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Ballack bei Chelsea: Das große Missverständnis

Verletzungen, Hetz-Kampagnen der englischen Presse und eine aktuelle Demontage: Michael Ballacks erstes Jahr beim FC Chelsea ist ein verlorenes Jahr. Jetzt stehen die Zeichen auf Abschied. stern.de blickt auf zwölf Monate mit wenigen Highlights und vielen Katastrophen zurück.

Von Klaus Bellstedt

Als feststeht, dass Michael Ballack im Sommer 2006 von den Bayern zu Chelsea London wechselt, stößt das in Presse und Öffentlichkeit nicht nur auf Zustimmung. Wird sich der Kapitän der Nationalmannschaft im Haifischbecken der "Blues" mit Alpha-Tieren wie John Terry, Joe Cole und Frank Lampard an seiner Seite wirklich durchsetzen können?

Öffentlichen Mediendiskursen, die vor allem thematisieren, ob ein Zusammenspiel von Ballack und Lampard, die beide ähnliche Positionen in der Mannschaft beanspruchen, überhaupt möglich ist, begegnet Chelsea-Trainer José Mourinho damit, dass er keine Schwierigkeiten in der Vereinbarkeit der beiden Akteure in seinem Team sieht. Mourinho spricht über Ballack im Juli 2006 so: "Für mich ist er einer der weltweit besten Spieler. Er ist sehr intelligent, taktisch sehr stark und schießt viele Tore. Es gibt in Europa nur noch Frank Lampard, der auf dem gleichen Niveau spielt. Diese beiden werden ein Traumduo bilden."

Kurz nach seiner Ankunft in London äußert Ballack selbst die Hoffnung, dass er seine Karriere an der Stamford Bridge beenden und sich dabei einen ähnlichen Status im englischen Fußball erarbeiten könne, wie andere bedeutende Mittelfeldspieler. Er denkt dabei an Spielergrößen vom Schlage eines Roy Keane, der in zwölf Jahren Manchester United in Old Trafford zur Legende wurde und vielleicht auch an Patrick Vieira, der zwischen 1996 und 2005 das Defensiv-Spiel von Arsenal London neu erfand.

Soll Michael Ballack Chelsea verlassen?

Rote Karte für rätselhafte Unbeherrschtheit

Sein Debüt für Chelsea gibt Ballack schließlich am 5. August 2006 während des Trainingslagers des Abramovich-Clubs bei einem Freundschaftsspiel gegen das All-Star Team der US-Liga. Am Ende verliert Chelsea 0:1, Ballack wird zur Halbzeit ausgewechselt. Trotzdem sagt er: "Es macht richtig Spaß. Mit den anderen Spielern läuft alles easy."

Seine ersten Auftritte auf der Insel im ungewohnten blauen Trikot verlaufen zunächst viel versprechend. Ballack schießt sein erstes Tor für den damaligen englischen Meister am 12. September 2006 vor heimischer Kulisse beim Auftaktspiel zur Champions-League-Saison 2006/2007 ausgerechnet gegen Werder Bremen. Einen Elfmeter drischt der Mittelfeldspieler mit Urgewalt und Präzision in den Winkel. Die englische Presse huldigt Tags darauf den Mann mit der Rückennummer 13. Auftakt nach Maß - könnte man meinen. Nur fünf Tage später, am 17. September dann der erste Rückschlag. Im Prestige-Duell mit dem FC Liverpool tritt der insgesamt unauffällig agierende Deutsche seinem am Boden liegenden Gegenspieler Mohamed Sissoko rüde auf den Oberschenkel. Schiedsrichter Mike Riley steht genau daneben, hat keine Wahl: Ballack sieht die Rote Karte für seine rätselhafte Unbeherrschtheit. "Der Platzverweis war verdient", sagt Mourinho. Die Folge: drei Spiele Sperre.

Ballacks Comeback nach der Zwangspause gelingt. Im Oktober gegen Portsmouth trifft er beim 2:1-Sieg der Blues per Kopf, gleichzeitig sein erstes Tor für Chelsea in der Premier League. Der endgültige Durchbruch will ihm - trotz phasenweise angedeuteter Torgefährlichkeit - dennoch nicht gelingen. Und auch bei den erfolgsverwöhnten Chelsea-Fans hat es "The German" schwer. Beim Spiel gegen Newcastle am 13. Dezember 2006 verhöhnen ihn erstmals Teile der eigenen Anhängerschaft. Ballack agiert mal wieder zu bieder, zu pomadig und manchmal auch zu umständlich. Auf der Tribüne an der Stamford Bridge fällt das Wort "Fremdkörper". Kritik, die Mourinho nicht gelten lässt. Stattdessen stellt der Trainer seinem Mittelfeldspieler nach dessen schwachem Auftritt gegen die "Magpies" erneut einen Freifahrschein aus: "Michael bleibt weiter unantastbar."

Die britische Presse nimmt am Folgetag Ballacks schwache Vorstellung zum Anlass, wieder einmal kräftig auf den Chelsea-Neuzugang einzudreschen. "Mit jedem weiteren Spiel wirken die 130.000 Pfund Wochengehalt wie purer Wucher", schreibt der "Daily Mirror". "Ballack enttäuscht schon wieder", heißt es in der "Daily Mail". Das Boulevard-Blatt "The Sun" wird noch deutlicher: "Ballack erneut armselig." Drei Wochen zuvor muss Michael Ballack ähnlich harte Kritik von den Medien einstecken, als er im Spitzenspiel bei Manchester United ihrer Meinung nach zu sehr untertaucht.

Mourinho tobt nach Ballacks Besuch bei Müller-Wohlfahrt

Zu allem Überfluss werfen den DFB-Kapitän immer wieder mittelschwere Verletzungen zurück. So wie im Februar 2007, als sich Ballack bei einem Testspiel mit der deutschen Nationalmannschaft gegen die Schweiz einen Muskeleinriss zuzieht - und sich auch deshalb bei seinem Arbeitgeber auf der Insel nicht fest spielen kann. Richtig positive Schlagzeilen über den Sachsen liest man in England nur noch zweimal: Anfang März trifft er in der Champions League gegen Porto und sichert Chelsea damit den Einzug ins Viertelfinale. Knapp einen Monat später, am 15. April 2007 schießt Ballack seinen Club mit einem Tor in der Verlängerung gegen Blackburn ins englische Pokalendspiel. Mourinho lobt Ballack danach in den höchsten Tönen. "Er hat es nicht erst heute seinen Kritikern gezeigt, sondern seit dem ersten Tag. Ballack ist ein Top-Profi, ein Siegertyp. Er kam nach London, um zu gewinnen und alles zu geben. Ich bin sehr glücklich, dass er heute der Siegtorschütze war", sagt der Portugiese - das letzte Lob des exzentrischen Coaches für seinen deutschen Star.

Ende April, am 22. April 2007, zieht sich Ballack in der Partie gegen Newcastle United eine Knöchelverletzung zu und verlässt nach 18 Minuten den Platz. Bis zum heutigen Tag hat der 30-Jährige keine einzige weitere Minute für Chelsea London spielen können. Das Kuriose daran: Die Schwere der Verletzung wird von Chelseas Clubarzt Bryan English nicht erkannt. Daraufhin begibt sich Ballack in die Hände von Dr. Müller-Wohlfahrt - Mourinho tobt. Ballacks Operation in Deutschland sei nicht abgesprochen gewesen und "absolut gegen Chelseas Willen" geschehen, zitiert am 29. April 2007 der "Daily Express" den Coach. Er (Ballack) habe keine Erlaubnis gehabt, sich in München bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dem Mannschaftsarzt des FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft, am Knöchel operieren zu lassen, schreibt die Zeitung. Der Anfang vom Ende auch in der Beziehung zwischen Mourinho und dem einst "Unantastbaren".

Ballack geht schließlich als Sieger aus dem Streit um seine Sprunggelenks-Operation hervor. Mannschaftsarzt Bryan English gesteht englischen Medienberichten zufolge ein, bei seiner ersten Diagnose einen Fehler gemacht zu haben. Trainer José Mourinho akzeptiert darauf Ballacks Erklärung, wonach die Operation beim Bayern-Doc am zwingend notwendig gewesen sei. English gibt zu, die Knochenabsplitterung im Sprunggelenk nicht gesehen zu haben, meldet der "Daily Mirror" am Mittwoch, den 8. Mai 2007.

Der zweimal operierte linke Fuß ist voll in Ordnung

Es folgen Wochen und Monate der Schufterei. Ballack arbeitet in der Sommerpause fieberhaft an seinem Comeback. Muss sich allerdings im Juli ein zweites Mal am Knöchel operieren lassen. Dennoch: Er will eine neue Chance beim FC Chelsea, will sich endlich durchsetzen, um nicht als Fehleinkauf abgestempelt zu werden. Und es gibt Licht am Ende des Tunnels. Vor dem Länderspiel gegen Wales erklärt Bundestrainer Jogi Löw am 3. September 2007 vor versammelter Presse: "Die Verletzung ist auskuriert. Es wird täglich besser. Es ist wichtig, dass er sich jetzt eine gute Basis aneignet. Wir hoffen, dass er im Oktober wieder dabei ist." Nur wenige Stunden später liest man auf der Internetseite des FC Chelsea das Unfassbare: "Michaels momentane Verletzung bedeutet zum Zeitpunkt der Benennung des Champions-League-Kaders, dass wir sein Mitwirken bei der Mehrzahl der Gruppenspiele nicht garantieren können." Dennoch hoffe man "natürlich auf eine schnellere Rückkehr".

Mourinho streicht Ballack von der Meldeliste für die Champions League. Ein einmaliger Akt der Demontage. Club-Arzt Dr. Bryan English behauptet weiter steif und fest, Ballack werde nicht bis Ende November fit. Die Untersuchung am vergangenen Donnerstag bei DFB-Doc Müller-Wohlfahrt ergibt etwas anderes: Der zweimal operierte linke Fuß ist voll in Ordnung. Gerüchte verdichten sich, dass Chelsea den Kapitän der Nationalmannschaft auch deshalb nicht auf die Meldeliste gesetzt hat, um ihn in der Winterpause für viel Geld zu transferieren. Für andere Königsklassen-Teilnehmer ist er 2008 ja international schließlich noch spielberechtigt...

Am Montag dann der vorläufige Höhepunkt im Possenspiel um Michael Ballack: Eine Woche nach der überraschenden Streichung aus dem Champions-League-Kader des englischen Pokalsiegers erhält der seit fast fünf Monaten verletzte Ballack von seinem Club erst in letzter Sekunde die Erlaubnis zur Teilnahme an den Dreharbeiten zu einem Werbespot für den DFB- und Chelsea-Sponsor Adidas. Da Ballack aber bereits wieder zurück nach London gereist ist, nimmt er letztlich nicht an den Filmaufnahmen teil. "Wir sind der Meinung, dass die Vorgehensweise nicht positiv zu sehen ist", sagt Bundestrainer Löw diplomatisch. Manager Oliver Bierhoff bezeichnet die Chelsea-Aktion als "Unart".

Frust beim Nationalmannschafts-Kapitän

"Ich bin auch enttäuscht. Ich muss das jetzt hinnehmen und sehen, dass ich gesund werde. Dann kann ich mir über andere Sachen Gedanken machen“, sagt Michael Ballack selbst. Es sind Sätze, die den ganzen Frust des Nationalelf-Kapitäns ausdrücken. Schwer vorstellbar, dass der 30-Jährige jemals wieder das Trikot der "Blues" tragen wird. Das Tischtusch zwischen ihm und seinem Verein scheint zerschnitten. Die Zeichen stehen auf Abschied. Es wird wohl ein schmutziger Abschied werden.

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