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Bruce Darnell: Drama, Baby, Drama

Bruce Darnells Sendung "Bruce" ist im Ersten gestartet. Der 51-jährige Amerikaner wird darin vom Laufsteg- zum Lebenstrainer, krempelt nicht nur den Look der Kandidaten um, sondern ihr ganzes Leben. Dass er das gut kann, hat der ehemalige Fallschirmspringer an sich selbst bewiesen.

Von Alexander Kühn

Man könnte ihn sich, sechs Jahrzehnte zurückversetzt, gut vorstellen als Soldaten der amerikanischen Streitkräfte, der über dem zerbombten Nachkriegsberlin Schokolade abwirft, Trümmerkindern den ersten Kaugummi ihres Lebens schenkt und den Deutschen beisteht, wenn sie ihre ersten Schritte in der jungen Demokratie wagen. Auf Pro Sieben, bei "Germany's Next Top Model", lehrte er Mädchen das Laufen. War ihnen Trainer, Tröster, verdrückte ihretwegen Tränen. Nebenbei bereicherte er die deutsche Sprache mit hingestolperten Weisheiten wie "Die Handetasche muss lebendisch sein" und "Das ist der Wahrheit". Die neue Mission des Bruce Darnell ist es, aus Mauerblümchen selbstbewusste Menschen zu machen, diesmal im Dienst der ARD. Die Sendung trägt seinen Vornamen. Er ist die Sendung. Was er den Kandidaten geben will? "Einen neuen Drive. Einen neuen Push. Eine neue Inspiration."

Ein Loft in Köln-Deutz. Offener Kamin, auf dem Boden stapelweise Modemagazine, in der Mitte ein Laufsteg. Auftritt junge Frau, Kickboxerin. Ihr Outfit: mehr Sack als Kleid. Darnell sagt streng: "Das ist wirklich gar nix. No way. Ich will eine sexy Lady haben!" Stunden später, mit Make-up und eingedrehten Locken, tritt die junge Frau in einem offenherzigen Kleid vor den Spiegel, in den sie, verzückt über ihr eigenes Äußeres, nur noch hauchen kann: "Wow!" Als habe er sie gerade zur Priesterin geweiht, sagt Darnell: "Jetzt bist du eine Lady." Und küsst sie auf den Mund. Bruce Allmächtig. Aber auch Bruce Nebenderspur.

Schon 51, aber hibbelig wie ein Ertsklässer

Darnell ist 51, hat den Körper eines 30-Jährigen und ist hibbelig wie ein Erstklässler. Spricht man ihn auf seine sechs Jahre bei der Army an, 82. US-Luftlandedivision in Fort Bragg, North Carolina - dann stellt er sich in die Mitte der Hotelhalle, salutiert, marschiert, brüllt Befehle, die Rezeptionistin ist ganz verschreckt. Man will mehr wissen über seine Zeit als Fallschirmjäger - er hüpft auf einen Sessel, springt auf den Boden, rollt sich ab. Was sollen die Leute denken? Den Satz kennt er nicht, und das hat nichts mit mangelnden Deutschkenntnissen zu tun.

Wo andere Erwachsene ihren Gefühlen einen Filter vorsetzen, hat Darnell einen Verstärker eingebaut. Wenn eine Einstellung abgedreht ist, ruft er dem Fernsehteam zu: "Danke, Jungs! Ich hab euch alle lieb! Ihr kriegt nachher alle Kuchen von mir!" Journalisten nimmt er nach einem Interview in den Arm, drückt sie an sich, sagt danke, danke, danke fürs Zuhören. Als er an diesem Nachmittag sein Leben erzählt, kommen ihm zweimal die Tränen. Zu Hause in Colorado gab es keine Gefühle. Eigentlich gab es auch kein Zuhause. Nicht für ihn, den einzigen von zehn Geschwistern, dessen Vater nicht sein Erzeuger ist. Wenn die anderen Weihnachten feierten, sperrte man ihn in den Keller. Auf der Couch durfte er nicht sitzen. In der Schule wurde er von den weißen Kindern angespuckt, Lehrer sagten zu ihm: Aus dir wird nie was.

Ausgerechnet dieser Junge, der am liebsten Plateauschuhe trug und limonengrüne Schlaghosen, meldete sich als Freiwilliger für die Fallschirmjäger. Um Disziplin zu lernen. Ängste zu überwinden. Und weil man im freien Fall dem Tod am nächsten ist. "Ich habe an Selbstmord gedacht", sagt Darnell. Bis er merkte, dass er mit jedem Sprung stärker wurde. Nach sechs Jahren Army wollte er nicht mehr Schluss mit dem Leben machen, nur noch Schluss mit Amerika.

Mit "Top Gun" hat er Deutsch gelernt

Als Kind hatte er zwei Jahre in Augsburg gelebt, der Stiefvater war hier stationiert. Seine einzige Erinnerung an damals war die an einen roten Leiterwagen, sein Spielzeug, schön war der gewesen, also musste Deutschland es auch sein. 23 war Bruce Darnell, als er in München landete. Mit amerikanischen Filmen, auf Deutsch synchronisiert, lernte er die Sprache. "Top Gun" und was damals gerade in war. Weil er sich für seine krüppeliges Deutsch so schämte, ging er nur in Geschäfte, wenn keine anderen Kunden drin waren.

Ein Bekannter besorgte ihm einen Job in einer Diskothek in Köln. Darnell kellnerte, weißer Anzug, weiße Schuhe, gerade Haltung. Bis zu dem Tag, als er Gästen Champagner ausschenken sollte, ein Getränk, das in seinem bisherigen Leben nicht vorgekommen war, er schüttelte die Flasche vorm Öffnen, als wär's ein Cocktail, eine einzige Fontäne ergoss sich über die Gäste, schschschsch. Zum Tellerwäscher degradiert, zerdepperte er so viel Geschirr, dass man ihn an die Garderobe versetzte, wo er einen teuren Ledermantel mit einem billigen vertauschte. Das war's.

Und dann, großes Schnulzenkino, erinnerte er sich wieder an jene Frau, die ihn zu einem Model-Casting eingeladen hatte. Furchtbar dämlich muss er sich bei dem Schaulaufen angestellt haben, spazierte nach rechts, wenn er nach links sollte und umgekehrt. Am Ende schickten sie die anderen nach Hause, er wurde genommen. Warum, weiß er bis heute nicht, aber es war der Beginn eines neuen Lebens. Paris, Mailand, Tokio. Hermes, Kenzo, Calvin Klein. Er wurde Choreograph und Model-Coach, schließlich engagierte ihn Pro Sieben. Darnell sagt, er spreche heute kaum noch Englisch. Zu seiner Familie hat er keinen Kontakt mehr. Geliebt zu werden, dieses Gefühl habe er erst in Deutschland erfahren. "Ich bin die deutsche Volk wahnsinnig dankbar."

Seine Managerin ist Bruces Familie

Der Kettenhund, der in all den Jahren auf Bruce Darnell aufgepasst hat, ist Angelika Mester-Witt, seine Managerin. Journalisten gegenüber kann sie sehr barsch sein, "keine Fragen zu Pro Sieben", "nicht zu lange, Bruce muss noch zum Friseur". Mit Darnell geht sie ganz zauberhaft um. "Mein Mann und ich sind seine Familie", sagt sie. Und wenn man ihn fragt, was sie für ihn bedeute, ob sie Freundin sei oder große Schwester - dann fängt er zu schluchzen an: "Viel mehr als das, ich liebe sie, sie ist ein Teil von mir, ich bin wahnsinnig traurig, wenn sie nicht da ist".

Ein bisschen, sagt Bruce Darnell, sei die neue Sendung eine Therapie für ihn selbst. Weil er sich dabei mit anderen Schicksalen auseinandersetzt. Und den Kandidaten zeigen kann, dass man nicht erst aus dem Flugzeug springen muss, um sich selbst lieben zu lernen. Er sitzt jetzt im Schneidersitz auf der Couch seines Hotelzimmers, schwarze Hose, schwarzer Pulli, zeigt einem ein Goldkettchen mit einem Kreuz, das hat er immer bei sich, und ein Bild von einem Engel, das trägt er im Portemonnaie.

"Das Fernsehen braucht mehr Ehrlichkeit", sagt er. Bruce Authentisch. Günter Struve, der Programmdirektor der ARD, hat bei einer Pressekonferenz gesagt, so einen ehrlichen Menschen wie Bruce treffe man selten. Man hat ein bisschen Angst, Darnell könnte seine Echtheit und Unverstelltheit allein dadurch verlieren, dass so viel darüber geredet wird. Es war im ZDF-Jahresrückblick, als Johannes B. Kerner ihn fragte, ob sich sein Leben verändert habe. Ja, sagte Darnell, "der Erfolg hat mein Leben geendet". Hoffentlich nicht.

Programmhinweis: "Bruce" - Die neue Styling Show, Dienstag bis Freitag um 18.55 Uhr in der ARD