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Leona Lewis: Die neue Whitney...

...heißt Leona Lewis. Zumindest stellt sich das ihre Plattenfirma so vor. Top-Produzenten und erstklassige Songwriter stehen der 22-jährigen Sängerin aus London zur Seite. Reicht das aus, um ein Superstar zu werden?

Von Hannes Ross

Durch den Ballsaal des Grand Hôtel in Stockholm werden silberne Tabletts mit Champagnergläsern und Lachshäppchen gereicht. Man lacht laut und plaudert laut, und immer wieder schaut das Publikum gespannt zur leeren Bühne hinauf. Rund 300 Musikmanager und Journalisten aus ganz Europa sind angereist, um die neue Hoffnungsträgerin des Popgeschäfts zu hören. Leona Lewis aus London, Gewinnerin der britischen Musik-Castingshow "X Factor". Nie gehört? Die 22-Jährige zählt in ihrer Heimat England bereits zur Poparistokratie. Sie durfte Prinz Charles auf einer Gala ein Ständchen singen, und ihre erste CD "Spirit" (siehe Kasten) wurde zu einem der bestverkauften Debüt-Alben in der britischen Musikgeschichte. Nicht schlecht für eine Newcomerin im Mutterland des Pop. Jetzt ist der Rest von Europa dran, bevor es nach Amerika geht. Leona Lewis erste Single, "Bleeding Love", läuft bereits bei uns im Radio.

Die Castingshow "X-Factor" war das Sprungbrett für die ehemalige Pizza-Hut-Bedienung aus Hackney im Osten von London. Die Tochter eines südamerikanischen Hobby-DJs und einer Sozialarbeiterin hatte immer nur einen großen Traum: "Seit ich denken kann, wollte ich Sängerin werden." Das TV-Publikum liebte das schüchterne Mädchen mit der großen Stimme von Anfang an. Zu Beginn bekam sie zwar auf der Bühne kaum mehr als ein flüsterndes "Hello" über die Lippen, im Laufe der viermonatigen Casting-Show aber schmetterte sie die Superdiva-Hymne "I Will Always Love You" von Whitney Houston einem Millionenpublikum selbstbewusst um die Ohren. Und makellos, ohne einen einzigen Patzer. Dabei galt genau dieser schwer zu singende Song als sicheres Aus für den Popstar-Nachwuchs weltweit. Doch schon als Lewis in der Castingshow noch um ihr Weiterkommen bangte, hatte sie zwei der mächtigsten Musikmanager der Welt ganz auf ihrer Seite. Auf der einen Seite des Atlantiks: den Briten Simon Cowell, 48, TV-Produzent, Juror der Castingshow "American Idol" und Manager bei Sony BMG. Auf der anderen Seite: das amerikanische Schlachtross Clive Davis, 75, Chef des Plattenlabels J-Records und Entdecker von Bruce Springsteen, Alicia Keys und - Whitney Houston.

Sie weiß, was sie kann

Beide Männer waren sich bereits einig: Aus diesem Mädchen formen wir einen Weltstar. "Aus England kommen ja schon die Beatles und Elton John. Mit Leona Lewis haben wir jetzt eine Soul-Diva, die rund um den Globus begeistern wird", schwärmt Simon Cowell bereits vollmundig. Leona Lewis soll so etwas wie die neue Whitney Houston werden. Im Klartext: weltweit Millionen CDs verkaufen, und das bitte schön nicht nur ein paar Monate lang, wie es bei Castingstars normalerweise üblich ist, sondern über viele Jahre. Der Musikkonzern Sony BMG schloss mit Leona Lewis einen Sechs-Millionen-Euro-Vertrag über insgesamt fünf Alben - so ein hochdotierter und langfristiger Deal gehört im krisengeschüttelten Musikgeschäft inzwischen zu den absoluten Ausnahmen. Als Leona Lewis schließlich in Stockholm die Bühne betritt, ist man zunächst einmal verwundert, wie schüchtern, fast mäuschenhaft ängstlich sie wirkt. "Ich freue mich, euch alle kennenzulernen", flüstert sie, obwohl man ihr das Gegenteil ansieht. Ihre Augen flackern nervös, ihre Hände umklammern den Mikrofonständer. Doch als ein opulenter R&B-Sound aus den Boxen dröhnt und sie zu singen beginnt, verschwindet die Unsicherheit. Sie weiß, was sie kann. Leona Lewis hat eine beeindruckende Stimme, und das will sie hier beweisen. Sie hebt die Arme und malt mit ihren Händen die waghalsigen Tonsprünge nach, die sie souverän bewältigt. Eine Geste, die auch zum Standardprogramm von Diven wie Whitney Houston und Mariah Carey gehört. Und wie die beiden klingt sie auch häufig. Die Frage ist nur, ob ihr das wirklich nützt.

Mehr als acht Monate feilte ein ganzes Heer von Produzenten und Songwritern an der Debüt-CD "Spirit". Sie wurde in Schweden, England und den USA aufgenommen, immer auf der Suche nach einem massenkompatiblen Hitparadenklang, der zu ihrer Stimme passt. Ihre Musik soll nicht cool oder hip, sondern Soundtrack für den Otto-Normal-Hörer sein. Der große gemeinsame Nenner. Etwas Pop, etwas Soul, etwas R&B. Drei Varianten der CD wird es geben, sagt Davis. Eine für Europa (viel Pop), eine für Asien (weniger Pop) und eine für Amerika (viel R&B und ein Hauch Country). Diese Kalkuliertheit könnte zum Fluch werden. Leona Lewis klingt wie ein singender Modellbaukasten. Alles greift perfekt ineinander, viele erprobte Versatzstücke, nur Leona selbst sucht man vergebens. "Schade, dass es keiner meiner selbst komponierten Songs auf die CD geschafft hat. Vielleicht beim nächsten Album", sagt sie. Falls es nicht funktioniert mit dem Projekt "Leona-Lewis-Superstar", gibt es noch eine andere Hoffnung für die Plattenfirma. Die neue Whitney brauchen sie vielleicht gar nicht. Die alte steht gerade wieder im Aufnahmestudio.

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