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Scheinheilig? Reese Witherspoon will keine Fragen zu ihren Kleidern


Reese Witherspoon will keine Fragen zu ihren Outfits mehr beantworten. Sie und andere Hollywoodstars wehren sich gegen ihre Kommerzialisierung. Dabei hat sie sich längst eine goldene Nase verdient.
Von Andreas Renner, Los Angeles

Es ist die meistgestellte Frage auf dem roten Teppich: "Welches Designerkleid tragen Sie?" Bislang wird sie von stundenlang gestylten Schauspielerinnen sehr gerne beantwortet - als Gegenleistung für die zahlreichen kostenlosen Kleider, Schuhe und Schmuckstücke, mit denen sie von Designern und Luxusmarken ausgestattet werden. Die Chanels und Pradas dieser Welt erhoffen sich medial Erwähnung, die Damen bekommen Schuhe und Haute Couture umsonst - eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Jahrelang war dieses Konzept ein florierendes Geschäft. Unbekannte Marken wurden plötzlich zur Trendmarke, etablierte Designer bauten ihren Ruf als Edelmarke aus. Doch immer mehr Hollywood-Größen wehren sich gegen ihre Kommerzialisierung. Sie wollen nicht als Werbefigur, sondern als Künstler wahrgenommen werden.

"Wir Frauen sind mehr als Kleiderbügel aus Fleisch und Blut", lautet der Grundsatz von Jennifer Siebel Newsom, die mit ihrer Kampagne "AskHerMore" den Grundstein für die wachsende Rebellion legte. Unterstützt wird sie von Stars wie Scarlett Johansson, Reese Witherspoon, Anne Hathaway, Cate Blanchett, Halle Berry, Jennifer Garner, Jennifer Aniston und Julianne Moore. Newsom ist Filmemacherin, ihre Dokumentation "Miss Representation" war 2011 für einen Oscar nominiert. Mit ihrer Kampagne wirbt sie dafür, dass Reporter und Journalisten in ihren Interviews mit Hollywoods weiblichen Filmstars kreativere Fragen stellen. "Ich hatte meine eigenen Erfahrungen auf dem roten Teppich, das ist eine sehr unangenehme Situation. Man wird reduziert auf Fragen nach dem Kleid und der Maniküre. Da fühlst du dich wie ein Stück Fleisch, wie ein Produkt - nicht wie ein Mensch", erklärt Newsom die Motivation hinter ihrer Initiative.

"Als nächstes kommt sicher die Frage, welche Art von Tampon ich verwende"

Sie scheint damit voll ins Schwarze getroffen zu haben, denn bei den jüngsten Preisverleihungen in Hollywood verweigerten immer mehr Schauspielerinnen gestellte Posen für Nahaufnahmen der Kleider. Cate Blanchett raunte bei den SAG-Awards einen Kameramann an, der sie von Kopf bis Fuß abfilmen wollte: "Machen sie das auch mit Männern?" Der Australierin geht der Mode- und Optikkult zu weit: "Als nächstes kommt sicher die Frage, welche Art von Tampon ich verwende." Als Nicole Kidman bei den Grammy's auf ihr Kleid angesprochen wurde, erwiderte sie kopfschüttelnd: "Ich weiß nicht, was ich sagen soll." Und Scarlett Johansson reagierte bei einer Pressekonferenz gereizt, weil sie im Gegensatz zu den männlichen "Avengers"-Kollegen auf ihre Figur angesprochen wurde: "Warum kriege ich die Hasenfutter-Frage nach meiner Diät, während die Herren tiefgründig über ihre Rollen sprechen sollen?"

Eine der aktivsten Fürsprecherinnen für einen Wandel im journalistischen Bewusstsein gegenüber Frauen ist Reese Witherspoon. Die Schauspielerin wirbt für unterhaltsamere Konversationen zwischen Schauspielerinnen und Journalisten. "Ich bin eine Frau, ich ziehe mich gerne schick an und spreche auch mal darüber, was ich trage. Aber wenn sich die Fragen in erster Linie auf meinen Modegeschmack und mein Äußeres beziehen, obwohl es auch zu meiner filmischen Arbeit und meinem Engagement auf anderen Gebieten vieles zu erzählen gäbe, dann stimmt was nicht", sagte Witherspoon dem stern. Sie spielt damit auf ihre Wohltätigkeitsarbeit unter anderem für Organisationen wie "Save the Children" und "Childrens Defense Fund" an. Die Oscar-Preisträgerin ärgert sich massiv darüber, wenn "Frauen rein auf die Optik dezimiert werden."

Hollywoodstars verdienen gut mit Werbung

Doch was Witherspoon vergisst zu erwähnen: Sie selbst schloss einen lukrativen Multi-Millionen-Dollar-Vertrag mit einem Parfumhersteller. Für Werbeaufnahmen ließ sie sich sexy und in schicker Abendgarderobe ablichten. Gleiches gilt für Nicole Kidman, die für eine französische Parfum-Marke und einen Uhrenhersteller in luxuriösen Outfits warb. Ganz ohne feminines Statement, lediglich die eigene Schönheit musste herhalten als Kaufanreiz. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen: auch Scarlett Johansson, Jennifer Garner, Cate Blanchett und Jennifer Aniston warben schon mit ihrer strahlenden weiblichen Optik und verdienten sich damit eine goldene Nase. Wollen Journalisten dann mit ihnen auch mal über Beauty und Mode sprechen, sind diese jetzt plötzlich "Sexisten."

Der Eindruck wächst, dass die Hollywood-Stars Interviews am liebsten nur noch als reine Werberunde für die eigenen Interessen nutzen wollten: den neuen Film, die Charity, das neue Parfum. Alles, was die eigene Marke stärkt: ja bitte. Obwohl man ja eigentlich genau das nicht sein möchte: ein Produkt. Der Rest ist zu privat, nein danke! Da bleibt nicht wirklich viel Platz für die geforderte neue Kreativität der Journalisten, die Witherspoon übrigens in Fragen wie "Was ist ihre Lieblingssendung im Fernsehen?", sieht. Einige weibliche Hollywood-Größen haben sich bereits kritisch geäußert zu dem neuen "Kleider-Boykott". Helen Mirren etwa möchte auch weiterhin bereitwillig die Designer erwähnen, die ihre Kleider geschneidert haben, "weil Modedesigner auch Künstler sind und es völlig in Ordnung ist, wenn man deren Arbeit würdigt."


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