Leseprobe Che Guevara


Der Schutzheilige aller Revolutionäre: Wie das asthmatische Kind zum Krieger wurde, Kuba befreite, die neue Welt schaffen wollte, verlassen in der Ferne starb – und als Poster-Ikone auferstand

Sie dachten, sie könnten ihn auslöschen. Doch sie schufen eine Legende. Die Geschichte des Asthmatikers, der auszog, Kuba zu befreien und dann die ganze Welt. Der den Unterdrückern zwei oder drei Vietnams schaffen wollte. Den die Frauen liebten und den die CIA jagte. Der allein gelassen in der Ferne starb. Und ein Heiliger wurde

Sollte Ramóns Sohn glücklich und zufrieden aufwachsen, wird sein Vater ihm irgendwann erklären, dass es mit dem Mann zu tun hat, der von der Wand über seinem Bett durch das Fenster auf die staubigen Straßen von Villa España blickt. Das Bild zeigt ihn mit Stern, Bart, Barett. Ramón ist 27 Jahre alt. Er hat keine Arbeit. Besuchern erzählt er: "Für mich ist Che Guevara so was wie ein Heiliger, weißt du? Ich will, dass er auf meinen Sohn aufpasst und ihn beschützt." Mit dem Frieden ist es in Argentinien nicht weit her in diesen Tagen. Und ein Kind, das auf den gestampften Erdböden der Vorstädte von Buenos Aires aufwächst, mag glücklich werden. Zufrieden sein kann es nie.

"Bewahrt euch stets die Fähigkeit, jede Ungerechtigkeit, die irgendwo auf der Welt begangen wird, aufs Tiefste zu empfinden", hat der Mann an der Wand über seinem Bett geschrieben, aber das wird Ramóns Sohn erst erfahren, wenn er älter ist. Für die Jüngeren steht vor jeder Kenntnis über den Menschen immer sein Bild, Variationen eines Fotos vom 5. März 1960, das als das meistvervielfältigte der Welt gilt. Er war damals 31 Jahre alt, auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere: Ernesto Che Guevara – Arzt, Guerillero und Siebdruck gewordener Mythos.

14 Monate zuvor, am Neujahrstag 1959, hatten die Rebellen aus der Sierra Maestra den kubanischen Diktator Fulgencio Batista von der Insel vertrieben. In den Straßen Havannas bejubelten die Menschen den Einzug der barbudos, der bärtigen Guerilleros, unter ihnen der argentinische Comandante Ernesto Guevara, den sie "Che" nannten – ein Wort, das so viel wie "Hey" oder "Kumpel" bedeutet (Argentinier beenden damit jeden zweiten bis dritten Satz). Er war der Held der letzten Schlacht um Santa Clara. Seinen linken Arm trug er in Gips. Das Gemeindemuseum von Cabaiguán wird ihn später als Reliquie ausstellen.

Zehn Monate zuvor, am 22. Mai, hatte Guevara sich von seiner ersten Frau, der Peruanerin Hilda Gadea, scheiden lassen. Am 2. Juni heiratete er seine kubanische Lebensgefährtin Aleida March. Seine spartanische Selbstdisziplin war da bereits legendär: die Hochzeitsgäste kamen mit Lebensmitteln unterm Arm – ein Freund hatte das Gerücht gestreut, die Geladenen müssten ihr Essen selbst mitbringen.

Vier Monate zuvor, am 26. November 1959, war der Comandante ehrenhalber zum kubanischen Staatsbürger ernannt worden. Gleichzeitig übernahm er die Leitung der Nationalbank, angeblich eher zufällig: Che soll bei einer Versammlung eingenickt sein, als Fidel fragte: Gibt es hier einen Ökonom (economista)? Guevara, der comunista (Kommunist) verstanden hatte, meldete sich. Die neuen Geldscheine signierte er mit drei Buchstaben – Che.

Er arbeitet Tag und Nacht, schläft selten mehr als sechs Stunden, plant, diskutiert, schreibt, liest, studiert, wie besessen. Ein Sieger, der sein Ziel nie erreichen kann. In der Sierra del Escambray tobt die Konterrevolution. Die Sowjets vereinbaren erste Handelsabkommen mit Kuba, die USA erhöhen den Druck auf die zunehmend sozialistisch orientierte Führung der Insel, als im Hafen von Havanna das französische Frachtschiff "La Coubre" explodiert, mit 70 Tonnen belgischen Waffen an Bord. 75 Menschen sterben, mehr als 200 werden verletzt. Es heißt, die CIA stecke hinter dem Sprengstoffanschlag.

Der Fotograf Alberto Díaz, genannt "Korda", ist an jenem Nachmittag des 5. März 1960 für die Zeitung "Revolución" im Einsatz. Die Menge vor dem Friedhof Colón gedenkt der Opfer vom Vortag. Che steht auf der Rednertribüne, neben Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, der später über ihn sagen wird, er sei "nicht nur ein Intellektueller, sondern der vollkommenste Mensch unserer Zeit". Castro beendet seine Ansprache mit den Worten patria o muerte, Vaterland oder Tod, zum ersten Mal.

Mit seiner Leica M2 und einem 90 Millimeterobjektiv fotografiert Korda den Comandante in dem Augenblick, als er sich aus der Gruppe löst und an den Bühnenrand tritt. Seine Augen sehen traurig, wütend und trotzig über die Köpfe der Menge hinweg. Sein dunkles Haar fällt fast bis auf die Schultern, über der Stirn auf dem schwarzen Barett sein Abzeichen aus der Sierra, der rote Stern. Korda drückt zweimal auf den Auslöser, ein Hochformat, ein Querformat. In der Redaktion landet das Bild unveröffentlicht in der Ablage.

Er habe sich nichts dabei gedacht, als er dem italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli zwei Abzüge des Negativs überließ, sagte Korda später. "Er fragte mich, wie viel er mir dafür schulde. Ich sagte: Gar nichts, die schenke ich Ihnen." Wenige Tage nach Ches Tod hielten Demonstranten in Mailand die ersten Plakate in den Himmel, das Bild vom 5. März 1960. Korda hat Zeit seines Lebens keine Tantieme gesehen und nie verlangt. "Für mich", sagte er, "ist dieses Porträt zu einer Art Waffe geworden, einer symbolischen des Protests." Die Vermarktung der Ikone mit dem aufständischen Mehrwert allerdings widerte ihn an.

Ernesto Che Guevara wäre am 14. Juni 75 Jahre alt geworden, und lebte er, wäre er doch toter als seine lebende Legende. Medien orakeln über Castros Schwächeanfälle und zählen die Altersflecken auf seinen Händen, während der ewig 30 Jahre junge Comandante, auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere, mit heiligem Zorn von Zigarettenpäckchen und T-Shirts blickt, ein Unsterblicher, dessen Allgegenwart als Produkt auf den Märkten der Welt bei vielen mehr bewirkt als Konsumentengehorsam. Momentaufnahmen globalisierungskritischer Proteste in Seattle, Genua und Porto Alegre zeigen Bilder mit seinem Bild, die Wiederauferstehung eines Ideals mit neuen Mitteln. "Egal ob man Che für erfolgreich oder für gescheitert hält", schreibt sein Biograf Jon Lee Anderson, "Tatsache ist, dass er den Kampf für seine Ideale aufgenommen hat, dass er es versucht hat. Und das können nicht viele Menschen von sich behaupten."

Carlos Figueroa wohnt im 15. Stock, über den Dächern von Buenos Aires. Unten in den Straßen, im Zentrum der Hauptstadt, demonstrieren die Argentinier seit Monaten gegen die Wirtschaftskrise, gegen korrupte Politiker und eine neoliberale Politik, die das Land in den Ruin getrieben hat. Carlos war vier Jahre alt, ein Jahr jünger als Ernesto, als sich ihre Mütter kennen lernten. Carlitos war Ernestos Freund, in Alta Gracia, im Norden Argentiniens, wo die beiden aufwuchsen. Carlos wusste, dass Ernesto unter den kubanischen Rebellen an Bord der "Granma" war, als das Schiff 1956 mit Kurs auf Kuba in See stach. Carlitos heute, mit weißem Haar und 74 Jahren: "Ja, das mit dem Bild hätte ihm gefallen. Die Demonstranten, die Poster, die T-Shirts…" Dann kichert Carlos und schüttelt den Kopf. "Ernesto hätte gesagt: ‚Schau dir diese Typen an, Mann‘ – und hätte sich totgelacht."

Menschen, die ihn nach dem Sieg der Revolution zu biografischen Details befragten, antwortete Guevara, er sei am 2. Dezember 1956 geboren worden, dem Tag der Landung auf Kuba. Alle Welt sprach über Che, von Ernesto Guevara de la Serna wurde wenig bekannt. Journalisten erfuhren kaum etwas über den Jungen, der seit seinem zweiten Lebensjahr an starken Asthmaanfällen litt, eine Krankheit, gegen die Guevara sein Leben lang ankämpfte. Ernesto, sagt Carlos, sei schon als Kind wegen seines "unglaublich starken Willens" aufgefallen, gepaart mit großer Sensibilität und einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. In Alta Gracia erregte seine Mutter Celia de la Serna die Gemüter, wenn sie mit Hosen und kurz geschnittenem Haar im eigenen Wagen über die Hügel kurvte. Stammbaumhalber zählten die Guevaras zur Oberschicht, obwohl sein Vater, der Bohemien Ernesto Guevara Lynch, ein Geschäft nach dem anderen in den Sand setzte.

Ernesto gefällt sich in der Rolle des Nonkonformisten – beim Fußballspielen, wenn er für die Mannschaft der "Atheisten" gegen die "Katholiken" im Tor steht, bei Ausflügen in die Berge um Alta Gracia, wo er sich traut, wovor seine Freunde zurückschrecken. Er spielt Rugby statt Mühle, weil er beweisen will, dass er alles kann, trotz allem. Das Haus der Guevaras steht Kindern von Bauern, Köchen und Geschäftsleuten offen – keine Selbstverständlichkeit im klassenbewussten Argentinien der 30er und 40er Jahre. Alta Gracia, sagt Carlos, war eine geschlossene Gesellschaft, gegen deren Standesgesetze Ernesto mit Vorliebe verstieß. Weil er meistens schlampig angezogen ist und ungern duscht, nennen ihn seine Freunde Chancho, Schwein.

Im Winter 1951 bricht der Medizinstudent Ernesto mit seinem Freund Alberto Granado auf dem Rücken einer rachitischen Norton auf, um den südamerikanischen Kontinent zu durchqueren. Das Motorrad bricht in Santiago de Chile zusammen. Die Jungs reisen weiter, trotzdem, bis nach Carácas. Als Ernesto neun Monate später nach Buenos Aires zurück- kehrt, schreibt er in sein Tagebuch: "Dieses ziellose Streifen durch unser riesiges Amerika hat mich stärker verändert, als ich glaubte." Der Ausflug in eine erbärmliche Welt, die Konfrontation mit Armut und Elend, machen ihm klar, dass er als Arzt wenig erreichen wird, am wenigsten sein neues Ziel: die Welt zu verändern. Er beendet sein Studium und bricht zur nächsten Reise auf. In der mexikanischen Hauptstadt lernt er im Sommer 1955 den jungen Anführer der Exilkubaner, Fidel Castro, kennen und fängt sofort Feuer. Er schließt sich dessen Gruppe an, lernt Schießen, kraxelt keuchend auf Vulkane, trainiert mit den Compañeros für die geplante Invasion der Insel. Ernesto hat seine Sache gefunden. Dass die Teilnehmer der "Granma"-Expedition kubanisches Festland erreichen, grenzt allerdings an ein Wunder. Die kleine Yacht ist mit Waffen, Wasser, Treibstoff und 82 erwachsenen Männern an Bord völlig überladen. Ernesto, als Arzt angeheuert, notiert in sein Tagebuch: "Es wurden vielleicht insgesamt fünf Minuten lang die kubanische Nationalhymne und die Hymne des 26. Juli gesungen, aber danach nahm der tragikomische Aspekt Überhand: Männer, denen die Angst ins Gesicht geschrieben stand, hielten gekrümmt ihre Mägen fest." Nach wenigen Stunden auf hoher See hängt die gesamte Besatzung kotzend über der Reling.

Ernesto hat seine Asthma-Medizin in Mexiko liegen lassen. In den Ladeluken schimmelt ein Schinken neben zu wenigen Orangen, Eiern und Keksen. Das Schiff leckt. Die Wasserpumpe funktioniert nicht. Statt der geplanten drei Tage ist die "Granma" eine ganze Woche lang unterwegs. Weil die Rebellen ihr Ziel verfehlen, müssen sie in einem Mangrovensumpf an Land gehen. Der Diktator Batista hat von der geplanten Invasion Wind bekommen und lässt die Aufständischen von der Luftwaffe angreifen. Nur zwölf von 82 Männern überleben. Das Dutzend beginnt den Kampf in den Bergen und zieht 25 Monate nach der Landung in Havanna ein.

1961 wird Che zum Industrieminister ernannt. Seine Vorstellungen vom hombre nuevo, dem neuen Menschen, den allein moralische Anreize beflügeln, sind umstritten. Je heftiger die Kritik, umso hartnäckiger versucht er, mit seinem Beispiel zu beweisen, wie realistisch es sein kann, das Unmögliche zu fordern. Der Minister besteht darauf, nicht einen Peso mehr als jeder andere Comandante zu beziehen, verbietet Vergünstigungen für sich und seine Familie. Wenn seine Frau Aleida den Dienstwagen benutzt, bezahlt er das Benzin selbst. Seine Kinder sehen ihn selten. Er ist streng, gegen sich und andere. Die Verlobte seines Leibwächters Harry Villegas erzählt, wie Guevara ihn wegen irgendeiner Verfehlung zwang, sich auszuziehen, und ihn anschließend in einen Schrank sperrte.Vielen imponiert seine eiserne Disziplin, andere halten ihn für fanatisch. Für frühere Kollaborateure des geflohenen Batista haben Ches politische Moralvorstellungen oft tödliche Folgen: Als Chefankläger der Revolution lässt er jetzt Menschen hinrichten, Folterknechte der Diktatur.

Unter denen, die ihm begegnet sind, und denen, die nach seinem Tod über ihn geschrieben haben, gibt es niemanden, den Ernesto Che Guevara kalt gelassen hat. Zustimmung und Ablehnung, Verehrung und Hass sind Facetten der gleichen Faszination. Ein Regierungsvertreter aus Moskau, der 1963 nach Havanna geschickt wird, um den immer unbequemeren Che zu kontrollieren, gesteht Jahre später dem US-Journalisten Jon Lee Anderson, er habe sich im Laufe der nächtlichen Unterredung in den Comandante verliebt. "Ich fühlte mich von ihm angezogen, verstehen Sie? Er hatte sehr schöne Augen. Wunderbare Augen, ein so tiefer, so hochherziger, so ehrlicher Blick, dass man gar nichts anderes empfinden konnte… und er sprach sehr gut, er war innerlich erregt, und so war auch seine Redeweise, schwungvoll, als ob er einen mit seinen Worten an sich drückte."

Mein Gott, wer hätte denn das Plakat auch allein wegen des roten Sterns aufgehängt? Che-Biograf Pierre Kalfon beschreibt das Offensichtliche, wenn er sagt, viele Frauen seien bereit gewesen, "sich ihm auf die geringste Ermunterung hin rückhaltlos hinzugeben". Guevara wusste um seine Wirkung auf Mädchen. Zwischen seiner ersten großen Liebe Chichina, Tochter aus einem der besten Häuser im argentinischen Córdoba, und seiner ersten Ehefrau Hilda Gadea liegen wahrscheinlich mehr gebrochene Herzen als der für eine südamerikanische Adoleszenz übliche Batzen. Seine Jugendfreunde halten sich lächelnd bedeckt. Hilda hatte Ernesto in Guatemala kennen gelernt. Er schätzte die Exilantin vor allem in politischer Hinsicht und heiratete sie eher leidenschaftslos, bevor ihre Tochter Hildita zur Welt kam. In sein Tagebuch schrieb er: "Für einen anderen wäre dies vielleicht ein erhabener Augenblick, aber für mich ist es eine unangenehme Geschichte. (…) Letztlich bekommt sie ihren Willen – aber, wie ich es sehe, nur für kurze Zeit, auch wenn sie hofft, es sei fürs Leben."

In der Sierra Maestra trifft Che die 22 Jahre alte Aleida March, eine bildhübsche Kubanerin aus Santa Clara, die sich den Rebellen in den Bergen angeschlossen hat. Sie verliebt sich in den Comandante und wird kurz nach dem Triumph der Revolution seine zweite Frau. Che schreibt ihr Liebesgedichte, lässt sich von ihr kämmen und waschen, bespricht für sie Tonbänder mit lateinamerikanischer Lyrik, bevor er zu seiner letzten Reise aufbricht. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor – und zahllose Gerüchte über angebliche Amouren, weil ein Held in Kuba ein Macho mit Eiern, cojones, sein muss, und ein echter Mann sich keine Chance entgehen lässt. "Der Mann hat 18 Stunden am Tag gearbeitet", sagt sein Sohn Camilo und grinst. "Hey, da konnte er froh sein, wenn es für seine Frau gereicht hat." Nun mag der heute 41 Jahre alte Camilo kein sehr geeigneter Zeuge sein, um über das Liebesleben seines Vaters auszusagen. Er war knapp drei Jahre alt, als Che 1965 von der kubanischen Bildfläche verschwand. Nach Ches Tod wurde schließlich die Deutsch-Argentinierin Tamara Bunke , "Tania", als "die letzte Geliebte des Comandante" gehandelt. Sie war die einzige Frau in der bolivianischen Guerilla – ein Motiv vielleicht, doch bewiesen werden konnte die Affäre nie. Tanjas Mutter Nadja Bunke, die vor wenigen Wochen starb, hat jeden Prozess gewonnen, in dem sie Autoren wegen anders lautender Behauptungen verklagte.

In Havanna folgt auf den kurzen Taumel des Triumphs die Langeweile der Bürokratie. Che wird unruhig hinter seinem Schreibtisch, als Funktionär. Mit seiner Kritik an der Sowjetunion kämpft er in Kuba auf immer verlorenerem Posten. Er war bereits dabei, seine Flucht aus den Zwängen der Realpolitik vorzubereiten, den Plan zur Unterstützung der Aufständischen im Kongo, als der Schweizer Schriftsteller Jean Ziegler dem Comandante 1964 bei der Unctad-Konferenz in Genf begegnete. Der damals 20-Jährige chauffierte die kubanische Delegation solidarisch in seinem kleinen schwarzen Morris, bewunderte Che, träumte von Sozialismus und Revolution. Auf der Terrasse der Uno-Caféteria erinnert sich Ziegler fast 40 Jahre später an jenen Abend, als er den Comandante bat, ihn mit nach Kuba zu nehmen. Vor dem Fenster leuchteten die Reklametafeln der Banken, Versicherungen und Juweliere im Tal. Mit seiner "ein wenig heiseren, warmen Stimme" habe Che zu ihm gesagt: "Siehst du diese Stadt? Hier bist du im Gehirn des Ungeheuers! Was willst du mehr? Dein Schlachtfeld ist hier." Ziegler versucht über die verjährte Kränkung zu lachen. Es gelingt schlecht. "Che war ironisch und konnte sehr verletzend sein. Er war reserviert, nicht aus Arroganz oder Überheblichkeit. Er hat mir das nett gesagt, aber es hieß: Dich brauchen wir nicht, helvetischer Kleinbürger."

Die Mission im Kongo scheitert, die Kubaner müssen sich zurückziehen. Che sitzt niedergeschlagen in einem abgedunkelten Zimmer der Botschaft in Tansania. Die Weltöffentlichkeit rätselt seit Monaten über seinen Verbleib, Augenzeugen wollen ihn gleichzeitig in Vietnam, Russland und in der Dominikanischen Republik gesehen haben, während die CIA davon ausgeht, dass der Máximo Líder seinen Rivalen um die Ecke gebracht hat. Der offizielle Rückweg nach Kuba ist Guevara verstellt, seit Castro öffentlich seinen Abschiedsbrief verlesen hat, in dem Che von allen Ämtern zurücktritt: "Andere Gebiete der Welt benötigen den Beitrag meiner bescheidenen Bemühungen." Schon das nächste wird das letzte sein.

Seine Kinder erkennen ihren Vater nicht, als er sich im Herbst 1966 von ihnen verabschiedet. Der Mann, der sie umarmt, trägt Brille und Anzug, weißes Haar rahmt eine Halbglatze. Mit dieser Tarnung verlässt Guevara am 23. Oktober Havanna, reist über Prag, Wien, Frankfurt am Main, Madrid und São Paulo nach La Paz, wo er sich und der Welt beweisen will, dass der Sieg vor sieben Jahren kein historischer Zufall war. Der Guerillakrieg braucht keine Voraussetzungen für sein Gelingen, proklamiert Che, er kann sie selbst schaffen. Bolivien beweist ihm das Gegenteil.

Die Region, in der die Rebellen ihr Lager aufschlagen, ist kaum besiedelt und vollkommen ungeeignet, die Bauern haben Angst vor denen, die sie befreien wollen, und verraten sie immer wieder an die Militärs. Nordamerika hat Ausbilder geschickt, um nicht nur die von Che geforderten zwei oder drei Vietnams, sondern jeglichen linken Aufruhr in Lateinamerika zu verhindern. Bolivianische Guerilleros desertieren und verraten die Verstecke der Gruppe, andere sterben bei Zusammenstößen mit der Regierungsarmee. Der Rest wird getrennt und irrt orientierungslos durch die Wälder der Anden. Der Funkkontakt zu Kuba ist abgebrochen. Im elften Monat ihrer Expedition geraten die wenigen überlebenden Rebellen am 8. Oktober 1967 in der Schlucht Quebrada del Churo in einen Kessel. Che wird von einer Kugel im linken Unterschenkel getroffen, eine andere zerstört den Lauf seines Gewehrs. Er muss sich ergeben. Während die Ranger im Dorf ihren Sieg feiern und Che in seiner provisorischen Zelle im Schulhaus von La Higuera Dinge sagt, über die im Laufe der kommenden Jahre widersprüchlichste Versionen kursieren, telegrafiert der Chef der 8. Division an das Oberkommando der Armee in La Paz. "Fernando 500. Lebendig: 600, (…) tot: 700. Einen wunderschönen Abend." Er hat die Frage nach der Entscheidung über Leben und Tod seines berühmten Gefangenen in Zahlen verschlüsselt. Das bolivianische Gesetz sieht die Todesstrafe nicht vor. Zwei Stunden später morst La Paz das Urteil: "Befehl Präsident Fernando: 700." An einem Sonntag, dem 9. Oktober 1967 wird Ernesto Che Guevara um 13.10 Uhr von einem betrunkenen Unteroffizier erschossen. Die Meldung von seinem Tod war in den Jahren seit seinem Verschwinden aus Kuba oft über die Ticker der Nachrichtenagenturen gelaufen. Falschmeldungen. Um zu beweisen, dass sie den legendären Comandante Guevara tatsächlich erwischt hatten, richteten die Militärs seinen Leichnam her, ehe sie ihn im Waschhaus des Krankenhauses Nuestro Señor de Malta in Vallegrande aufbahrten, um ihn Journalisten zu präsentieren. Das Arrangement sollte das abschreckende Bild eines endgültig Besiegten zeigen, doch die Fotos vom schönen Toten mit den offenen Augen illustrierten den Anfang einer unsterblichen Legende.

Anfangs ließ die bolivianische Armee das Gerücht verbreiten, Che sei im Kampf gefallen, verstrickte sich aber so schnell in Widersprüche, dass der Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", Carlos Widmann, bereits acht Tage danach die Frage aufwarf: Wurde der verwundete Guevara von den Bolivianern ermordet?" Um seine Fingerabdrücke in Argentinien überprüfen zu lassen, trennte man der Leiche die Hände ab. Jahre später gerieten sie auf abenteuerlichen Umwegen nach Kuba, die Leiche jedoch blieb drei Jahrzehnte lang verschwunden, bis ein kubano-argentinisches Wissenschaftlerteam 1997 unter der Landebahn von Vallegrande auf Knochen ermordeter Guerilleros stieß. Dem Skelett Nummer 2 fehlten beide Hände.

Ramón sitzt nicht mehr zu Hause und wartet auf die Zuteilung staatlicher Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, seit er im Dezember 2001 im Fernsehen die Bilder von den Straßenkämpfen in Buenos Aires gesehen hat. Er gehört jetzt zu den Piqueteros, einer Bewegung radikaler Arbeitsloser, die Straßen blockieren und Fabrikeingänge besetzen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Ramón sagt, dass er nicht versteht, warum die Journalisten so oft ihn fotografieren, wenn er hinter den Barrikaden steht, die Faust hebt und schreit. Sein Haar ist blond und reicht ihm bis zur Hüfte. Auf der linken Brust hat er eine Tätowierung. Sie zeigt das Gesicht von Che Guevara.

Karin Ceballos Betancur

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