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Gisela Getty und Jutta Winkelmann: Ikonen der Hippie-Ära

Sie waren die Ikonen der Hippie-Ära: Die Zwillingsschwestern Gisela Getty und Jutta Winkelmann haben die Geschichte ihrer wilden Jahre aufgeschrieben. Ein Buch über Drogen, Sex und Männer - und die Suche nach Geist und Geld.

Von Irmgard Hochreither

Das Penthouse in München Schwabing würde jedem Design-Magazin als perfekte Location für gehobenes Wohnambiente taugen. Einziger Stilbruch: das französische Bett im Wohnzimmer vor dem riesigen Flachbildschirm. "Ist nur vorübergehend", klärt die Hausherrin auf, lässt sich in die Kissen sinken und stöhnt leise. Ein Russe ist Gisela Getty beim Skifahren in die Rückseite gebrettert. "Sie musste mit dem Helikopter von der Piste in die Klinik geflogen werden und hat Glück, dass sie überhaupt noch laufen kann", klagt Zwillingsschwester Jutta Winkelmann, setzt sich neben ihr Spiegelbild aufs Krankenlager und serviert Ingwertee. Irgendwie typisch für die einstigen it-Girls der Hippie-Ära - sind sie doch in den 58 Jahren ihres Lebens, bei allem Ungemach, immer mit einem blauen Auge davongekommen.

Ausbruch aus der Spießerwelt

Jahrzehntelang hat das Zwillingspaar alles schwesterlich geteilt: den Ausbruch aus der Spießerwelt seiner Heimatstadt Kassel Ende der Sechziger, das Studium an der Kunstschule, die Sinnsuche, die Drogenexperimente, die Selbstverliebtheit und die naive Überzeugung, dass "erleuchtete Königskinder" wie sie Anspruch haben auf einen ganzen Harem voller Märchenprinzen, die sich danach verzehren, ihnen die Welt zu Füßen zu legen. Nur kurz verirrten sie sich nach Berlin, auf die politische Bühne der 68er-Rebellen, der RAF-Kämpfer und der marxistischen Agitatoren. Doch ihre Helden hießen nicht Dutschke, schon gar nicht Baader oder Meinhof, sondern Rainer Langhans, Uschi Obermaier und Bob Dylan. Nicht die Anleitung zum Bombenbasteln, sondern der Satz "Make Love not War" war der Treibstoff für ihren Trip ins Abenteuer, der sie über Rom, London, New York, San Francisco, Los Angeles bis zurück nach München führte. Und getreu dem Motto: "Man muss sich rechtzeitig ein aufregendes Leben zusammenraffen, damit man später was zu schreiben hat", haben sie jetzt, mit Unterstützung des Autors Jamal Tuschick, die Erinnerungen an die rauschhaften Jugendjahre auf 390 Seiten ausgebreitet. Titel des Werks: "Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen" (weissbooks.w, 22 Euro).

Sie küssten hemmungslos. Und sie schlugen sich auf einer Party in Malibu um Bob Dylan. Seit der Schulzeit geisterte der Rockpoet als "Lichtgestalt" durch die Jungmädchenfantasien. Weil seine Stimme nach Freiheit klang und seine Songs nach Verheißung auf ein ganz anderes Leben als das der Eltern. "Unser Freund Dennis Hopper hatte uns auf die Party mitgenommen", erinnert sich Jutta. "Kris Kristofferson und Donovan waren auch da. Man lagerte auf Teppichen und Matten. Es gab jede Menge Gras und Koks und hochfliegende Ideen. In der Küche stand Dylan plötzlich vor mir. Wir schauten uns an, und ich hatte das Gefühl, mit ihm zu verschmelzen. Dann ging ich kurz aus dem Raum, und als ich zurückkam, sah ich Gisela und Bob im intensiven Gespräch. Da explodierte eine teuflische Eifersucht in mir. Wir hatten verabredet, dass er mir gehört. Im Badezimmer haben wir dann kurz und heftig aufeinander eingeschlagen."

Böse Mädchen

Doch meistens waren es die Männer, die um die Aufmerksamkeit der androgynen Beautys buhlten. Anfang der Siebziger wurde Rom zu ihrer Bühne. Jeder Auftritt eine Inszenierung aus Liebe, Sex und Anarchie. Wechsel- und gegenseitig gönnten sich die bösen Mädchen in schönster Zwillingssolidarität all die Marios, Amandos und Ricardos. Sie betörten römische Mafiosi und Filmschaffende aus Cinecittà. "Mittags haben wir nobel mit Bertolucci gespeist", so Jutta Winkelmann, "abends saßen wir mit Räubern auf der Straße. Wir lernten Fellini, Polanski und Alberto Moravia kennen, aber wir konnten unsere Miete kaum zahlen. Eigentlich kannten wir nur Künstler und Diebe." Hübsche Kerle mit langen Haaren und grünen Augen. "Sie haben uns angetörnt, waren der Inbegriff des nichtbürgerlichen Lebens. Wir fanden das mit unserem kindergoldenen Blick alles ungeheuer aufregend."

Auch ein sommersprossiger 16-Jähriger mit kupferfarbenen Locken surfte durch die Ewige Stadt und warf begehrliche Blicke auf das experimentierfreudige Duo. John Paul Getty III., Lieblingsenkel und Erbe des amerikanischen Ölmilliardärs Paul Getty I. Der Junge hatte zwar keinen Pfennig auf der Naht, aber immerhin die Aussicht auf ein Milliardenvermögen. Gisela verliebte sich "in diese anziehende Mischung aus Schüchternheit und Draufgängertum. Mit dem Geld des Großvaters wollten wir eine kreative Auserwähltenkommune schaffen. So etwas Ähnliches wie Warhols Factory, nur viel ekstatischer und schöner". Auch Jutta sah in dem kleinen Ölprinzen "den Schlüssel zu unserer großen Vision. Wir wollten reich, berühmt und erleuchtet werden - ohne im männlichen Sinn hart dafür arbeiten zu müssen". So beschlossen sie, dass Gisela ihr "Million-Dollar-Baby" heiraten solle.

Entführungsspinnereien

Doch leider hatte der alte Getty fuchsschlau verfügt, dass keiner seiner Enkel alimentiert wird, sollte er vor dem 23. Lebensjahr heiraten. Eine kreative Problemlösung musste her. "Wir haben tatsächlich rumgesponnen", gibt Gisela zu, "wie es wäre, ein Entführung zu inszenieren. Ursprünglich war es Pauls Idee. Er glaubte, weil er der Lieblingsenkel seines Großvaters war, zahle der bestimmt für ihn. Aber natürlich blieb es bei den Spinnereien."

Doch an einem Sommerabend im Jahr 1973 war Getty Junior plötzlich spurlos verschwunden. Die Verwirrung war groß - und das Entsetzen noch größer, als fünf Monate später bei der Tageszeitung "Il Messagero" ein Päckchen mit dem abgeschnittenen Ohr des Getty-Enkels eintraf. Da endlich ließ sich der Alte erweichen und zahlte ein Lösegeld in Millionenhöhe. Bis heute ist die Tat nicht aufgeklärt. "Ich habe Vermutungen", sagt Jutta Winkelmann und hält sich die Hand vor den Mund, "aber die werde ich nicht äußern. Mit der Mafia ist nicht zu scherzen."

Wenn die beiden über diesen römischen "Sommer der Liebe" erzählen, wirken sie wie zwei kleine Mädchen, die ziemlich stolz darauf sind, dass sie sich bei dunkler Nacht allein in den Wald getraut haben. Dass sie im Entführungsfall Getty vorübergehend als Täterinnen verhaftet wurden, dass sie ab und zu Schmiere standen bei Einbrüchen, dass sie in Gedanken sogar einen Banküberfall in Erwägung zogen - auch im Rückblick erhält alles die Aura eines prickelnden Spiels mit dem Feuer. "Bankraub empfanden wir damals als revolutionäre Tat", sagen sie wie aus einem Mund, "so lange die Räuber nur politisch auf der Höhe waren."

Eine neue Welt schaffen

Das Buch der Zwillinge weckt Assoziationen an Fellinis Filme. Skurril und sinnlich, abgründig und manchmal entwaffnend naiv. Es erzählt von dem Lebensgefühl einer Generation, die sich als geniale Erneuerer begriff. Die beiden Heldinnen formulieren es so: "Wir fühlten uns ausersehen, eine neue Welt zu schaffen."

Eine Welt, in der Männer immer nur vorübergehend eine Rolle gespielt haben. Und Kinder, wenn die Freiheit rief, bei der Oma oder bei Freunden deponiert wurden. "Als Zwillinge waren wir von klein auf daran gewöhnt, Aufmerksamkeit zu bekommen", lautet ein Erklärungsversuch. "Wir waren mit dem Gefühl unterwegs, die ganze Welt schaut auf uns. Deshalb haben wir nie wirklich einen Mann gebraucht. Wir waren uns gegenseitig die große Liebe."

Selbst die langjährige Verbindung zum Ex-Kommunarden Rainer Langhans, vollmundig "Harem" genannt, klingt wenig nach Lust, eher nach harter Arbeit an sich selbst. Und die Heilserwartung, dass durch fantastische Orgasmen ein neuer Mensch erschaffen werde? Sie schütteln synchron die blondierten Locken, "völlig überschätzt". Sie sind insgesamt viermal geschieden, jede ist Mutter von zwei Kindern, und jedes Kind hat einen anderen Vater. Giselas dritter Ex-Mann Paul Getty, den sie 1974 in Italien geheiratet hat, fiel mit 26 nach exzessivem Drogenmissbrauch ins Koma. Seit seinem Erwachen sitzt er im Rollstuhl: blind und unfähig zu sprechen. So bleibt vom Versuch, das Geld zu küssen, am Ende doch die Tragödie. Und: ein schickes Penthouse in Schwabing.

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