Paris Hilton Mann, wie die nervt!


Achtung: Dies ist kein ausgewogener Text! stern-Autor Wolfgang Röhl konnte einfach nicht mehr an sich halten - hier schreibt er in deutlichen Worten, warum ihm Paris Hilton und das ganze Getue um sie unglaublich auf den Geist geht.

Gruselige Dinge geschahen anno 1981. In England schnappten sie den "Yorkshire Ripper", der 13 Frauen umgebracht hatte. Ein Teil der deutschen Bevölkerung führte sich auf, als stünde der Dritte Weltkrieg ins Haus. Roland Kaiser stürmte die Hitparaden. General Jaruzelski rief in Polen das Kriegsrecht aus. Und in New York wurde ein Wesen geboren, das sich zu einer furchtbaren Landplage auswachsen sollte.

Gut ein Vierteljahrhundert später ist die Katastrophe da. Paris Hilton, 26, sitzt wegen kleinerer Verkehrsdelikte im Knast von Los Angeles und heult, kommt kurzzeitig frei, kriegt elektronische Fußfesseln, muss wieder einfahren, kreischt deswegen im Gerichtssaal rum, bekommt trockene Haut, begegnet Gott (ohne Make-up!), will sich sozial engagieren, gibt Telefoninterviews.

Und der Rest der Welt muss ohnmächtig zusehen. Denn Paris Hilton ist so was wie der Heiner Geissler der Unterhaltung. Spukt durch alle Gazetten, belegt Titelseiten und Kanäle. Unmöglich, der Frau zu entgehen. Selbst bei CNN - oder gerade dort - strahlen sie Liveberichte über die blonde Einfaltsbestie aus.

"Die ikonische Blonde des Jahrzehnts"

Kann man nicht einfach jedes Klatschblatt in die Tonne treten, jeden TV-Sender blitzartig wegzappen, wenn sie aufscheint? So einfach geht das nicht. Das hieße, den Medienkonsum gänzlich einzustellen. Denn nicht nur das schlichte Gemüt des Boulevards ist seit Jahren auf Paris Hilton abonniert. Auch das Feuilleton gründelt längst in tiefsinniger PH-Exegese.

Weil sie dank ihres Promi-Namens und der unbedingten Bereitschaft zum Aufbrezeln und Posieren eine Reihe hübsch dotierter Werbeverträge ergattert hat, wird sie mal als "geniale Strategin", mal als "das klügste Kind der Popkultur" gehandelt oder gleich als "das größte Marketinggenie unserer Zeit nach Steve Jobs" gefeiert, auf jeden Fall als "die ikonische Blonde des Jahrzehnts". Beziehungsweise als (woran ist George W. eigentlich nicht schuld?) "die perfekte Heldin der Bush-Ära" - so die linke Autorin Naomi Wolf.

Sie signalisiere dasselbe wie Warenhausmusik: "Alles ist gut. Menschen bringen Menschen in deinem Namen um? Wenn schon. Geh einfach shoppen." Wenn es Leute gibt, die noch dämlicher sind als Paris Hilton, dann sind es Intellektuelle, die ausgerechnet mit Paris Hilton verquaste Thesen belegen möchten. Die Tatsache, dass Hiltons Name mehr Google-Treffer zeitigt als der von Nelson Mandela, gilt manchen schon als Indiz für den Untergang des Abendlandes.

Der "fleischgewordenen Klingelton"

Beim Thema PH schlägt auch die Stunde der "Medienprofessoren". Das sind Leute, die weder schreiben noch recherchieren können, aber dem Rest der Medienwelt sagen, wo's langzugehen hat. Gern auch mal flachsinniges Zeug raunen à la "Jede Gesellschaft hat die Promis, die sie verdient". Einer namens Jo Gröbel ernannte Paris Hilton zum "fleischgewordenen Klingelton".

Zwar voll daneben, denn das Girl klingelt - leider - schon fast zehn Jahre lang. Doch das vermeintliche Bonmot rauschte durch den dankbaren Blätterwald. Andere werfen, wenn in trauter Schwatzrunde das Thema auf die Unvermeidbare kommt, den kryptischen Satz "Sie ist berühmt, weil sie berühmt ist" wie einen Stein ins Wasser; beobachtend, welche Kreise das zieht. Es handelt sich dabei um die tiefer gelegte Version von "Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg", schön gaga und vollkommen sinnfrei.

Es muss halt ordentlich verblasen klingen, wenn banalfixierte Schöngeister auf sumpfigem Terrain wildern; in der Unterwelt der oberen Zehntausend nämlich, wo Partyhühner mit angewachsenen Handys und ohne Slips sich in VIP-Clubs prügeln und/oder ins Koma saufen, um anschließend auf der Herrentoilette zu reihern.

Oder man fährt die elegische Schiene, wie ein Hochglanzmagazin es tut, und jazzt den ganzen Quitsch & Quatsch um den elenden Partyziegenstall von L.A. zur Gesellschaftstragödie antiken Ausmaßes hoch: "... ein großes Aufmerksamkeitsrennen, in dem man sich seinen Platz täglich neu erkaufen ... bis am Ende nur noch die Klinik ... oder die ganz große Leere ..."

Laber, Laber. Paris Hilton geht vielen auf den Wecker, das ist zum Glück wahr. Bewundert wird sie von einem juvenilen Teil der (vorwiegend weiblichen) Bevölkerung, welcher sich noch in der schwierigen Phase der Menschwerdung befindet. Ich persönlich habe an der Miss hauptsächlich auszusetzen, dass sie so jammervoll unsexy wirkt, gerade in ihrem krampfigen Bemühen, vor Kameraleuten sexy zu wirken.

Es ist ja auch lebensfremd anzunehmen, mit einem solchen Narzissmusbündel könne irgendjemand auf der Welt guten Sex haben. Diese Vorstellung zu wecken ist aber die Ware, die so ein Glamourgörl abzuliefern hat. Alles andere erfüllt den Tatbestand des Betrugs am Zuschauer. Allein für ihre Wahnvorstellung, sie könne einer Marilyn M. auch nur ein Wassertröpfchen reichen, gehört Paris Hilton in den Knast gesteckt, wegen strafbarer Selbstblindheit.

Merkt sie denn nicht: Jede herkömmliche kleine Schlampe, die aus einem "Big Brother"-Container krabbelt, hat mehr Sex als sie. Unsere Veronica Ferres, ja, klar, auch so eine Nervtöterin vor dem Herrn. Aber doch eine mit heftigem, deftigem Appeal. Katja Riemann, sicher, rein menschlich eine Zumutung. Aber als Schauspielerin ’ne heiße Adresse. Dagegen dieses fade amerikanische Hormonhühnchen mit den zwei oder drei Gesichtsausdrücken aus dem Regal einer schlechten Schauspielschule!

Ein Freund von mir zählte mal eine Liste von Frauen auf, an die er beim Geschlechtsverkehr denkt, wenn er seinen Orgasmus verzögern will. Ganz oben stand diese Frau vom DGB. Ich werde ihm mal Paris Hilton empfehlen. Klappt sicher auch gut.

One Night In Paris

Aber der Porno, den sie mit ihrem gewesenen Freund Rick Salomon gedreht hat, war der nicht das bestverkaufte Video von 2004? Stimmt. Allerdings nicht, weil das verschattete Machwerk auch nur eine einzige halbscharfe Szene enthalten hätte. It’s the name, stupid! Gäbe es einen Porno mit Angela Merkel auf Youtube, wäre auch der ein Renner.

Der alte Conrad Hilton muss ein guter Typ gewesen sein. Ein Stehaufmännchen, das seine ersten Hotels eisern durch die große Wirtschaftsdepression manövrierte. Auf jeden Fall besaß er Humor. Einer Runde katzbuckelnder Schreiberlinge, die ihn am Ende einer Audienz fragten, "ob er eine Botschaft an die Welt" zu verkünden habe, diktierte er in die Notizblöcke: "Ja. Ziehen Sie beim Duschen immer schön die Vorhänge zu, sonst setzen Sie meine Badezimmer unter Wasser."

Von derlei Mutterwitz hat seine Urenkelin weniger denn nichts abbekommen. In Bergen von Archivmaterial findet sich nicht ein guter Spruch von ihr. Diese Blondine ist wirklich zum Heulen unkomisch. Bedauernswerte Kollegen, die zu "Pressekonferenzen" mit Paris Hilton geschickt wurden (das heißt zu PR-Terminen, auf denen man sie erfolgreich fotografieren und fruchtlos befragen kann), berichteten, Außenminister Steinmeier sei ein Standup- Comedian gegen sie. Mich selbst überkam nur einmal im Zusammenhang mit ihr so etwas wie ein schwaches Schmunzeln. Nämlich über den Titel ihres Pornos: "One Night in Paris". Und nicht mal der ist von ihr!

Nehmen wir Dieter Bohlen, unsere ureigene, hausgemachte Landplage, der Hotelerbin vergleichbar in Penetranz und Dreistigkeit. Der Mann macht wenigstens Spaß, und zwar seit vielen Jahren. Von der Nummer mit dem Penisbruch bis zum gefühlt zwölften Überfall auf sein Haus in Tötensen, bei dem er nackt durch den Garten rennt: Das ist Slapstick, da kommt Freude auf. "Mach einem Bekloppten klar, dass er ein Bekloppter ist!" - so ein hammerharter Bohlen-Spruch würde Paris Hilton niemals einfallen. Gehirn zu klein, darf man vermuten. Wie gut haben wir es doch mit unseren genuinen Nervensägen! Verona Pooth ist gegen sie ein Genie, Jenny Elvers-Elbertzhagen immerhin erträglich.

Nie mehr!

Eine andere Frage wäre, an welchen internationalen Geschmacksverbrechen Paris Hilton welchen Anteil hat. Ich bin kein Volkserzieher, und es ist mir schnuppe, ob dank Hiltons Vorbild junge deutsche Dinger noch mehr Blödsinn ins Handy schnattern, den halben Tag bei H&M herumlungern oder sich auf Flatrate-Partys besaufen. Wenn ich aber an der Kasse im Supermarkt stehe und nolens volens die blanken Hüften einer circa 17-Jährigen betrachten muss, die sich wie so viele ihrer Altersgenossinnen nicht entblödet, ihre Speckröllchen ab einer Außentemperatur von 14 Grad gnadenlos frei zu legen, und wenn dann hinten auch noch ein Arschgeweih rausguckt (ich lebe auf dem Land, da gibt’s das noch), dann scheint mir der verderbliche Einfluss von Paris Hilton evident.

Kurz, ich möchte weder wissen, wie es im Knast mit Fräulein Hilton weitergeht. Noch, ob der Aufenthalt ihren Werbewert mindern oder steigern wird. Auch nicht, ob sie hinter Gittern wirklich eine Unterhose trägt, auf der "Bitch" (Schlampe) steht. Schon gar nicht, was ihr Gott womöglich geflüstert hat.

Mag ja sein, dass sie Opfer einer umgekehrten Klassenjustiz ist, weil sie, sollte sie ihre Strafe voll absitzen, länger gesessen haben wird als 80 Prozent aller Kalifornier mit einem vergleichbaren Sündenregister. Darum mag sich bitte Amnesty International kümmern, ich will davon nichts hören. Nie mehr!

Wolfgang Röhl print

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