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Berlinale: Stars in der Manege

Nirgendwo sonst sind Golden Girls und Teppichluder, Traummänner und Männerträume so schön vereint wie beim Filmfest in der Hauptstadt. Klar, dass sich das natürlich auch die Politiker nicht entgehen lassen.

Nachts sind alle Menschen grau. Sind nichts als eine Ansammlung lästiger Elementarteilchen. Sind Neutronen und Protonen, die dahin wollen, wo der Glanz ist, die Farbe, der George. Da können Sie Journalist des Jahrhunderts sein, Mutter der Nation oder Sprecher der Bundesregierung. Scheißegal. Wenn Sie nicht auf den Einladungslisten der Berlinale stehen, sind Sie ein nichtswürdiges Molekülhäuflein zu Füßen einer Zerbera mit ukrainisch lackierten Fingernägeln, die den Eingang bewacht. "Sie stehen nicht auf der Liste", wird sie kühl sagen. Und Sie werden toben und wüten. Und draußen bleiben. Die Hauptstadt zur Festspiel-Zeit - das ist die Ausweitung der Kampfzone bis zum Potsdamer Platz.

So gesehen

war es ein schöner Zug des Berlinale-Chefs Dieter Kosslick, den funkelnagelneuen Regierungssprecher Ulrich Wilhelm gleich zweimal einzuladen. Denn noch vor kurzem ist Wilhelm ja bloß dem bayerischen Ministerpräsidenten zur Hand gegangen. Und nun, gerade drei Monate später, steht er hier mit Kosslick und der Königin der Klatschreporter auf dem roten Teppich an der Film-Palast-Tür und wartet auf - George Clooney. Wahnsinn, in so kurzer Zeit so weit zu kommen! Das Einzige, was an diesem Abend noch stoiberisch am redfordblonden Wilhelm ist, das ist der angewinkelte Händedruck, bei dem man es vermeidet, die Handfläche des Gegners zu berühren. Aber wenn man ihn da so stehen und strahlen sieht, dann ahnt man, dass der Sprecher bald schon so zuschnappen und busseln wird, wie es Standard ist zwischen Borchardts Restaurant und Adlons Lounge.

Er wird ganz sachte laurenz-meyerisiert werden und verkosslicken. Er wird die Berben "Iris" und den Eichinger "Bernd" nennen, er wird "Heiner" und "Heino" sagen, wenn er Lauterbach und Ferch meint. Cosi fan tutte, so machen's alle, die drin sind. Er wird bei "Nola's" am Weinbergpark frühstücken. Dort, wo sowohl Angelina Jolie als auch Sandra Maischberger frühstücken. Und irgendwann vielleicht wird Hannelore Elsner auch ihn zur Begrüßung auf den Mund küssen. Dann, ja dann wird Ulrich Wilhelm endgültig im Berlin der Partys und Promis angekommen sein, und alles Stoibereske wird von ihm abfallen wie Amalgam aus einem toten Zahn.

Ach, es ist ja schon lange nicht mehr so, dass der Film nur Dietl&Wedel und "Deutschland, deine Sternchen" ist. Film ist längst eine politische Angelegenheit, ein nationaler Wirtschaftsfaktor mit Teppichludern. Und das nicht erst, seit George Clooney mit grauen Schläfen, Cary-Grant-Schlag und seinem Film "Syriana" über Berlin kam. Aber auch Clooney weiß natürlich, dass Filmemachen und Moneymachen zusammengehören wie Protonen und Elektronen. Dass Zucker erst den Mokka rund macht, wie es in einem alten Detlev-Buck-Film heißt.

Allein im vergangenen Jahr versenkten deutsche Anleger zwei Milliarden Euro steuersparend in deutsche Filmfonds. Und die wiederum wurden zum Entsetzen des Finanzministers Eichel von den Produzenten eher in Hollywood als in Babelsberg versenkt. Ein Grund, weshalb Eichel diese Art des Steuersparens noch schnell abschaffte, bevor der strenge Steinbrück kam. Es ist natürlich klar, dass Peer Steinbrück auf der Berlinale selbst mal nachsehen wollte, wohin die 250 Millionen an jährlicher Filmförderung, die in seinem Haushaltsbuch stehen, überhaupt so fließen.

Kanzlerin Merkel,

die für den Versenk-Streifen "Titanic" zum einen und für Robert Redford zum anderen schwärmt, wolle sich unbedingt den Wettbewerbsfilm "Elementarteilchen" ansehen, sagt ihr Sprecher. Der sei ihr empfohlen worden. Logisch, sie ist Physikerin. Der Forschungsstandort Adlershof mit all seinen Quantenchemikern liegt ihr am Herzen. Sie weiß noch nicht, wie das ist, wenn der Schauspieler Moritz Bleibtreu im Film das Tier, das er in sich hat, aus dem Zwinger lässt. Wenn Martina Gedeck als gelähmte Christiane nur ganz minim die Braue hebt und zum Balkon blickt. Wenn sich die desillusionierte Weltsicht des französischen Autors Michel Houellebecq, die diesem Film den Stoff gab, wie eine kalte Hand ums Herz legt.

Near, far, wherever you are. Film sei eben nicht nur Kulturgut, erklärt auch der Bundesbeauftragte Bernd Neumann in seiner Eröffnungsrede. Aus diesem Grund entsendet die Regierung ihren Staatssekretär Friedbert Pflüger aus dem Verteidigungsministerium ins kanadische Autisten-Drama "Snow Cake". Drei Herrschaften aus dem Auswärtigen Amt sind dabei, fünf aus dem Presseamt und 16 aus der Abteilung "Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien", der Beauftragte selbst inklusive. Finanzminister Peer Steinbrück kommt nicht mit seiner Frau, sondern mit seinem Staatssekretär und darf nur wenige Plätze entfernt von Sigourney Weaver sitzen, der Hauptdarstellerin des Films.

Neumann schwärmt von Liz Taylor und Sophia Loren und von den tragenden Frauenrollen, die diese gehabt hätten, wobei sich der Bremer CDU-Mann und Helmut Kohl-Freund zwei imaginäre Wirsingköpfe vor den oberen Teil des Smokings hält. Irgendjemand im Kinosaal lacht. Die anderen gucken wie bei einer Geburtstagsfeier im Verwandtenkreis, wenn sich ein frivoler Nachbar oder einer aus dem Kegelklub an einer Laudatio verhebt. Max Raabe singt Hans-Albers-Schlager mit hoher Stimme, der Schauspieler Jürgen Vogel verdrückt sich kurz, und Minister Steinbrück schwärmt vom "Filmkunstheater Dammtor" in Hamburg. Als Student riss er dort Karten ab, für Zweimarkdreiundvierzig die Stunde. "Tolle Zeit", sagt er hanseatisch knapp, "manche Filme 15- mal gesehen."

Sigourney Weaver

hat bei all dem eisern gelächelt. Sie hat schon andere Aliens besiegt. Die britische Jurypräsidentin Charlotte Rampling indes hat an der Treppe zum Klo Zigarren der Marke "Wilde Havannas" geraucht, Champagner getrunken, und sie sah dabei selbst im grünen Licht der Notbeleuchtung einfach umwerfend aus. Keine Ahnung, warum Rampling den Mann in fast jeder Frau anspricht und die Frau in fast jedem Mann. In Reihe zehn jedenfalls saß damenhaft geknotet und mit aufrechter Disziplin Frau Otto, die mit Robert Wilson zur Nacht der Nächte über den Teppich schritt. Nur zwei Reihen hinter ihr Gabriele Henkel, wie üblich ganz Grande Dame. Sie, die Kunstprofessorin, erschien früher immer mit Wilson im Schlepp. Nun sitzt sie neben einem jungen Begleiter. Man weiß nicht so recht, wer den Triumph davonträgt, der Versandhandel oder die Megaperle.

Auch bei Friedbert Pflüger und Klaus Wowereit weiß man es nicht. Pflüger will demnächst Berlins Bürgermeister werden, Wowi ist es schon. Wowi geht vorne über den roten Teppich, Pflüger hinter Kosslicks Rücken. "So wird das nie was, Herr Pflüger", frotzelt Kosslick. Am Mittag war Instinktpolitiker Wowereit noch im Borchardt eingekehrt, hatte dort Margarita Mathiopoulos entdeckt, die mit ihrem Gatten Pflüger in Scheidung lebt, und hatte sie überschwänglich geherzt und demonstrativ begrüßt. Wowereit weiß, was Friedbert wehtut.

Alice Schwarzer

kommt an diesem Abend neben dem "Teilchen"-Regisseur Oskar Roehler zu sitzen. Sie hat einfach immer Glück. Sie steht auf den Listen, meistens. Sie ist Gast, wenn Alfred Biolek zu Hause exklusiv für die Berlinale-Jury kocht und wenn der Bernd und die Iris im China-Club den Oskar feiern. Den Oskar Roehler natürlich. Der trägt auch im Dunkeln eine merkwürdig getönte Vintage-Brille von Yves Saint Laurent. So fällt er inmitten all der schönen Schauspielerinnen, der Diven und Kirschenköniginnen immer wieder auf.

Aus dem gleichen Grund trägt Ulrich Mühe eine orientalische Kopfbedeckung, die man als Versöhnungsgeste im Karikaturenstreit verstehen könnte; führt Filmstar Jan Josef Liefers einen Hut aus, der aus ihm umgehend den Hauptdarsteller des Dramas "Tod eines Handlungsreisenden" macht. Die Grüne Claudia Roth trägt deshalb Glitzerlidschatten, aber das tut sie ja öfter, und die Linke-Abgeordnete Luc Jochimsen präsentiert ein plakatrotes Obergewand, das, wie jemand an der Lästerfront meint, "ein einziger Schrei" sei. Dass nun aber der Filmunternehmer und Harald-Schmidt-Freund Fred Kogel die gescheitelten Haare wie der junge Messias trägt, ergibt gar keinen Sinn.

Fürs Gesehenwerden auf dem roten Teppich hat Kogel schließlich etwas sehr Aufwendiges am Arm, das auf den Namen "Melanie" hört, wenn die Fotografen rufen. Und sie rufen oft. Denn Melanie hält ihre Bommeln und Schenkel zeigefreudig ins Blitzlicht und huscht nicht so klandestin vorbei wie - sagen wir mal - der langwüchsige Vorstandschef des Springer-Verlags oder der hübsche Herr Schawinski von Sat 1. Warum also trägt Kogel die Leiden Christi auf dem Kopf? Warum ist Bernd Eichinger stets melancholisch? Warum nur kneift Herr Wilhelm beim Shakehands? Überlegt er, ob sich die Handflächen berühren dürfen, und wenn ja, wie lange? So wie es sich der Schauspieler Christian Ulmen als Michael im Film "Elementarteilchen" überlegt hat? Wir wissen es nicht.

"Jeder über vierzig", sagt der weise Berlinale-Juror Armin Mueller-Stahl, "ist eigentlich eine Filmgeschichte."

Ulrike Posche / print