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Gay Pride: Endlich dürfen sie sich zeigen: Sarajevo erlebt die erste Gay Pride – der Hass soll enden

Erstmals veranstalten Bosnier eine Gay Pride. Unser Reporter war dabei, als sie für ihre Freiheit auf die Straße  gingen – eingekesselt von Tausenden Polizisten.

Von Frederik Seeler

Sie feiern sich, die Liebe und die Freiheit und machen dabei so viel Lärm, dass die ganze Stadt es hört

Sie feiern sich, die Liebe und die Freiheit und machen dabei so viel Lärm, dass die ganze Stadt es hört

Endlich dürfen sie sich zeigen. Endlich dürfen sie durch ihre Hauptstadt Sarajevo laufen und dabei ihren Nachbarn, ihrem Land, der Welt zeigen, wer sie sind und wen sie lieben. Tausende Schwule, Lesben, Transgender, Bisexuelle, Intersexuelle und Queere ziehen an diesem Nachmittag über den Titova-Boulevard, vorbei an Altbauten, deren Einschusslöcher immer noch an die Bela­gerung der Stadt in den Neun­zigern erinnern. Über ihnen wehen Regenbogenflaggen. Aktivisten in der zweiten Reihe schlagen auf Trommeln, andere pusten in Trillerpfeifen. Viele halten sich die Ohren zu, weil es so laut dröhnt. Aber der Lärm muss in der ganzen Stadt zu hören sein. Alle sollen mitbekommen, dass es sie gibt.

Die Polizisten haben die Straßen abgesperrt, stehen mit Schilden und Knüppeln auf dem Bürgersteig, damit Nationalisten nicht wieder auf die Queeren losgehen, wie es so oft in den vergangenen Jahren passierte. Eine alte Frau lehnt sich aus dem Fenster über der Demo und formt mit Zeigefingern und Daumen ein Herz. Einige Meter weiter steht ein Junge auf der Terrasse eines Einkaufszentrums und zeigt seinen Mittelfinger.

Eines der letzten ehemals jugoslawischen Länder, das Gay Pride feiert

Ganz vorn, am Anfang der Demo, laufen Branko und Nera, zwei bosnische Aktivisten, die schon seit zwei Jahren die Pride planen und jetzt die Tränen unterdrücken müssen, weil so viele Leute gekommen sind. Branko und Nera halten das Banner mit dem Motto der Pride: Imar Izak. Jemand will heraus. Einen Satz, den man in Bussen in der Stadt hört, wenn Leute aussteigen wollen. Aber Nera und Branko meinen eine andere Art von Coming-out.

Bosnien und Herzegowina ist das letzte der ehemals jugoslawischen Länder, das eine Gay Pride feiert. Noch in den Neunzigern bekämpften sich bosnische Serben, Kroaten und muslimische Bosniaken, verübten Massaker aneinander. Fast 100.000 Menschen starben.

Seitdem kämpft das Land darum, den Hass zu überwinden und Teil der EU zu werden. Die Pride testet nicht nur die Toleranz des Landes gegenüber Homosexuellen, sondern allgemein die Offenheit gegenüber Andersdenkenden und Minderheiten. Während in den meisten Ländern Gay Prides bunte Paraden sind, die von Firmen wie Coca-Cola unterstützt werden, zeigt sich in Bosnien und Herzegowina, was die Pride heute noch für eine Bedeutung haben kann. Für Menschen wie Nera und Branko, die für ihr Engagement bedroht, beschimpft und angegriffen werden. Und für all die Menschen, die endlich den Mut finden, sich zu outen und zum ersten Mal in ihrem Leben für ihre Rechte zu demonstrieren.

"Wir sind immer noch traumatisiert"

Ich treffe die beiden Aktivisten zwei Tage vor der Pride in einem Café in der Altstadt. Branko Ćulibrk, 33, ist ein großer, schwerer Mann, der für eine Menschenrechts-NGO arbeitet. Nera Mešinović, 28, hat kurz rasiertes Haar und schreibt Texte für verschiedene linke und feministische Nachrichtenseiten. Vor ein paar Monaten hat sie ihre Partnerin in Schweden gehei­ratet. In Bosnien und Herzegowina sind nicht einmal einge­tragene Partnerschaften erlaubt. "Wenn das hier vorbei ist, fahre ich in die Flitterwochen in ein Spa-Hotel", sagt Nera und massiert mit den Händen die Luft. Schon vor zwei Jahren fingen sie an, die Pride zu organisieren. Branko sagt: "Ich habe mir damals gedacht, das ist jetzt mein Kampf. Ich muss etwas tun, für alle, die wie ich diskriminiert werden." Aber warum hat es so lange gedauert? "Wir sind ein konservatives Land", sagt Nera, "und wir sind immer noch traumatisiert."

2008 veranstalteten ein paar Leute ein queeres Kulturfestival in der Stadt. Nationalistische Hooligans und Salafisten versammelten sich vor der Eröffnungsfeier. Sie riefen "tötet die Schwuchteln", dann warfen sie Steine und verprügelten einzelne Teilnehmende auf dem Weg nach Hause. Die Polizei griff nur vereinzelt ein. Danach habe sich die queere Szene jahrelang versteckt, sagt Nera. "Wir hatten zu viel Angst vor Gewalt."

Pride in Sarajewo
Dass sich zwei Frauen auf offener Straße küssen, geht nur hier, auf der Gay Pride. Im Alltag werden sie angefeindet, bespuckt, bepöbelt.

Dass sich zwei Frauen auf offener Straße küssen, geht nur hier, auf der Gay Pride. Im Alltag werden sie angefeindet, bespuckt, bepöbelt.

Mittlerweile strebt Bosnien und Herzegowina nach einer Mitgliedschaft in der EU. Die Regierung versucht zumindest nach außen liberaler zu wirken. Die LGBTIQ-Aktivisten veranstalteten zusammen mit der Polizei Workshops, um mit ihnen über ihre Situation zu sprechen. Aber vor allem, damit die Beamten überhaupt mal queere Menschen träfen, sagt Nera. "Die meisten finden Homosexuelle immer noch nicht gut, aber sie akzeptieren, dass sie genauso beschützt werden müssen wie alle anderen."

Nera und Branko haben erlebt, wie sich diese Gewalt anfühlen kann. Nera ging vor ein paar Wochen durch die Innenstadt von Sarajevo und hielt die Hand ihrer Partnerin. Ein Mann mit Bart und in weißem Gewand rannte auf sie zu und rief "homophobe Scheiße", wie sie es nennt. Dann spuckte er nach ihr und lief davon. Nera schmiss sich auf den Boden, um der Spucke auszuweichen. "Matrix Style", sagt sie.

Genau wegen solcher Vorfälle wollen Nera und Branko die Pride nicht "Parade" nennen oder danach eine Party veranstalten, wie man es aus anderen europäischen Städten kennt. "Wir haben keinen Grund zum Feiern."

Am Morgen der Pride steht Nera schon früh an einem Gitterzaun vor dem Treffpunkt der Demo in der Altstadt und zittert. Weil ihr kalt ist, sagt sie. "Wie viele Leute waren gestern bei der Gegendemo?", fragt sie. Ein muslimischer Bürgerverein hatte zum "Tag der traditionellen Familie" gerufen. Etwa 500 Leute marschierten mit, aber alles blieb friedlich."Wir werden mehr sein", sagt Nera.

Die ersten Teilnehmenden sammeln sich am Platz der Ewigen Flamme, einem Kriegsdenkmal mitten in der Altstadt. Sicherheitsbeamte tasten die Leute in der einzigen Zugangsstraße ab wie vor einem Fußballspiel, sogar Wasserflaschen müssen sie abgeben.

Die Pride, die Sichtbarkeit schaffen soll, wird nur wenige Zuschauer haben. Die Polizei hat die gesamten zwei Kilometer Demo-Strecke bis zum Parlament abgeriegelt. Etwa 1100 Polizisten stehen am Straßenrand mit Schlagstöcken, um Gegendemonstranten fernzuhalten, die parallel in einem anderen Stadtteil protestieren. Angeblich sollen sogar Scharfschützen auf den Dächern liegen.

Happy Pride

Die Menschen auf dem Platz holen jetzt Regenbogenflaggen aus ihren Taschen und binden sie an Holzstäbe, Plakate werden in die Luft gehalten.

"Lesben und Arbeiterinnen" steht darauf, "Er liebt ihn" oder "Regierung und Kirche – Hände weg von meinem Uterus".

Zwei junge Frauen laufen aufeinander zu. "Hey, Montenegro", ruft die eine. "Hey, Bosnia", ruft die andere. Sie umarmen sich. Fast eine halbe Minute stehen sie so da. Als sie sich aus der Umarmung lösen, wischt die eine der anderen Tränen und Schminke aus dem Gesicht. "Happy Pride", sagt sie.

Junge Leute aus allen Nachbarländern sind angereist, um die Pride zu unterstützen: Sie kommen aus Montenegro, Serbien, Kroatien, Albanien und dem Kosovo. In Nordmazedonien haben sie erst vor zwei Monaten ihre erste Pride veranstaltet. Das Organisationsteam der bosnischen Pride ist hingefahren, jetzt kommen die Nordmazedonier zum Gegenbesuch. Auch das serbische und kroatische Pride-Team hat bei der Organisation geholfen. Sie stehen bei der Demo in der zweiten Reihe hinter den Organisatoren und schlagen auf ihre Trommeln ein. Die junge, queere Generation des Balkans denkt nicht mehr daran, dass noch ihre Eltern aufein­ander schossen. Sie unterstützen sich gegenseitig im Kampf gegen Diskriminierung, weil sie nur zu gut wissen, wie sich Hass anfühlt und was er anrichten kann.

Um zwölf Uhr haben sich mehr als 2000 Menschen auf dem Platz versammelt. Nicht nur LGBTIQ, auch Künstler aus Sarajevo, lokale Politiker und Mitglieder des EU-Parlaments, dazu Leute aus der Nachbarschaft, die gekommen sind, um die Pride zu unterstützen.

Ein junger Typ, Anfang 20, läuft neben mir. Er trägt ein Cap tief ins Gesicht gezogen und ein Halstuch um den Mund. "Ich habe Angst, dass mich jemand erkennt", sagt er. Er komme aus einer konservativen Familie und traue sich nicht, seiner Mutter zu sagen, wie er fühlt. "Aber ich musste heute mitlaufen. Es ist ein historischer Tag für uns."

Nera und Branko reihen sich zu ihren Co-Organisatoren in die erste Reihe ein. Branko steht ganz in der Mitte, überragt sie alle. Dann ziehen sie los. Bosnien und Herzegowinas erste Pride zeigt sich der Welt. Immer wieder brüllen sie "Imar Izak" in den Himmel über Sarajevo. Vor ihnen drängen sich Journalisten und Fotografen mit ihren Kameras.

Aus den Fenstern winken die Leute, eine ältere Frau wirft Kusshände. Ein Restaurantbesitzer schaut hinter der Gardine hervor und zieht sie dann zu. Nach einer Stunde erreicht die Demo das Parlamentsgebäude. Branko und die anderen Organisatoren laufen die Treppen zu dem gläsernen Parlament hoch. Branko faltet ein Stück Papier in den Händen, erst hier oben sieht er, wie viele Menschen sich der Demo angeschlossen haben. Dann tritt er ans Mikrofon, seine Stimme klingt etwas höher als sonst.

"Wir, die LGBTIQ, kämpfen jeden Tag um unsere Existenz in diesem Land"

"Ich habe lange überlegt, was ich heute hier sagen soll", sagt er. "Wir, die LGBTIQ, kämpfen jeden Tag um unsere Existenz in diesem Land. Die Homophoben lehnen unsere Identität ab, sie zeigen keinen Respekt, sie verprügeln uns. Ab heute fordern wir eine Gesellschaft, die Gewalt, Hass, Isolation und Homophobie widersteht. Wir wollen für alle sprechen, die in diesem Land unterdrückt werden: Roma, Behinderte, Arbeiter, ehemalige Soldaten, Geflüchtete. Diese Pride ist für uns alle."

Die Menge jubelt ihm zu. Dann tritt ein bosnischer Sänger mit Gitarre auf, singt ein Volkslied mit der Zeile: "Lass jeden lieben, wen er will." Branko steht dahinter, hat die Regenbogenfahne umklammert und seine Arme um Nera gelegt. Vor den Treppenstufen küssen sich die Leute, wischen sich die Tränen aus den Augen. Ein 67 Jahre alter Mann erzählt mir, dass er sich als Schwuler schon in Titos Jugoslawien verstecken musste. Er sagt, er könne nicht glauben, dass sie hier heute vor dem Parlament stehen, so offen, so friedlich.

Die Pride wird die Homophobie in Bosnien und Herzegowina nicht beenden. Aber sie zeigt dem Land, dass diese Menschen existieren, dass sie keine pädophilen Verrückten sind, wie es Kirche und konservative Politiker propagieren. Die Pride schafft Sichtbarkeit. Das ist der erste Schritt zu mehr Rechten und zu mehr Freiheit.

Nach dem Song kommen ein paar Männer auf Branko zu, umarmen ihn, küssen ihn auf die Wange, bedanken sich. Ein Reporter hält ihm das Diktiergerät vor den Mund, fragt wie es war. Branko antwortet wie ein Sportler, der nach dem gewonnenen WM-Finale nicht so richtig weiß, was er sagen soll. Und deswegen sagt er einfach nur: "Es war unglaublich" und "phänomenal".

Am Tag nach der Pride treffen wir ihn in der Altstadt und gehen spazieren. Branko erzählt von gestern. Er habe das alles erst realisiert, als sein Bruder ihn anrief. Er hatte die Rede im Fernsehen gesehen und fragte Branko am Telefon: "Geht es dir gut? Wie fühlst du dich?" Branko stammt aus dem konservativen Norden. Der jüngere Bruder war lange der Einzige, dem er sich anvertrauen konnte. Ihr Vater starb als Soldat im Krieg, die Mutter kurze Zeit später. Noch am gleichen Abend schreibt einer seiner Onkel ihm auf Facebook: "Bravo, Branko. Wir alle sind stolz auf dich."

Danach, sagt Branko, lag er wach im Bett. Er hat die schwule Dating-App Grindr geöffnet. Und auch da erkannten ihn die andere Schwulen aus der Stadt, bedankten sich für das, was er bei seiner Rede gesagt hatte. Einer hätte ihn sogar noch zu sich eingeladen, aber dafür sei er zu müde gewesen, sagt Branko und lächelt uns an.

Als wir am Fluss entlanglaufen, schaut er immer wieder über seine Schulter. Auch Hassmails und Morddrohungen habe er natürlich bekommen, aber die sei er gewohnt. Er fragt, ob wir ihn trotzdem noch zu seinem Hotel bringen könnten. Er fährt jetzt für ein paar Tage nach Spanien und werde sein Handy ausschalten. Danach fängt er an, die Pride 2020 zu planen.

Diese Geschichte stammt aus der 15. Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.