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Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan: "Erfolg ist es, die Wahl zu haben"

Er gehört zu den Göttern ganz oben im Pop-Olymp. Mit Soul Savers geht Depeche-Mode-Frontmann Dave Gahan neue Wege. Im Gespräch mit dem stern erzählt er von Egoproblemen, Freiheit und Kindererziehung.

Von Sophie Albers "Enjoy the Silence" Ben Chamo

Dave Gahan beim Soul Savers Konzert

Irgendwie Zen: Dave Gahan beim Soul Savers Konzert in Berlin

Suite im Waldorf Astoria, hoch über Berlin, Fenster bis zum Boden, nichts für Höhenängstige. Dave Gahan kommt herein. Ach, so, klar. Wir sind im Olymp des Pop.

Mit klimperndem Silber um Hals, Handgelenk und Finger setzt er sich grazil aufs Sofa, lacht sofort sehr warm und offen. 35 Jahre Showbiz-Geschichte. Ein guter Teil davon auch die ganz eigene. "People are People", Soundtrack des Lebens. Ehrfurcht kommt in den Raum. Aber mit Depeche Mode will der 53-Jährige im Augenblick gar nichts zu tun haben. Seine Kooperation mit den Soul Savers ist ein musikalisches Ausrufezeichen hinter dieser Aussage. Alles, was bei DM elektronisch wäre, ist jetzt erdiges Geschrammel, absolut bodennah, selbst wenn Gahan vom Mars singt. Neun Songs oszillieren zwischen Nick Cave und Angelo Badalamenti, wäre da nicht Gahans vertraute Stimme, die das Ganze über sich selbst hinaus hebt und natürlich in jedem Ton auch DM mitschwingen lässt. Warum das alles?

Was haben Sie vor Ihrer Arbeit mit den Soul Savers noch nicht über sich selbst gewusst, was Sie jetzt wissen, Mister Gahan?

Dass das Wichtigste ist, sich immer wieder selbst herauszufordern. Mit neuen Dingen, Menschen, Beziehungen. Da lernt man am meisten über sich selbst. Wenn ich Musik mache, zeigt mir das, in welche Richtung ich mich bewegen muss. Egal, ob in einer Band oder nicht. Musik ist schwierig festzulegen. Ich glaube, dass du ihr erlauben musst, durch dich hindurch zu fließen. Du musst dich ihr aussetzen. Da sein. Und manchmal passiert dann Magie.

Auf dem neuen Album hört es sich an, als seien Sie angekommen... als herrsche Frieden zwischen Angels und Ghosts.

Absolut. Sie sind meine Zuträger. Engel und Geister sind immer um mich herum. In den vergangenen zehn Jahren bin ich mir dessen sehr bewusst geworden und suche nun auch nach ihnen. Manchmal sind sie in Menschen, manchmal an Orten, manchmal in dem, was ich gerade tue. Meistens aber in meinem Verhalten, wie ich mit Menschen umgehe. Wie ich auf Ansprüche an mich reagiere. All das versuche ich, in die Musik zu packen. Es ist eigentlich ziemlich einfach, ich versuche nicht, kompliziert zu sein. Das mag ich so an Soul Savers: Da ist so viel Platz. Ich kann loslassen und meiner Fantasie freien Lauf lassen, die in mir Bilder aufsteigen lässt wie im Film. Dafür brauchst du Freiraum. Wir haben niemanden, der uns sagt, was wir tun sollen.

Sie fühlen sich befreit?

Genau. Frei, die Songs zu schreiben, die wir wollen. Wir reden nicht mal viel darüber, weil wir wissen, wo wir hin wollen, wie wir am Ende klingen wollen.


Warum hat es mit dieser Freiheit so lange gedauert?

Weil es so sein sollte. Man kann nichts erzwingen. Wenn du in einer Band bist, sind da viele Leute, du musst Kompromisse machen. Das ist Teil des Prozesses. Das kann super funktionieren - oder gar nicht. Und dann kämpfst du. Und du denkst: So will ich nicht klingen. Ich habe das Glück, beides zu haben. Wissen Sie, bei Depeche Mode haben Martin (Gore, Anm.d.Red.) und ich zusammen Anteil an dieser Musik, und wir hatten großartige Menschen um uns herum. Aber wenn wir jetzt auftreten, dann gehört es allen anderen. Ich muss auf die Bühne gehen, vorbereitet sein und all diese Songs abliefern, und dann wird es zu etwas anderem. Das mache ich auch, aber Soul Savers ist genauso wichtig für mich im Augenblick. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, wo ich einfach nur dankbar bin.

Sie klingen ehrlich gesagt ziemlich Zen.

Will ich gar nicht... ehrlich. (lacht) Ich will Dinge tun, die auf mich zukommen - ob Musik, Familie, Freunde. Das alles gibt mir sehr viel. Vielleicht ist es das Alter! (lacht) Aber ich fühle mich sehr gut, zuversichtlich. Musikalisch und persönlich.

Was bedeutet Ihnen Erfolg, Mister Gahan?

Das hier. Dass Leute sich dafür interessieren. Das Feedback ist toll. In einer Woche habe wir mehr verkauft als die letzte Platte im Ganzen. Das ist großartig, vor allem in diesen Zeiten. Aufzutreten ist natürlich Erfolg. Ich bin schließlich Musiker. Und dass ich wählen kann, wann und wie ich auftreten will. Genau, das ist Erfolg: die Wahl zu haben.

Wenn Sie sich Ihre grandiose Karriere angucken, haben Sie einen Weg gefunden, den Erfolg zu zähmen. Viele Ihrer Kollegen sehen darin auch ein Gift.

Ja, das Ego ist eine seltsame Sache. Du kannst dich wirklich verlieren in der Vorstellung davon, wer du bist. Das habe ich auch gemacht, mache ich immer noch. Aber jetzt geht es mir um den Inhalt, das, was ich in der Musik tue. Natürlich willst du Erfolg haben. Auf den Sack hauen. Anerkannt sein für deine Arbeit und als Person. Gehört werden. Das passiert nicht immer, und da musst du durch. Erfolg, wie großartig auch immer, kann eine große Ablenkung sein. Du bekommst so einen Tunnelblick. Immer nur in eine Richtung. Da musst du vorsichtig sein. Balance halten. Ich habe eine großartige Familie, das hilft. Großartige Kinder. Meine Tochter ist die letzte zuhause, sie ist 16...

Und sie hat die Fotos auf dem Albumcover-Foto gemacht.

Ist das nicht wundervoll? Ich bin sehr stolz auf sie.

Mister Gahan, ich habe mich immer gefragt, wie Kinder von Popstars eigentlich rebellieren sollen. Wie begehrt man auf gegen einen Dave Gahan?

Oh, das tut sie, glauben Sie mir. Wie jeder andere Teenager auch. Das Gleiche, was wir auch gemacht haben, was ich mein ganzes Leben gemacht habe. Ich habe mich so lange ich konnte wie ein Teenager benommen. Ich mache es immer noch, wenn ich auf der Bühne bin. Meine Tochter gibt mir genauso heftig Kontra. Sie schreit mich an, knallt Türen...
Sind Sie ein strenger Vater?

Offensichtlich ja. (grinst) Ich bin zuweilen sehr konservativ, was das angeht. Sperrstunde, "Wann kommst du nach Hause?!" Ich bin der, der draußen vor der Party im Auto sitzt kann und SMSe schreibt. Ich und meine Frau wechseln uns da ab. Sie macht natürlich mehr, wenn ich weg bin. Es ist viel Arbeit. Aber natürlich kriege ich von meiner Tochter das "Echt jetzt, Papa?!?!".
Wenn Sie Ihrem 19-jährigen Selbst einen Rat geben könnten, welcher wäre das?

Trage niemals Lederhosen! (lacht laut) Nein, ernsthaft, ich würde sagen, geh es langsam an. Hör' den Leuten zu. Das ist kein Wettrennen.
Hätten Sie auf sich gehört?
Natürlich nicht. Dazu ist dieses Alter doch da, bis in die frühen 20er: Lass' die Sau raus. Aber danach wird es ein bisschen albern. Ist dann zu anstrengend.