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Bully Herbig: "Das war eine mentale Erektion"

"Der Schuh des Manitu" machte ihn zur Nummer eins, jetzt kommt "(T)Raumschiff Surprise". Bully Herbig über Frühwerk, Wehrdienst und vulgäre Vulcanetten.

stern: Herr Herbig, große Humoristen sind in der Regel von Schwermut gezeichnet. Welches Unglück ließ Sie komisch werden?
Bully Herbig: Ich bin nicht wie viele berühmte Kollegen aus Notwehr komisch geworden. Ich war eher schmächtig als zu dick, ich hatte kaum Pickel, und die Pubertät hab ich irgendwie verpasst. Ich empfand irgendwann Spaß daran, dass andere mich spaßig finden. Da war auch viel unfreiwillig Komisches dabei, wie heute noch. Wenn ich durch die Kontrolle am Flughafen gehe und "Hallo" sage, brechen die Leute vor Lachen zusammen. Ich habe mir schon abgewöhnt "Servus" zu sagen, weil dann immer sofort die Bude brennt.

Wann spürten Sie zum ersten Mal, dass andere Menschen Sie komisch finden?
In der fünften Klasse ging es im Geschichtsunterricht um irgendwelche öden Königshäuser. Da habe ich den Lehrer aus purer Verzweiflung gefragt: "Wollen wir das nicht mal als Theaterstück nachspielen?" Obwohl ich meine Rolle eines reitenden Boten ernst angelegt hatte, war ich der Trottel, der die Riesenlacher bekam. Die Klasse tobte, und auf einmal wollte uns die ganze Schülerschaft sehen. Unser Klassenzimmer war jedes Mal überfüllt. Vorne saßen die Kids auf dem Fußboden, dahinter auf Bänken und Stühlen die Älteren, so richtig tribünenmäßig. Auf dem Schulhof riefen mir die Leute zu: "Hey, Bote!" Heute rufen sie: "Hey, Bully!" Viel hat sich also nicht geändert.

Hat Ihr Erfolg Sie angefixt?


Es war ein Schlüsselerlebnis: Was für ein großartiges Gefühl, wenn du andere Leute unterhalten kannst! Ich dachte: "Du hast zwei Alternativen - Fußballweltmeister oder den Oscar."

Waren Sie der Klassenclown?
Ich fürchte ja. Ich habe schon als kleines Kind vor Publikum in der Badewanne Otto-Platten nacherzählt. Mit acht war ich riesiger Elvis-Fan. Hätte es damals schon Casting-Shows für Kinder gegeben, wäre ich da als Deutschlands jüngster Elvis-Imitator hingegangen. Mein größter Glücksfall war ein Nachbarjunge, der mir mit 14 seine Videokamera lieh.

Wie sahen Ihre Filmchen aus?


Dogma. Wenn heute die Skandinavier behaupten, sie hätten Dogma erfunden, kann ich nur sagen, ich habe das schon vor 20 Jahren gemacht: mit der Videokamera rein in den Wald, kein Licht, kein Ton, keine professionellen Schauspieler, einfach nur Blätter im Wind. Ich war immer schon Autorenfilmer.

Mit 19 wurden Sie Soldat. Warum?


Ich bin weder Patriot noch Pazifist. Ich dachte: "Augen zu und durch, der Zivildienst würde drei Monate länger dauern." Mein Job war, einen Leutnant durch die Gegend zu fahren. Mein Iltis war das mickrigste und madigste Fahrzeug der gesamten Armee. Mit diesem Popel-Jeep bist du 80 auf der Autobahn gefahren, und alles hat gewackelt. Das Erniedrigendste war, wenn bei Übungen die Amerikaner mit ihren breiten Jeeps ranrauschten. Gegen diese Hammerdinger warst du mit deinem schlappen Diesel der Fool. Meinem Leutnant erzählte ich öfter: "Der Iltis macht so komische Geräusche. Ich sollte mir lieber mal den Motor angucken." Dabei habe ich nicht den blassesten Schimmer von Autos. Es war super: Der Iltis stand in der Halle, ich habe mich drunter abgelegt, und wenn einer reinkam, habe ich irgendwo gegengeklopft.

Waren Sie der Schrecken der Kompanie?


Als mir die Übungen etwas überhand nahmen, habe ich dem Leutnant angeboten, einen Film über die Truppe zu machen. Das fand der super, und ich bekam von der Pionierschule eine Videoausrüstung. Ich habe dann bei der nächsten Übung gefilmt und bekam zwei Wochen frei für den Schnitt. Wenn man so möchte, war das meine erste Eigenproduktion.

War die wehrkraftzersetzend?
Stilistisch sieht der Film aus wie ein Werbespot für die US-Army. Komisch wird die Sache, weil die Gestalten, die da herumlaufen, halt keine Marines sind, sondern Wehrpflichtige, auch mal mit Bierflasche in der Hand. Wenn du das dann noch mit "Indiana Jones"-Musik unterlegst, ist das einfach lustig. Aber auch dieser Film von mir wurde missverstanden, und mein Leutnant belobigte mich.

Sie wurden sogar zum Schlachtenmaler ernannt.


An den Toilettenwänden der Kaserne hingen große Papierbahnen, damit die Soldaten da was hinschmieren konnten, ohne die Kacheln zu schädigen. Für mich war das natürlich eine willkommene Gelegenheit, den Leutnant zu malen - als Comic-Figur. Eines Morgens beim Antritt sagte der Leutnant: "Wer malt mich da seit Tagen auf dem Klo?" Ich dachte: "Scheiße, Scheiße, jeder hier weiß, dass du das bist!" Ich habe mich dann halt gemeldet. Alle guckten mich an. Der Leutnant trat an mich heran und sagte: "Herbig! Wir bräuchten da so ein großes gemaltes Bild für den Truppenübungsplatz. Können Sie das für uns herstellen?" Ich: "Jawohl, Herr Leutnant!" Ich habe dann zwei Wochen nur gemalt.

Nach der Bundeswehr bewarben Sie sich an der Münchner Filmhochschule - vergebens.


Das war ein Schock. Wie ein plötzlicher Schlag ins Gesicht. Man bekam einen Eifersuchtsdialog zwischen Mann und Frau und sollte dazu das Exposé für einen Film schreiben. Ich habe die Story in die Zukunft verlegt. Der Mann wird mit Medikamenten in Trance versetzt und an einen Wahrheitscomputer angeschlossen. Während er von der Frau verhört wird, spuckt der Computer die wirklichen Ereignisse aus. Ich war fest davon überzeugt, dass das genial ist - und wurde noch nicht mal zum Gespräch eingeladen. Das war irrsinnig enttäuschend für jemanden, der mit zwölf weiß, was er machen will, und deshalb Mathe kontinuierlich links liegen lässt.

Haben Sie sich noch mal beworben?
Die Absage bewirkte eine Trotzreaktion: "Dann halt nicht. Wenn die das nicht gut finden, will ich da auch gar nicht hin." Dass das nicht mein Weg war, bestätigte sich, als ich später ein Interview mit einem Professor der Filmhochschule las, der sagte: "Wäre der Herbig auf die Filmhochschule gegangen, hätte er den ,Schuh des Manitu" wahrscheinlich nie gedreht." Das lasse ich jetzt einfach mal so im Raum stehen.

Woher nehmen Sie Ihr Material?


Ich mache Realsatire. Jede Figur gibt es als wirklichen Menschen. Ein Fahrradkurier kommt in unser Büro und sagt: "Ich bin gestern gegen einen Baum gefahren, ey, Mann, der war voll aus Holz!" Da brichst du doch zusammen. Neulich saß ich mit meinem Co-Autor Rick Kavanian in einer Bar. Ein Kellner stellte so unfassbar affektiert ein paar Nüsschen hin, dass du denkst: "Okay, jetzt ist Charakterstudie angesagt!" Nachdem wir bestellt hatten, sagte Rick: "Und der Typ denkt, wir sind die Freaks!" Ich werde nie vergessen, wie die "(T)Raumschiff Surprise"-Nummer durch einen Maskenbildner entstanden ist. Ich habe den 1996 drei Tage lang erlebt. Als er mich schminkte, sagte er viel zu laut: "Maske glücklich!" Ich bin total erschrocken und dachte, der verarscht mich. Als er mir die Hände schminkte, sagte ich: "Du, die Hände sind doch gar nicht im Bild!" Seine Antwort war: "Das ist nur für meine Psyche." Den habe ich dann sorgfältigst studiert. Ein Jahr später saßen mein Co-Autor Alfons Biedermann und ich nachts um elf in unserem Büro und sollten einen Funkspot über einen Alien abliefern. Uns fiel nichts ein, und die Übermüdung führte dazu, dass wir über jeden Scheiß lachten. Plötzlich fiel mir dieser lustige Maskenbildner wieder ein, und ich sagte: "Hey, komm, das Alien ist schwul und sagt: "Jetzt beamst mich halt endlich amal rauf!"" Und dann lagen wir erst mal zehn Minuten auf dem Boden. Zu dem Alienfunkspot kam es nie. Wir haben noch in derselben Nacht die erste Folge geschrieben. Die erste Pointe war: "Käpt'n, Käpt'n, ich hab was auf meinem Schirm!" - "Ja, dann mach's halt weg."

Viele Sketche Ihrer "bullyparade" provozieren die Frage, welche Drogen die Beteiligten nehmen.


Wir Kiffer? Sie sollten uns mal sehen: Der Rick, der gerade krampfhaft versucht, abzunehmen; der Alfons, der auch im Winter eine Stunde mit dem Fahrrad in die Stadt fährt und sich hauptsächlich von Körnern ernährt. Ich habe vor drei Jahren das Rauchen aufgehört und trinke fast keinen Alkohol mehr. Wir sind in der Firma zwölf Menschen, die jeden Morgen ins Büro kommen und genau definierte Aufgaben haben. Montag um neun Uhr ist Konferenz, und es gelingt nach acht Jahren immer noch nicht, dass alle pünktlich sind. Ich sitze jedes Mal als Erster da und denke: "Was mache ich bloß falsch? Warum funktioniert das einfach nicht?"

Nervt es Ihre Umgebung nicht, dass für Sie jeder und alles Material ist?
Ich bin ein Jäger und Sammler, der sich immer schnell ein paar Sachen aufschreibt. Alles durch den Kakao zu ziehen ist schon ein kleiner Defekt, weil du fast nichts mehr ernst nimmst. Neulich sagte ein Finanzprüfer so in einem Nebensatz zu mir: "Aber ned, dass Sie mi im nächsten Sketch einbauen, gell?" Aber natürlich wird der im nächsten Sketch eingebaut! Vor ein paar Wochen bin ich in eine Verkehrskontrolle geraten. Ich habe dann über Handy Bescheid gesagt, dass ich später komme. Als ich wieder aus dem Fenster gucke, sehe ich vier grinsende Polizisten an meiner Scheibe, die mich nach einem Autogramm fragen, und aus dem Polizeibus ruft noch einer raus: "Prosecco!" So eine Situation ist genial: Ein Polizist, der aus seinem Wagen heraus schreit: "Prosecco!"

Träumt der ewige Parodist Herbig davon, mal ein Originalkunstwerk zu schaffen?


Vielleicht drehe ich mal einen Schwarzweißfilm auf Französisch mit tschechischen Untertiteln. Darin lasse ich dann eine Frau mit Haaren unter den Achseln minutenlang in schwarzem Kaffee rühren. Weiter bin ich noch nicht. Vielleicht wird aber auch ein Thriller draus.

Sind Sie anfällig für die Verführungen des Ruhms?


Ich war mal mit einer Freundin in "Drei Engel für Charlie". Volles Haus, fette Leinwand. Ohne dass ich es wusste, kommt auf einmal der Trailer für den "Schuh des Manitu". Ich bin beinahe gestorben. Plötzlich fängt der ganze Laden an zu toben. Ich war erst total erschrocken. Dann bin ich durchgedreht. Das Herz pumpte, und ich bekam glasige Augen. Das war für mich eine mentale Erektion.

Haben Sie seither was Besseres erlebt?


Auch wenn Sie mich jetzt für einen Promotion-Freak halten: Die Reaktion auf die erste 20-minütige Vorführung meines neuen Films. Es sollte ein großer Film werden, und mit Spezialeffekten geht das. An einigen Bildern hat der Computer bis zu 60 Stunden gerechnet. Nach den 20 Minuten dachte ich: "Boah, Junge, das ist cool." Es klingt peinlich, aber ich habe mich selber überrascht und bin stolz auf dieses Ding. Das ist ein persönlicher Triumph.

Allein an der Kinokasse hat "Der Schuh des Manitu" 65 Millionen Euro eingespielt, mehr als jeder andere deutsche Film zuvor. Da Sie Autor, Regisseur, Hauptdarsteller und Co-Produzent waren, wären Sie jetzt im Normalfall Multimillionär.


Bitte nicht Salz in die Wunden streuen! Was mit diesem Film an den Kinokassen verdient wurde, war leider nicht mein Geld.

Den Löwenanteil konnten sich Bernd Eichingers Constantin Film und Pro Sieben in die Taschen stecken, weil Sie den Drehplan nicht eingehalten haben. Wegen akuter Geldnot mussten Sie dann die Weiterverwertungsrechte verkaufen, bevor der Film fertig war.


Ich hatte keine besonders gute Verhandlungsposition. Der Dreh in Spanien war ein Albtraum. Wir hatten Sandstürme und Dauerregen, das halbe Team fing sich einen Virus ein, dazu kamen diverse Beinbrüche und Bandscheibenvorfälle. Das Einzige, was fehlte, war ein Erdbeben.

Sie müssen Eichinger doch die Pest an den Hals wünschen.


Im ersten Moment denkst du schon: "Hallo, irgendwie läuft das hier nicht gerecht!" Aber dann kommst du zur Besinnung und hakst das ab. Du kannst ja nicht die ganze Zeit trauernd durch die Gegend laufen und zerknirscht dran rumfuhrwerken. Für ein paar Leute hat sich's eben extrem gelohnt, aber bei mir ist ja auch was kleben geblieben. Außerdem war Eichinger mitunter der Einzige, der an das Ding echt glaubte und sich engagierte. Dass der Film abgeht wie ein Zäpfchen, hat ja keiner geahnt. Glauben Sie, ich hätte sonst gewettet, bei 1,5 Millionen Zuschauern das Rauchen aufzugeben? Ich habe ganz gerne geraucht!

Sie dürfen jetzt noch für Ihren neuen Film werben, der am 22. Juli in die Kinos kommt. Die Handlung in drei Sätzen?


Die Erde wird bedroht und kann nur durch eine Zeitreise gerettet werden. Mit Schrotty, Mr. Spuck und Käpt'n Kork werden drei Nieten losgeschickt, deren Raumschiff leider einen Marderschaden hat. Da keiner der drei so richtig weiß, wie man eine Zeitmaschine bedient, verfährt man sich schon mal leicht ins Mittelalter.

Ihre Rolle?


Ich bin eine Vulcanette vulgaris. Vulcanetten kommen bereits beleidigt auf die Welt. Die Stimmung der Vulcanette kann man von den Ohren ablesen: Stehen sie spitz, ist die Vulcanette im wahrsten Sinne des Wortes spitz. Sind sie leicht abgeknickt, ist sie im Gefühlszustand, der einer Entspannung sehr ähnelt. Hängen sie nach unten, ist alles vorbei, dann war es das. Nächste Frage bitte!

Michael Ebert & Sven Michaelsen / print