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Interview

Jenny Elvers: "Viele Alkoholiker haben einen Filmriss - ich erinnere mich an jede Sekunde"

Ein TV-Auftritt vor sechs Jahren offenbarte, was sie lange verheimlichte: Jenny Elvers ist Alkoholikerin. Inzwischen hat die Schauspielerin die Sucht besiegt. Ihre Lebensgeschichte hat sie nun schonungslos ehrlich in ihrem Buch "Wackeljahre" verarbeitet.

Jenny Elvers Anfang des Jahres bei der Fashion Week in Berlin

Jenny Elvers Anfang des Jahres bei der Fashion Week in Berlin

DPA

Frau Elvers, Sie haben Ihre Autobiografie "Wackeljahre" veröffentlicht. In dem Buch berichten Sie eindringlich von Ihrer Alkoholkrankheit. Wie war es all das Erlebte aufzuschreiben und somit nochmal zu durchleben?

Das war sehr intensiv. Es gab durchaus Momente, in denen ich innehalten und alles erstmal wieder sacken lassen musste. Es kamen viele Erinnerungen oder bestimmte Situationen wieder hoch. Das war nicht einfach.

Sie beschreiben Ihren Alltag als Alkoholikerin zum Teil mit drastischen Worten, berichten von Zusammenbrüchen und Kontrollverlusten. Konnten Sie sich so genau erinnern, was vor etlichen Jahren geschehen ist?

Es gibt viele Alkoholiker, die haben einen Filmriss und wissen nicht mehr, was sie alles gemacht haben. Ich gehöre leider zu der Sorte, die sich an jede Sekunde erinnern. Natürlich weiß ich nicht mehr, was passiert ist, als ich in Ohnmacht gefallen bin. Aber ich weiß noch, dass sich diese Ohnmachtsanfälle häuften. Das hat mir wirklich Angst gemacht. Schließlich kam mein öffentlicher Absturz auf dem roten Sofa.

Das war im September 2012 in der NDR-Sendung "DAS!". Danach erfuhr ganz Deutschland, dass Sie ein Alkoholproblem haben und in eine Entziehungsklinik gehen würden. Warum hat Ihr Umfeld, zum Beispiel Ihr damaliger Mann und Manager Goetz Elbertzhagen, nicht eher die Reißleine gezogen?

Als Alkoholikerin wird man zur Meisterin des Täuschens und Versteckens, man belügt und hintergeht seine Familie und seine Freunde. Das habe ich auch gemacht. Nach außen hin habe ich perfekt funktioniert und nur in Maßen getrunken, mal ein Glas Sekt auf einer Veranstaltung, mal eine Flasche Wein mit meinem Mann. Unkontrolliert getrunken habe ich nur, wenn ich allein war. Allein zu Hause, allein auf Reisen, allein im Hotelzimmer. So konnte ich lange für mich und andere die Fassade aufrechterhalten.

Wie fing alles an mit dem Trinken?

In meiner Branche bin ich viel unterwegs und auf Veranstaltungen, da wird immer Alkohol ausgeschenkt. Wenn man jeden Abend etwas trinkt, besteht die Gefahr, in die Abhängigkeit zu rutschen. Für einen Teil der Menschen funktioniert das, für andere eben nicht. Das hängt auch von der körperlichen Verfassung ab. Bei mir brauchte es nicht viel Alkohol, um tatsächlich abhängig zu werden. Hinzu kamen Schlafprobleme. Wenn man über einen längeren Zeitraum nicht richtig schlafen kann, ist das wie Folter. Also habe ich Schlaftabletten genommen. Alkohol und Tabletten, das war eine fatale Kombination.

Jenny Elvers  "Wackeljahre - Mein Leben zwischen Glamour und Absturz"  Softcover, 176 Seiten  17,99 €  MVG Verlag

Jenny Elvers

"Wackeljahre - Mein Leben zwischen Glamour und Absturz"

Softcover, 176 Seiten

17,99 €

MVG Verlag

Sie berichten in Ihrem Buch auch von Ängsten, Zweifeln und Unsicherheiten, die Sie zum Trinken bewegt haben.

Zu Beginn meiner Karriere gab es noch kein Instagram oder Facebook, sondern wer wichtig war, über den wurde in der Zeitung berichtet. Natürlich habe ich mich gefreut, als ich da auch auftauchte. Ich bin sehr selbstbewusst aufgetreten, aber im Innern war ich nie so. Ich musste gegen das Image kämpfen, das ich mir selbst geschaffen hatte und aus dem ich irgendwie nicht ausbrechen konnte. Es war sehr schwer, meine Rolle in der Öffentlichkeit reifen zu lassen. Ich hatte das Gefühl, ich durfte nicht erwachsen werden. Aber ich bin Mutter geworden, dann Ehefrau, habe als Schauspielerin mit namhaften Regisseuren gedreht. Es gab Schlagzeilen und negative Kritiken, wo ich immer gesagt habe: Nee, das macht mir nichts aus. Aber auf Dauer und in der Masse hat mich das doch verletzt. Ich hatte oftmals das Gefühl, ich muss besser sein als andere. Ich muss beweisen, dass ich es kann, um ernst genommen zu werden. Dadurch habe ich mich selbst massiv unter Druck gesetzt. Dadurch entstanden Stress, Ängste und Zweifel. Der Alkohol war da gewissermaßen ein Ventil.

Sie haben zudem eine familiäre Vorbelastung.

Ja, das wusste ich damals aber noch nicht. Meine Großmutter war manisch depressiv. Sie hat Suizid begangen. In meiner Familie wurde nie darüber gesprochen. Ich mache niemandem einen Vorwurf, aber vor diesem Hintergrund hätte ich die Warnzeichen bei mir vielleicht früher erkannt und besser auf mich aufgepasst.

Gab es einen Punkt, an dem Sie gemerkt haben, das ist nicht gesund was ich hier mache?

Eine Alkoholkrankheit kommt ja nicht über Nacht, sondern schleichend. Aber es gab tatsächlich diesen einen verfluchten Morgen, an dem ich keine Kontrolle mehr über meine Beine hatte, ein Zittern durch meinen Körper ging und ich kaum die Zahnbürste halten konnte. Da wurde mir schon bewusst, der Rotwein am Abend war zu viel und die halbe Schlaftablette, die ich morgens um halb vier noch genommen habe. Ich habe gemerkt, dass es nicht gut ist, was ich da mache. Das Perfide ist aber: Sobald ich ein Glas Alkohol getrunken habe, ging es mir schlagartig besser. Ich habe mir immer gesagt, erstmal weitermachen. Dass ich meinen Körper damit noch schwerer geschädigt habe und immer weiter in diesen Kreislauf hineingeraten bin, das habe ich so nicht geahnt.

Warum haben Sie sich nicht eher Hilfe geholt?

Das habe ich mich beim Schreiben tatsächlich oft gefragt. Es gab so viele Momente, wo ich mir dessen bewusst war, dass ich ein Problem habe, und dass ich krank bin. Ich habe gemerkt, dass sich die Spirale immer schnell dreht und ich sehenden Auges gegen die Wand laufe.

Sie schreiben auch viel über Ihre Beziehung zu Schauspieler Heiner Lauterbach und seine Momente, wenn er zu viel getrunken hatte. ("Heiners Alkoholexzesse gingen mir zunehmend auf die Nerven. Ich hasste seine Abstürze und sein Verhalten, wenn er betrunken war"). Hat Sie das nicht abgeschreckt?

Sollte man meinen. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, absolut. Aber ich habe das zu der damaligen Zeit nicht wirklich verstanden. Ich habe schon gesehen, das ist nicht gut, aber nicht hinterfragt, was wirklich dahintersteht.

Sie haben das Buch Ihrem Sohn Paul gewidmet. Wie hat er seine Mutter in den Jahren ihrer Krankheit erlebt?

Mein Sohn hat lange nichts davon gewusst. Wie gesagt, man wird meisterhaft darin alles zu vertuschen. Vor ihm zu Hause habe ich "normal" getrunken, also mal ein Bier oder ein Glas Wein. Erst mit meinem Absturz auf dem roten Sofa hat er richtig von meiner Krankheit erfahren. Da war er elf Jahre alt. Wir haben danach intensiv mit ihm gesprochen. Er hat mich auf der Fahrt in die Klinik zu meinem Entzug begleitet und mich zwischendurch dort besucht. Als er in die Pubertät kam, war meine Krankheit ein wichtiges Thema. Er konnte mich immer alles fragen. Inzwischen haben wir einen guten Weg gefunden, mit meiner Vergangenheit umzugehen. Wir haben unsere ganz eigene Art von Humor, wenn das Thema Alkoholismus zur Sprache kommt.

Welche Reaktionen haben Sie bisher auf das Buch erhalten?

Die Reaktionen waren überwältigend, vor allem nach meinem Auftritt bei stern TV. Ich kriege wahnsinnig viel Post und wahnsinnig viele E-Mails von Menschen, die von Betroffenen aus ihrem engsten Umfeld berichten. Fast jeder kennt jemanden, der ein Alkoholproblem hat, aber es wird nie offen darüber gesprochen. Dass ich so viel positives Feedback erhalte, damit hätte ich ehrlich gesagt selbst nicht gerechnet. Es war natürlich auch ein Wagnis meinerseits, das in dieser Deutlichkeit aufzuschreiben. Aber ich dachte mir, wenn, dann richtig. Ich werde auch oft gefragt, warum das Buch gerade jetzt erschienen ist, sechs Jahre nach meinem öffentlichen Absturz. Jetzt habe ich den nötigen Abstand und kann viel reflektierter darüber sprechen und mit einem anderen Bewusstsein an das Thema Suchterkrankung herangehen. Außerdem kann ich meine Geschichte – auch öffentlich – so zum Abschluss bringen. Ich möchte nicht mehr zurückblicken, sondern nach vorn.