungen Form annahmen, entschied sich der junge Mann aus dem südbadischen Efringen-Kirchen trotz der Zweifel, den Auftritt durchzuziehen: "Gott hat bestimmt nichts dagegen, dass ich das mache."

Hinter den Kulissen von "Wetten, dass ..?"

Auch in die riesige ZDF-Produktion gibt Samuel Koch Einblicke. Er beschreibt die Vorfreude, die seine Freunde, seinen Vater und ihn hinter den Kulissen begleitete. Aber auch, dass "die volle Konzentration ... nicht so richtig gelang". In der Kommunikation soll es Schwierigkeiten gegeben haben - weil es so viele Ansprechpartner in dem großen ZDF-Team gab. Aber Samuel Koch beherrschte den Sprung ja im Schlaf. Zwei Stunden vor Sendebeginn wurde er von einem Mitarbeiter gefragt, ob man die Polster, die zum Waschen der Autos entfernt worden waren, weglassen könnte, "da sie unschön aussähen". Samuel Koch wollte weder Diskussionen, die seine Konzentration störten, noch unnötige Mühen bereiten. Er sagte: 'Klar.'

Millionen Menschen haben den Sturz Samuels im Fernsehen gesehen. Millionen wollen wissen, wie es mit ihm weitergeht. Samuel Koch war zu einer Person des öffentlichen Interesses geworden. Bei Facebook formieren sich Gruppen. Frauen schreiben ihm Liebesbriefe - und werden garstig, als er nicht antwortet. Reporter geben sich als Assistenten Gottschalks aus und schleichen sich in das Krankenhaus.

"Mama, das ist doch alles scheiße!"

Samuel Koch leidet in dieser Zeit unter unerträglichen Schmerzen. Ausgelöst unter anderem durch einen Halofixateur, der an seinem Schädelknochen festgeschraubt wurde. Schmerzen, die oft so groß sind, dass er das Bewusstsein verliert. "Schieß mich ab!", bittet er seinen Pfleger, wenn es ganz schlimm wird. Wäre er ein Pferd, denkt er dann, "man hätte mir längst den Gnadenschuss verpasst". "Mama, das ist doch alles scheiße. Hol den Tierarzt", sagt er einmal zu seiner Mutter. Samuel Koch fühlt sich eingesperrt in einem Körper, "den ich nicht mehr fühle und in dem ich mich seit dem Unfall keinen Augenblick wohlgefühlt habe. Terrorisiert von Nackenschmerzen, die mir den Kopf zu sprengen scheinen".

Seite 2: Samuel Kochs Zweifel an Gott und sein neues Leben

Monatelang wird Samuel Koch im Schweizer Paraplegikerzentrum in Nottwil behandelt. Sein Stoffwechsel und sein vegetatives Nervensystem funktionieren nicht mehr richtig. Speichelfluss und Tränenflüssigkeit haben nachgelassen. Er hat Probleme mit den Zähnen, den Augen, der Haut. Hungergefühle kennt Koch so gut wie gar nicht mehr. Die Toilette hat er seit seinem Unfall nicht mehr benutzt. Das Buch schildert deutlich die Qualen des jungen Studenten, dessen Leben stets von Sport und Bewegungsdrang bestimmt war und dessen Körper jetzt "ein Waschlappen geworden ist".

"Ich halte es gar nicht aus!, möchte ich manchmal herausschreien. Ich will wieder gehen können! Ich will wieder Sand unter meinen Füßen spüren, jemanden umarmen, einen Spaziergang machen, mich ins Gras legen"

Das Buch "Zwei Leben" ist im Adeo Verlag erschienen. Einem Verlag, der "für klare christliche Wurzeln und gleichzeitig für Weite" steht. Bücher von Margot Käßmann und Abtprimas Notker Wolf sind im Programm zu finden. Auch Kochs Buch ist stark von seiner Religiosität geprägt. "Ich hatte das ganze 'Wetten, dass ..?'-Projekt von Anfang an bewusst unter Gottes Regie gestellt", erklärt Koch. Und dass auch er, der gläubige Christ, von Zweifeln gequält wurde - wo Gott steckt, warum er ihm das antue, ob es ihn überhaupt gebe. Es hat zwar nicht lange gedauert, bis Samuel wieder lachen konnte. Mit seinen Freunden, seinen drei Geschwistern. Ein langer Kampf sei es jedoch für ihn gewesen, bis er sich wieder auf den Urgedanken des christlichen Glaubens besinnen konnte: "Dein Wille geschehe."

"Mein Körper ist futsch und ich kann damit im Moment nichts mehr anfangen. Deshalb gebe ich ihn ab: Hier, Gott, hast du meinen Körper, meinen Geist - ich habe keinen Plan mehr. Aber du hoffentlich schon. Mach damit, was du willst, und am liebsten sofort."

Vor ein paar Monaten wurde Samuel Koch aus der Reha in der Schweiz entlassen. So schnell wie möglich will er wieder am Leben teilnehmen. So gut es geht. Aber Koch ist ein Pflegefall. Er wird rund um die Uhr betreut. Noch wohnt er bei seinen Eltern. Aber das soll sich ändern. Gerade erst hat er sein Studium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover wieder aufgenommen. Jetzt stehen Termine an, um sein Buch zu promoten. Am Sonntag war er bei Günther Jauch. Am Montag gibt er eine Pressekonferenz. Große Auftritte, während sein Körper nur kleine Schritte macht. Wenn überhaupt. Samuel Koch ist ungeduldig. Niemand kann sagen, welche Fähigkeiten er zurückerlangen kann, sagen seine Ärzte. Und vor allem nicht, wann das passieren könnte.

Aber Samuel Koch will die Hoffnung nicht aufgeben. Dass er es bis hierhin geschafft hat, ohne durchzudrehen, macht ihm Mut, schreibt er. Er träumt von dem Tag, an dem er wieder rennen kann. Oder die Hände hinter dem Kopf verschränken. Einfach so. "Spätestens im Himmel werde ich all das wieder tun können, da bin ich sicher."


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