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Oben-Ohne-Girls: Auf Seite 3 wird ausgepackt

Big Ben und Big Tits - Tony Blair regiert die Politik, aber die Mädchen von Seite 3 die Leidenschaften. Die Oben-Ohne-Girls sind in England heiß geliebte Landestöchter.

Es ist nicht so einfach, es allgemeinverständlich zu sagen, weil überall anders gemessen wird. Die einfachste Methode: Brustumfang minus Unterbrustumfang. Das weibliche Mittelfeld liegt bei 12 bis 15 Zentimetern, 18 sind schon dolle Dinger, und alles über 22 Zentimetern ist, ja, enorm. Die BH-Industrie spricht dann intern von Körbchengröße E, weil das aber so monströs klingt, sagen sie auch DD.

Keeley Hazell hat Doppel-D, und das sind bei einer Körpergröße von 1,67 Metern richtige "Bullits", die Keeley in England regelmäßig auf der Seite 3 des Boulevardblattes "The Sun" herzeigt. Das bringt zurzeit das Land um den Verstand, weil Keeley dabei auch noch so gucken kann, als wisse sie gar nicht, welche Geschenke da an ihr baumeln. Keeley Hazell kommt aus der Grafschaft Kent südwestlich von London, sie ist 19, und sie lächelt, wenn sie sagt: "Jungs sind eben verrückt nach Boobs, ich weiß auch nicht, warum." Wenn sie dann lacht, bewegt sich ihr T-Shirt, als ob sich darunter ein Erdbeben ankündigte.

Geliebt von Arm und Reich, Männern und Frauen

Wie verrückt die Jungs sind, kann man in England fast jeden Tag in der Zeitung lesen. Am vorletzten Wochenende wurde in London in der Nacht zum Sonntag der Chelsea-Kicker Joe Cole blutbeschmiert auf der Straße gesichtet, Cole floh in Panik mit einer Taxe. Auf einer Party hatten Cole und ein unbekannter Mitbewerber so innig um Keeley geworben, dass die Fäuste flogen und Cole aus einem Fenster entwischen musste. Mag auch sein, dass allen Anwesenden der Verstand zerfiel, denn Keeley Hazell war mit ihren Freundinnen Nikkala Stott, DD, und Nicola Tappenden, auch D, aufgelaufen - das Führungstrio der britischen Busenbörse, deren "Tits" jeden Morgen in den U-Bahnen für offene Münder und in den Londoner Autostaus für Blechschäden sorgen.

Aus der deutschen Ferne betrachtet, wo die Nackten auf der "Bild"-Zeitung gleich wieder vergessen werden, mag der britische Mamma-Kult seltsam wirken, auf der Insel sind die "Page 3"-Mädchen in den täglich 3,5 Millionen Ausgaben der "Sun" und ihre "Boobs" nationale Denkmäler, geliebt von Arm und Reich, Rechts und Links, Männern und Frauen. "Auf uns schaut man nicht herab, zu uns sieht man auf", sagt Zoe Mc Connell, C, mit sieben Jahren Oben-ohne-Erfahrung schon eine Veteranin im Geschäft.

Als das mit der konservativen Peitsche knallende Murdoch-Blatt "The Sun" vor 36 Jahren die busige Seite 3 erfand, war es "eigentlich nur die Idee, den Lesern nach dem ersten Umblättern den Tag mit einem Sonnenschein zu erhellen", wie Geoff Webster, Bildredakteur der "Sun", heute sagt. Doch aus der einst anonymen Oberweitenschau wurde in den Jahren eine Institution wie die "Tagesschau", schon bald wurde jedes der Mädchen in Pubs diskutiert wie eine Prinzessin, schon bald entstiegen manche wie Samantha Fox oder Maria Whittaker dem Blatt als Popstars oder Werbeheldinnen.

"Mit Sex", und da schmunzelt Geoff Webster, "hat das wenig zu tun." Aha, und womit dann? "Die Mädchen sollen schön und natürlich sein, sie sollen so aussehen, als ob sie nebenan wohnen könnten, und sie müssen, unser wichtigstes Gesetz, natürliche Busen haben. Keine Operation, kein Silikon."

In keinem Land wird der Busen so gefeiert

Man könnte ein wenig in der Psychologie herumwandern und sich fragen, ob die Briten einen Mutterkomplex haben. In keinem anderen Land wird der weibliche Busen so gefeiert wie in England, in keiner anderen Sprache gibt es so viele Synonyme für die Hügel wie im Englischen: melons, honkers, bazookas, jugs, love pillows, two fried eggs on a plate, volcanoes, love balloons, funbags - die Liste ist lang. Auf englischen Schulhöfen diskutieren Teeniemädchen jeden Zentimeter Wachstum, Mütter schicken Fotos oder schleppen gleich ihre Töchter zu den Agenturen, die "Page 3"-Models vermitteln. "Kleines, jetzt mach mal den Pullover hoch."

Nicola Tappenden, nach Keeley Hazell die zurzeit gefeiertste "Boobs"-Heldin, arbeitete in einer seriösen Investmentbank, als sie sich vor drei Jahren heimlich und ohne Namen für Seite 3 fotografieren ließ. "Ich bin dann zur Arbeit geschlichen und hab zugesehen, wie alle mich in der Zeitung anschauten. Ich war auf den Fotos stark geschminkt und hatte eine andere Frisur. Aber alle erkannten mich trotzdem und applaudierten stehend." A star was born! Nur Nicolas Vater, ein Business-Manager, hatte anfangs Probleme, "er hat eine Woche lang nicht mit mir gesprochen". Heute verwaltet der Vater ihre Finanzen, denn sie hat "nur ein Ziel: Wagenladungen Geld zu machen".

Warum drehen alle durch, wenn sie das sehen?

An den Wagenladungen arbeiten einige der Boobies nun in eigener Regie. Wurden in der Vergangenheit die Mädchen von Agenturen gesucht und vermittelt, die mit etwa 500 Pfund Honorar auch alle Rechte am Bild einsackten und in deren Hinterzimmern auch Pornokarrieren angeboten wurden, haben Zoe, Nikkala und Nicola mit "Girl Management" nun die erste Agentur gegründet, in der sich die Mädchen selbst vermarkten und mit schraubzwingenharten Verträgen ihre Rechte am Bild sichern.

Dass sie vor einem Jahr die noch unbekannte Keeley Hazell in den Stall holten, war, so Dana Malmstrom, Managerin der Agentur, "der erste Goldfund". Anders als in früheren Jahren, in denen die "Sun" zwölf Mädchen kürte, die nur im eigenen Blatt erscheinen durften, ist der Markt heute explodiert. Zeitschriften wie "Maxim" oder "FHM" hungern jeden Monat nach Oberweiten, an manchen Londoner Zeitungskiosken sieht es aus wie im Gebirge. Keeley Hazell, die erzählt, dass sie sich als Teenager unbedingt noch größere Brüste wünschte, versteht immer noch nicht so recht, was an ihren Dingern so doll ist. "Ich werde vielleicht mal Psychologie studieren, um herauszubekommen, warum alle durchdrehen, wenn sie das sehen."

Jochen Siemens / print