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Harald Schmidt: "Ohne die Show würde ich saufen"

Er ist der klügste Komiker des deutschen Fernsehens. Zu seiner 1000. Sendung sprach Harald Schmidt erstmals über Angst und Größenwahn, seine Familie und die Lust, Spießer zu sein.

Herr Schmidt, Sie ekeln sich davor, angefasst zu werden, sogar von Freunden. Woher rührt diese Aversion?

Die kommt daher, dass wir bei uns zu Hause immer so eng zusammen waren. Ich lebte mit meinen Eltern, meiner Oma und meinem Bruder 20 Jahre lang in einer Dreizimmerwohnung, die 62 Quadratmeter hatte. Heute empfinde ich diese Enge als ideale Basis für eine gesunde Lebenseinstellung. Da wir keinen Fernseher hatten, saßen wir abends auf der Couch, und dann wurde sich unterhalten.

Ihre Eltern sind 1945 aus Südmähren und dem Sudetenland geflohen. Mussten Sie als Kind an Landsmannschaftstreffen teilnehmen?

Wir sagen Flüchtlingstreffen. Da traten dann Funktionäre im Trachtenanzug auf, die immer die falschen Sätze sagten. Mein Vater fährt da noch hin, aber nicht, weil er wieder ins Sudetenland heim will, sondern um Mitschüler zu treffen. Da er 81 ist, werden das jedes Jahr weniger.

Sind Sie mit Vertreibungsgeschichten groß geworden?

Meine Mutter war neun, als es nachts hieß: Rucksack auf und ab zu Fuß! Trotzdem, ich konnte es nicht mehr hören. Ich gehöre auch nicht zu denen, die ihren Vater fragten: »Was hast du im Krieg gemacht?« Ich sagte: »Bitte, ich möchte deine Geschichten nicht mehr hören!«

Wie wurden Sie erzogen?

Liebevoll ist das Wort, das am ehesten passt. Ich weiß mit Sicherheit, dass ich nie geschlagen wurde. Die strengste Strafe war: »Sofort ins Bett!« Man kann sagen, meine Eltern waren Fans von meinem Bruder und mir. Was wir erzählten, wurde angehört. Mein Vater hat die kompletten Wochenenden mit uns verbracht - spazieren gehen, Freibad, Fußballstadion.

Was ist die schönste Kindheitserinnerung an Ihre Eltern?

Mit neun musste ich an den Mandeln operiert werden. Mein Vater besuchte mich immer abends im Krankenhaus. Ich wusste, dass er jedes Mal acht Kilometer zu Fuß gehen musste, da wir ja kein Auto hatten.

Waren Sie ein pflegeleichtes Kind?

Ich war sehr kränklich und hatte immer Angst, dass was Schlimmes passieren könnte. Mit sechs wollte meine Mutter mit mir eine Schifffahrt auf dem Chiemsee machen. Da habe ich als Ausrede gesagt: »Lieber nicht, sonst wird mein neuer Anorak nass.«

Sie litten als Kind unter dramatischen Gesichtszuckungen.

Wenn der eine Tick vorbei war, kam der nächste. Weil mein Vater meinte, das müsse untersucht werden, wurde ich in die Kinderpsychiatrie nach Tübingen gefahren. Für Nürtinger war Tübingen die Harvard-Klinik. Ich hatte schreckliche Angst, weil ich wusste, wenn über einen gesagt wird »Sofort nach Tübingen!«, war der Krebs im Endstadium.

Ihre Mitschülerin Gabi Sigler behauptet, Sie hätten Mädchen ständig »schweinisches Zeugs« ins Ohr geflüstert.

Nee, nicht geflüstert. Laut geschrien! Das war Imponiergehabe, weil ich mit Mädels Schwierigkeiten hatte. Ich war der Typ, der in der Ecke steht und lästert. Zu meiner Beruhigung habe ich gelesen, dass es bei David Letterman genauso war.

Was war Ihr Problem?

Scheiße ausgesehen und einfach nichts draufgehabt, was den Mädels imponiert hätte. Die Dates hatten die Sportstars der Schule. Hätte ich bei den Bundesjugendspielen 4000 Punkte gemacht und keine Akne gehabt, hätte ich keine Witze machen müssen.

Ihre Note in Betragen war meist ein »noch befriedigend«.

Ich war immer knapp vorm Schulverweis, weil ich vorlaut und permanent auf Sendung war. Es gab keinen Satz vom Lehrer, der nicht von mir kommentiert wurde. Da ich wusste, dass ich Schauspieler werden wollte, war es Training. Ich habe die Schule benutzt, um meine Wirkung zu testen.

Wann haben Ihre Eltern aufgehört, Sie erziehen zu wollen?

Sie sind immer noch dabei. Egal, zu welcher Jahreszeit ich meine Mutter anrufe, heißt es: »Zieh dich warm an!« Wenn ich zu Besuch bin, ziehe ich die Schuhe aus, weil man bei uns im Wohnzimmer keine Schuhe trägt. Meine Mutter fragt dann: »Willst du Hausschuhe?« Ich sage: »Nein!« Sie geht raus und bringt mir Pantoffeln: »Hier, vom Papa, die passen.« Früher hat mich das aggressiv gemacht, aber heute kann ich es wegstecken. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist so gut, dass wir zweimal im Jahr zusammen in Urlaub fahren.

Sehen Ihre Eltern Ihre Show?

Die gucken sich das jeden Morgen auf Video an. Komischerweise akzeptieren sie die Sendung, obwohl ich überzeugt bin, dass fünfzig Prozent von dem, was da passiert, meiner Mutter vollständig zuwider ist. Aber das wird nie thematisiert. Für sie ist das ein Fertigprodukt wie Feuersoße - und die ist halt scharf. Ich schicke alle Artikel über mich an meinen Vater. Der sammelt die in Ordnern. Und wehe, es steht irgendwo was Negatives über mich. Dann wird schon mal die Zeitung abbestellt.

Bei Ihrem Zivildienst im Pfarramt von Nürtingen lagen Ihnen die alten Damen zu Füßen. Wie haben Sie das geschafft?

»Indem ich ihnen die Krücken weggeschlagen habe«, hätte ich in der Schule gesagt. Wenn ich als Zivi Seniorenfreizeiten organisierte, war ich richtig nett und hilfsbereit. Rings um mich hatte man lange Haare und einen Parka mit Peace-Zeichen drauf und schrie: »Nieder mit den Amis!« Ich dagegen hatte das Repertoire an Benimm drauf und war nur damit beschäftigt, wie ich ans Theater komme.

Wie konnten Sie den Entertainer in sich zum Schweigen bringen?

Ich speicherte, was da alles passierte. Wenn ich beim Seniorentanz »Der Tod, das muss ein Wiener sein« auf dem Klavier spielte, schrien die einen: »Schmidt, spiel schneller!« und die anderen: »Schmidt, spiel leiser!« Das ist das Material, von dem ich heute lebe.

Nach dem Zivildienst bewarben Sie sich an der Stuttgarter Schauspielschule.

Ich sprach mit Brille und Skipulli den »Prinz von Homburg« vor. Es gab 180 Bewerber und sechs freie Plätze. Trotzdem dachte ich: »Wer hier heult, heult zu Recht, denn ich werde genommen.« Ich hatte meinen Eltern schon mit 16 fiktive »Zeit«-Hymnen auf mich vorgetragen: »Harald Schmidt wurde zum dritten Mal Schauspieler des Jahres. Das Supertalent aus Nürtingen ist der neue Star bei Claus Peymann.«

Aus Frust über die »gnadenlose Scheiße«, die Sie am Augsburger Theater spielten, bewarben Sie sich 1983 an der Henri-Nannen-Schule.

Ich sah mich gleichzeitig den stern herausgeben, den »Spiegel« leiten und »Monitor« moderieren. Das Thema meiner Bewerbungsreportage war »Theater kurz vor der Premiere«. Der Text war ziemlich hämisch, da ich vorwiegend Pannen und halb-leere Zuschauerräume beschrieben habe.

Bei der Endausscheidung sollten Sie eine Reportage über das Arbeitsamt schreiben.

Da machte ich einen Fehler, von dem ich wahnsinnig viel gelernt habe: Ich bin mir selber nicht treu geblieben. Auf dem Arbeitsamt war es öde und tödlich langweilig, aber ich fing an, die schreckliche soziale Kälte in Deutschland zu beschreiben, dieses unfassbare Elend eines arbeitslosen 42-jährigen Elektrikers, dem man schon wieder keinen Job als Chefarzt anbietet. Anstatt zu schreiben »What the fuck am I doing here?«, machte ich einen auf linke Sozialreportage. Es war unfassbare Scheiße. In der mündlichen Prüfung habe ich dann Henri Nannen erlebt. Als er reinkam, machten die anwesenden Chefredakteure von Gruner+Jahr im halben Aufstehen eine Synchronverbeugung. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, was Macht ist. Hätte Nannen einen fahren lassen, die Herren hätten mitgeschrieben.

Dass die Schule Sie ablehnte, kommentierten Sie mit dem Satz: »Für den Verlag Gruner+Jahr tut es mir leid: Ich hätte den stern retten können.«

Das war eine Pointe, die ich mir zurechtnagelte, um nicht so loser-mäßig dazustehen. Ich fing auch sofort an, die Schule schlecht zu machen, als mir der Sprachoffizier Wolf Schneider...

...der damalige Leiter der Schule...

...in geschliffenem Deutsch mitteilte, ich sei eine Niete. Mein später Triumph war dann, dass ich im Fernsehen eine andere Liga war als er mit seiner NDR-Talkshow.

Intellektuelle sind durch eine heikle Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen gekennzeichnet. Was überwiegt bei Ihnen?

Sie werden nicht größenwahnsinnig, wenn sie keine Minderwertigkeitskomplexe haben, das bedingt sich. Ich mache diesen Beruf nur, weil ich mich in der Schule von Mädchen zurückgesetzt fühlte. Die tiefe Gerechtigkeit ist, dass die Abräumer von damals heute die elterliche Tankstelle kehren. Mein Größenwahn ist, dass ich mich für den größten Entertainer der Zeitgeschichte halte. Ich finde es vollkommen berechtigt, jedes Jahr den Deutschen Fernsehpreis zu kriegen. Ich habe halt nie aufgegeben. Ich habe vor dem WDR gezeltet und den Redakteuren in der Tiefgarage aufgelauert mit meinen Sketchen in der Hand. Das macht mich auch so aggressiv gegen junge Leute in diesem Job. Bei denen erkenne ich keinen Biss mehr.

Sie haben mit der 31-jährigen Kunsterzieherin Ellen Hantsch zwei Kinder. Hat Ihre Freundin zu Hause was zu lachen?

Ja. Obwohl ich mich natürlich ein bisschen zusammenreißen muss wegen der Kinder. Dafür erlebe ich als Vater schöne Szenen: »Papa, was ist das da auf dem Verkehrsschild?« - »Das ist ein Rollstuhl. Hier dürfen nur Behinderte parken.« - »Und warum stehen wir dann hier?«

Haben Sie Humor, wenn Sie allein sind?

Noch viel mehr. Wenn ich Todesanzeigen lese, könnte ich mich wegschreien.

Worüber machen Sie keine Witze?

Über Familiäres. Bei uns wird vieles eingeleitet mit dem Satz: »Das erzählst du aber nicht in der Sendung!« Das ist die letzte Grenze, die ich noch habe.

Da Sie an Gott und die Wiederauferstehung glauben: Kennen Sie ein Anzeichen dafür, dass Gott Humor hat?

Das Großartige ist, dass Gott und das Universum weder Witz noch Ironie brauchen - sie sind einfach da. Ich habe mal mitbekommen, wie ein Hubschrauber mit vier Japanern ins Matterhorn gerast ist. Das hat dem Matterhorn überhaupt nichts ausgemacht.

Wie lernten Sie Ihre Freundin kennen?

Sie jobbte beim WDR als Kabelträgerin, als ich 1994 »Schmidteinander« machte. Da fanden hinterher immer noch gesellige Runden in der Kantine statt.

War es Liebe auf den ersten Blick?

Ja. Aber ich musste schon drei Monate was dafür tun. Was genau, kann ich nicht erzählen. Ich würde erschlagen werden.

Warum heiratet ein Wertkonservativer wie Sie nicht endlich?

Wir haben da Riesendiskussionen. Ich weiß inzwischen gar nicht mehr, warum ich nicht will. Neulich las ich vom Kollegen Jauch den Satz: »Wir heiraten, wenn uns keiner mehr danach fragt.« Das ist als Standardantwort nicht schlecht. Am meisten graut es mich vor der Feier.

Was findet Ihre Freundin an Ihnen nur schwer erträglich?

Dass ich mich morgens mit dem Satz verabschiede: »The King has left the building!« Das ist für mich einer der größten Sätze überhaupt. Wenn Elvis Presley in Las Vegas seine Show beendete, wurde in der Tiefgarage schon seine Limousine angelassen. Während die Band noch spielte, fuhr er aus dem Gebäude. In der Halle kam dann die Ansage: »Ladys and Gentlemen, The King has left the building!« Damit war klar, du brauchst nicht länger zu klatschen, der King kommt nicht mehr.

Befeuert Ihre Freundin Ihren Ehrgeiz?

Sie hätte es am liebsten, dass ich mit der Sendung aufhöre. Wenn wir in ein Restaurant kommen, weiß sie, dass man uns genau zehn Minuten gibt nach dem Motto: Gäste werden bei uns nicht belästigt. Nach zehn Minuten kommt der Patron und sagt zu mir: »Gäste werden bei uns nicht belästigt, aber vielleicht ein Foto mit meinem Sohn, der guckt Sie jeden Abend.« Ich habe alles daran gesetzt, dass es so wird, aber für Ellen ist so was natürlich anstrengend.

Was sagen Sie, wenn Ihre Freundin Ihnen vorwirft, Sie seien zu verschlossen?

Dann lese ich ihr »Brigitte«-Dossiers vor. Da steht auch, dass Männer nicht reden. Wenn es ganz heikel wird, zitiere ich Udo Jürgens. Der sagt immer, dass er Weibern nicht erzählt, was in ihm vorgeht. Wahrscheinlich ist es ein Defizit, aber ich mache meine Probleme mit mir selber klar.

Wie sieht Ihr typischer Abend aus?

Wenn die Sendung um 19 Uhr aufgezeichnet ist, brauche ich zwei Stunden, um runterzukommen. Dann bin ich wirklich alle und gehe fast schon schlafen.

Und dazwischen?

Erst mal wird ein Bier aufgemacht. Dann kriege ich von den Kindern noch in zehn Minuten alles erzählt, was los gewesen ist. Nachdem ich ihnen was vorgelesen habe, gucke ich kurz Nachrichten. Als Lehrerin muss sich Ellen häufig noch vorbereiten, und ich gucke ab neun im Internet, was die Zeitungen am nächsten Tag bringen. Um zehn oder halb elf gehe ich dann ins Bett.

Besuchen Sie Partys?

So was langweilt mich. Ich habe bei Gore Vidal gelesen, dass es nur zwei Gründe gibt, auf eine Party zu gehen: Sex und Business. Da ich beides nicht suche, bleibe ich zu Hause.

Für welches körperliche Merkmal bekommen Sie am meisten Komplimente?

Für meine Hände. Vielleicht ist das aber auch nur eine Einstiegsfloskel von Frauen.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Körper?

Ich habe mich schon vor 35 Jahren davon verabschiedet, mit der Optik zu arbeiten. Seit ich registriert habe, dass Frauen bodymäßig auf andere Typen stehen, probiere ich es mit Gemütlichkeit.

Sie posieren für Ihre Show schon mal in Badehose.

Ich finde mich in Badehose bombastisch. Das ist wie Marlon Brando heute, ohne dass man jemals der frühe Marlon Brando war. Sich mit Bierplauze filmen zu lassen ist eine wahnsinnige Form von Eitelkeit.

Haben Sie Groupies?

Nicht im Robbie-Williams-Sinne. Bei mir sind das eher so halbintellektuelle Frauen, die einen leichten Hau haben. Ich kriege Briefe wie: »Sie haben kürzlich wieder Thomas Bernhard zitiert. Das ist auch mein Lieblingsautor. Ich bin 52 - woran Sie sehen können, dass Sie bei Frauen über 50 keineswegs schlecht ankommen.«

Können Sie sich sich als Single vorstellen?

Na ja, eigentlich bin ich ja Single in einer Partnerschaft. Für den Satz kriege ich zu Hause natürlich massiv Ärger.

Woran merken Sie, dass Ihre Freundin 13 Jahre jünger ist als Sie?

Wenn sie erst morgens nach Hause kommt, während ich den Kindern warme Milch mache. Oder wenn sie mit ihren Freundinnen zusammen ist. Bei denen ist Thema, dass sie eine größere Wohnung wollen oder einen neuen Typen kennengelernt haben. Da wird dann so das Leben reingetragen. Zur normalen Wirklichkeit habe ich keinen großen Kontakt mehr.

Sie sind 44, sagen aber, dass Ihr gefühltes Alter seit langem bei 55 liegt.

Ich bin auch lieber mit älteren Leuten zusammen, weil die eine Abgeklärtheit haben. Am interessantesten finde ich Menschen um die 70, die noch fit sind im Kopf.

Empfinden Sie Ihr Leben als spießig?

Könnte man sagen. Aber wenn man sein Spießigsein akzeptiert, ist es kein Problem mehr. Ich habe es gern, wenn die Wäsche gewaschen ist. Im Chaos könnte ich nicht leben. Ich will auch nicht mehr auf die Malediven. Ich fahre nur noch in den Schwarzwald, in die Bretagne und in die Schweiz.

Wie viele Freunde haben Sie zurzeit?

Vielleicht zwei. Den einen kenne ich aus der Schauspielschulzeit, den anderen vom Theater in Augsburg.

Halten Sie sich für einen guten Freund?

Nein. Ich bin unfähig, Freundschaften zu pflegen. Bei mir läuft halt den ganzen Tag die Show im Kopf.

Was würden Sie Freunden nicht verzeihen?

Da bin ich nicht pingelig. Ich rechne mit allem. Die Menschen sind eben so. Ich kann auch keine Ansprüche stellen - ich feiere ja nicht mal meinen Geburtstag. Mit befreundeten Paaren in Urlaub fahren ist unvorstellbar. Ich kann beim Frühstück niemanden mit am Tisch sitzen haben. Oder die Situation: Man geht am Strand spazieren, da die Frauen und da die Männer, und dann wird es so vertraulich. Igitt! Ich möchte auch im Krankenhaus nicht besucht werden, weil ich es wahnsinnig anstrengend finde, wenn dann gefragt wird: »Wie gehtt's dir denn?« Und dann kommen womöglich noch Tipps! Da ich ärztehörig bin, brauche ich keine Tipps. Ich habe auf 3sat mal ein Porträt über den krebskranken Max Frisch gesehen. Er sagte in seinem gemütlichen Schweizer Singsang: »Wer von denen, die gestorben sind, fehlt einem denn wirklich?« Das fand ich sensationell befreiend.

Was tun Sie, wenn es Ihnen mies geht?

Wenn ich schwere Durchhänger habe, warte ich einfach nur ab. Die große Gnade ist, dass die Show dann meine Hormone jedes Mal wieder auf Vordermann bringt. Ohne dieses Korsett würde ich ziemlich schnell anfangen zu saufen.

Leiden Sie unter Phobien?

Vor drei Jahren bekam ich Schweißausbrüche und Klaustrophobie, wenn im Restaurant der Nebentisch besetzt war. Ich musste rausrennen. Wenn auf dem Flughafen meine Maschine aufgerufen wurde, konnte ich nicht losgehen, weil ich Angst hatte, ich breche zusammen. Ein Arzt sagte mir: »Ihre Angst hat keinen Grund. Sie haben Angst vor der Angst. Machen Sie sich bei Panikattacken klar, dass Ihre Angst einen Anfang hat und ein Ende.« Nach drei Wochen waren die Anfälle weg.

Sie spielen ab 6. Januar in Bochum unter Matthias Hartmann den Lucky in Samuel Becketts »Warten auf Godot«. Eine ziemlich elende Rolle für Ihr Theater-Comeback.

Lucky hat einen Strick um den Hals und muss einen Koffer mit Sand schleppen. Er wird geprügelt, ausgepeitscht und als sabbernder Kretin beschimpft. Man könnte sagen, er ist eine arme Kreatur, aber vielleicht ist er auch ein cleverer Masochist, der die Sache im Stillen genießt. Ein schöner Effekt wird sein, dass die Zuschauer meine Fernsehkarriere mitdenken, wenn über Lucky gesagt wird: »Solche Wesen fortjagen, das ist unmöglich. Das Beste wär, sie einfach zu töten.«

von Sven Michaelsen, Jochen Siemens
Mitarbeit: Katrin Jäger, Tobias Schmitz

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