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Die Royals, Teil 3: Weltkriege, Skandale und wie die Briten ihre globale Vormachtstellung verloren

Am 19. Mai feiern Meghan Markle und Prinz Harry ihre Hochzeit. In einer vierteiligen Serie blickt der stern auf die über tausendjährige Geschichte der britischen Monarchie. Dieses Mal vom Lebemann Edward VII. bis zu seiner Urenkelin Elizabeth II..

Von Stefanie Rosenkranz

König Edward VII. mi Gemahlin Alexandra (l.) und Queen Mum mit Ehemann George

König Edward VII. mi Gemahlin Alexandra (l.) und Queen Mum mit Ehemann George

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Als seine Mutter Victoria noch lebte, seufzte einmal ihr ältester Sohn Albert Edward, auch Bertie genannt: "Ich habe nichts dagegen, zum Ewigen Vater zu beten, aber ich bin der einzige Mann im Lande, der mit einer ewigen Mutter geschlagen ist." Der spätere Edward VII. war fast 60, als die Königin 1901 starb, und in seiner Jugend wie einige seiner Vor- und Nachfahren Opfer jenes teutonischen Erziehungsstils geworden, über den die Briten sagten: "Wie Schweine zertrampeln die Hannoveraner ihre Kinder." Victoria und ihr pedantischer deutscher Gatte Albert hielten Bertie schon als Kind für unfähig. Er wurde mit Prügel und Fesseln gemartert und mit sieben Stunden Unterricht an sechs Tagen in der Woche traktiert. Allein, die Folter nützte wenig, wen wundert's. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wurde später auch dadurch getrübt, dass Victoria ihrem Kind die Schuld am frühen Tod ihres geliebten Alberts gab:

Der hatte sich verkühlt auf einer Reise nach Cambridge, wo er Bertie wegen einer von dessen vielen Affären ins Gewissen geredet hatte, und schied wenig später aus dem Leben.

+++ Teil 1 dieser Serie zu Englands Königen und deren Kampf um die Macht lesen Sie hier +++ 

+++ Teil 2 dieser Serie zum Aufstieg der Briten zur globalen Macht lesen Sie hier +++

In den vier Dekaden ihrer Witwenschaft hielt sie Bertie systematisch von sämtlichen Staatsgeschäften fern. Der überbrückte die Wartezeit als Partylöwe und Playboy. Zwar war er recht glücklich verheiratet mit der geduldigen Alexandra von Dänemark, die ihm sechs Kinder gebar, doch vergnügte er sich auch anderweitig mit allerlei Soubretten sowie Damen aus dem Hoch- und Tiefadel.

Seine tugendhafte Mutter war darüber natürlich "not amused". Doch als er König wurde, atmeten die Briten auf.

Statt des ewigen Trauerkloßes Victoria saß jetzt ein charmanter und kugelrunder Bonvivant auf dem Thron, der seinen Taillenumfang von 122 Zentimetern mit der regelmäßigen Einnahme von Roastbeef und Yorkshire-Pudding päppelte und die Monarchie bei jeder Gelegenheit fröhlich und pompös in Szene setzte. Das neue Jahrhundert präsentierte sich behaglich für Edward: Großbritannien reichte von Southampton bis Sydney, von Brighton bis Bombay, von Nottingham bis Nairobi, es herrschte über Weltmeere und Kontinente.

König Edward pflegte beste Beziehungen

In den neun Jahren als König half Edward seiner Regierung, Frieden mit Frankreich zu schließen, dem Erbfeind der Briten. Auch ansonsten pflegte er beste internationale Beziehungen - nicht zuletzt, weil seine Verwandten auf fast jedem Thron Europas saßen.

Nur seinen theatralischen Neffen Wilhelm II., von ihm Willy geheißen, konnte er nicht ausstehen. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit: Der deutsche Kaiser fand Onkel Berties Lotterleben degoutant.

Doppelbildnis König Edward VII. mi Gemahlin Alexandra, geb. Prinzessin von Dänemark

Doppelbildnis König Edward VII. mi Gemahlin Alexandra, geb. Prinzessin von Dänemark

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Der König wiederum attestierte Willy "emotionale Unstetigkeit" und fürchtete das Schlimmste. Schon 1905 prophezeite er: "Wenn wir es mit jemandem von seinem Temperament zu tun haben, bin ich mir im Klaren, dass man nie irgendetwas sicher wissen kann." So war es. Indes erlebte Edward den Untergang seiner Welt nicht mehr: Er starb 1910, umhegt nicht nur von seiner Gattin, sondern auch von seiner Mätresse Alice Keppel, der Urgroßmutter der jetzigen Herzogin von Cornwall, besser bekannt als Camilla Parker Bowles. Geschätzte zwei Millionen Briten standen Spalier, als Berties Sarg durch London gerollt wurde, gefolgt, hoch zu Ross, von acht Monarchen und dem deutschen Kaiser sowie fünf Thronerben und einigen Dutzend Hoheiten.

Vier Jahre später wurde einer der damals Anwesenden in Sarajevo ermordet, nämlich der österreichische Thronerbe und Erzherzog Franz Ferdinand. Anlass für den Ersten Weltkrieg, ein Gemetzel ohnegleichen, das insgesamt 15 Millionen Menschen das Leben kostete und für Edwards Nachfolger George V. zugleich eine Familienfehde war: Sein Cousin, der Kaiser, kämpfte gegen ihn; sein Cousin, der Zar, kämpfte mit ihm.

Das Ganze ging für viele Royals nicht gut aus. Die Zarenfamilie wurde in einem Keller von bolschewistischen Revolutionären erschossen; zuvor hatte Georg V. ihr aus Angst vor sozialistischen Revolten Asyl in England verweigert. Der deutsche und der österreichische Kaiser sowie der osmanische Sultan wurden zur Abdankung gezwungen.

Das komplizierte Erbe von George

George saß nun plötzlich ziemlich allein auf seinem Thron, was ihn nicht wirklich störte. Der dünne König war das genaue Gegenteil seines dicken Vaters; Königin Victoria hätte ihre helle Freude an ihm gehabt. Er war konservativ, charmefrei sowie überpünktlich. Gern feilte er an den Zeremonien der Monarchie; die heutige Choreografie royaler Rituale stammt größtenteils von ihm. Sein Eheleben an der Seite seiner Gattin Mary war absolut tadellos. Sein Beruf machte ihm selten Spaß, doch übte er ihn pflichtbewusst aus.

George starb 1936 und hinterließ ein kompliziertes Erbe:

Unter seiner Herrschaft hatte das Empire erste Verfallserscheinungen gezeigt. Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika waren 1931 autonom geworden, und in Indien hatte Mahatma Gandhi längst den gewaltfreien Widerstand gegen die Briten ausgerufen. In Deutschland herrschte inzwischen Adolf Hitler, in den Augen Georges "eine Gefahr für die Welt".

Sein Sohn Edward VIII. sah das völlig anders. Er war ein Bewunderer des "Führers".

Noch mehr allerdings liebte der Monarch die dürre Wallis Simpson - Motto: "Man kann nie zu dünn sein oder zu reich" - aus der überseeischen Exkolonie Amerika, zweifach geschieden, "niedriger als niedrig, eine durch und durch amoralische Frau", wie ihre Schwägerin, die spätere Queen Mum, urteilte. Die Regierung und insbesondere die Church of England widersetzten sich einer Heirat und stellten den König nach nicht einmal zwölf Monaten vor die Wahl: Abstinenz oder Abdankung. Er wählte Letzteres, "weil es mir unmöglich ist, meine Pflichten zu erfüllen ohne die Hilfe und Unterstützung der Frau, die ich liebe", wie er seinem geschockten Volk am 11. Dezember 1936 in einer Radioansprache kundtat.

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La Wallis war eine aufregende Erscheinung, "unehelich geboren, sowohl lesbisch als auch nymphoman, Spionin für die Nazis wie für den KGB, Geliebte von Joachim von Ribbentrop, Mutter eines Kindes von Mussolinis Schwiegersohn, die ihre sexuellen Fertigkeiten in einem Bordell in Hongkong gelernt hatte", wie Philip Ziegler, Biograf ihres Mannes, einmal ironisch die Gerüchte um ihre Person auflistete. Aber noch unmöglicher als Frau Simpson war ihr Gatte, der Möchtegern-Gauleiter der Nazis in England.

Durch die Ehe mit ihr konnte man ihn vom Thron schubsen; die beiden lebten fortan im französischen Exil, wo es nichts machte, dass er häufig auf Deutsch parlierte, gern "Ich weiß auf der Wieden ein kleines Hotel" sang und in den Dudelsack pustete, während sich die "sonderbare Fledermaus" (Prinz Charles über seine angeheiratete Großtante) beständig liften ließ.

Der König, der seinen "Job" hasste

Edwards Nachfolger stotterte, hatte X-Beine, war weit davon entfernt, ein Intellektueller zu sein - bei seinem Schulabschluss landete er auf Platz 68 von 69 -, und litt unter einer geradezu pathologischen Schüchternheit. Was er passabel konnte, war Tennisspielen, doch als er 1926 im Doppel in Wimbledon teilnahm, schied er schon in der ersten Runde aus. Zur allgemeinen und vermutlich auch zu seiner eigenen Überraschung war er als König perfekt.

Dabei hatte es ihn gegraust vor dem "Job", wie er sein ungeliebtes Amt nannte.

"Das ist schrecklich", sagte Albert nach der Abdankung seines Bruders. "Niemals wollte ich, dass dies geschieht." Doch dann fügte er sich ergeben in sein Schicksal und wurde als George VI. einer der populärsten Monarchen aller Zeiten, unermüdlich unterstützt von seiner lebhaften Frau Elizabeth Bowes-Lyon - wunderbar zu sehen in dem oscarprämierten Film "The King's Speech - Die Rede des Königs". Das Bild einer so glücklichen wie mustergültigen Familie wurde abgerundet durch die Präsenz von zwei niedlichen Töchtern - Elizabeth, geboren 1926, Lilibet genannt, und ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Margaret. "Wir vier", wie George seine Familie nannte, figurierten in regelmäßigen Abständen in der Presse und gaben dem Volk genau das, was es nach dem Trauma der Abdankung brauchte: "Die kleinen Ladys offerierten in Baumwolle gewandete Reinheit, Unschuld und Hoffnung", so der Historiker Ben Pimlott.

Queen Mum mit Ehemann George im Jahre 1948

Queen Mum mit Ehemann George im Jahre 1948

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Und Hoffnung war dringend vonnöten: Nicht einmal drei Jahre nach Georges Krönung begann der Zweite Weltkrieg.

Der König war bis zuletzt ein Befürworter der Beschwichtigungspolitik seines Premierministers Neville Chamberlain gewesen, der Hitler erlaubt hatte, das Sudetenland zu annektieren, um damit "Frieden für unsere Zeit" zu gewinnen. Doch spätestens nach dem deutschen Überfall auf Polen musste George umdenken. 1940 wurde der von ihm zunächst wenig geschätzte Aristokrat Winston Churchill Premierminister, der den Briten in einer historischen Rede "Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß" in Aussicht stellte. "Sie werden fragen: Was ist unser Ziel? Das kann ich mit einem Wort beantworten: Sieg. Sieg um jeden Preis, Sieg trotz allen Terrors, Sieg, egal, wie lange und hart der Weg sein wird. Denn ohne Sieg gibt es kein Überleben." Hitler antwortete mit Bomben: Bei dem sogenannten Blitz über London und der Luftschlacht um England verloren 43 000 Menschen ihr Leben. Die königliche Familie blieb zumindest tagsüber in der Hauptstadt - die meisten Nächte verbrachte sie auf Schloss Windsor -, und Elizabeth erklärte:

"Die Kinder gehen nicht ohne mich, ich gehe nicht ohne den König, und der König wird nie gehen." Als der Buckingham- Palast bombardiert wurde, sagte sie: "Ich bin fast froh darüber.

Nun habe ich das Gefühl, dem East End ins Gesicht sehen zu können." Dieser Stadtteil hatte am meisten unter den Luftangriffen zu leiden.

Moralische Aufrüstung der Untertanen im Krieg

Während Churchill den Krieg führte, kümmerten sich der König und seine Frau um die moralische Aufrüstung ihrer Untertanen. Sie besuchten Überlebende, Soldaten und Hunderte von Rüstungsfabriken und Werften. Elizabeth, die Thronerbin, wurde Mitglied des Heimathilfsdienstes, wo sie zur Automechanikerin ausgebildet wurde.

Das Volk dankte es seinem Monarchen:

Am 8. Mai 1945, dem Ende des Krieges in Europa, sangen Millionen vor dem Buckingham- Palast und in den Straßen von London "For he's a jolly good fellow" für den König und jubelten seiner Familie und Winston Churchill zu.

Britannien hatte gesiegt. Aber es war wirtschaftlich ruiniert und keine Supermacht. mehr. In den kommenden Jahrzehnten verlor es bis auf ein paar öde Felsen wie Sankt Helena oder die Falklandinseln sein gesamtes Empire.

Die Frau, die diesen Niedergang und viele andere Heimsuchungen seit nunmehr 59 Jahren mit stoischer Gelassenheit und würdevoller Zurückhaltung meistert, ist Königin Elizabeth II., Mutter von vier Kindern und nach dem thailändischen König Bhumibol dienstältestes Staatsoberhaupt der Welt. 1952 starb ihr Vater George VI. an Lungenkrebs, sie wurde sofort zur Königin proklamiert, aber erst im folgenden Jahr gekrönt.

Bereits an ihrem 21. Geburtstag hatte sie den Untertanen im Commonwealth in einer Radioansprache 1947 versprochen:

"Ich erkläre hiermit, dass ich mein ganzes Leben, sei es kurz oder lang, in euren Dienst stellen werde." Nicht einmal die fanatischsten Kritiker der Monarchie behaupten, dass sie ihr Versprechen je gebrochen habe.

Wenige Monate nach dieser Rede heiratete die 164 Zentimeter große, dunkel gelockte und blauäugige Elizabeth den fünf Jahre älteren und 25 Zentimeter größeren Prinz Philip. Soweit wir wissen, ist es der einzige Mann, an dem sie je interessiert war. Als sie 13 Jahre alt war, hatte sie mit ihm Krocket gespielt, und danach war es um sie geschehen.

Elizabeth und "Philip the Kraut"

Das Paar könnte unterschiedlicher nicht sein. Elizabeth war ein wohlbehütetes und braves Kind, heiß geliebt von ihrer Familie und rund um die Uhr gehätschelt. Philip dagegen hatte das Licht der Welt auf einem Küchentisch in Korfu erblickt, in einer Villa ohne Strom, warmes Wasser oder Heizung. Zwar war er das Kind eines griechischen Prinzen und einer Prinzessin von Battenberg, doch nur 18 Monate nach seiner Geburt wurde sein Vater nach einem Militärputsch zum Tode verurteilt, und seine Eltern flohen mit ihm und seinen vier älteren Schwestern ins französische Exil.

Elizabeth war die künftige Königin von England, Philip ein verarmter und heimatloser Abenteurer, dem Pass nach griechisch, der Familie nach deutsch, dem Militärdienst nach britisch (er hatte während des Krieges in der Royal Navy gedient). Sie war nie in ihrem Leben in eine Schule gegangen, sondern hatte Privatunterricht bekommen; taktvoll könnte man sagen, dass ihre Ausbildung eher weit als tief war. Er hatte die unkonventionelle Reformpädagogik des deutschen Juden Kurt Hahn genossen, erst im Internat Salem und später, nach Hahns Vertreibung aus Deutschland, im schottischen Gordonstoun. Böse Zungen in England nannten ihn "Philip the Kraut", doch Elizabeth ließ sich nicht beirren.

Seither enthält sie sich jeder Meinung, während der Prinz die seine unablässig und bar jeder politischen Korrektheit kurz angebunden in die Welt hinausknattert.

"Wissen Sie, dass es jetzt Hunde gibt, die für Magersüchtige das Essen übernehmen?", fragte er unlängst eine Sehbehinderte im Rollstuhl, die ihm ihren Blindenhund vorstellte. Und als der australische Ureinwohner Bob Slockee ihm erklärte, er habe das Didgeridoo-Spielen mit dem Rohr eines Staubsaugers gelernt, sagte er nur: "Ich hoffe, er war nicht eingeschaltet." Sie hat Wohnsitz auf einem Denkmalssockel genommen und er im Fettnäpfchen. Irgendwie funktioniert diese Arbeitsteilung seit nunmehr 63 Jahren. Während Philip vor Energie birst, ist für Elizabeth das Leben ein langer und ruhiger Fluss. 13 Premierminister von Winston Churchill bis David Cameron hat sie inzwischen als Königin erlebt, die sich seit einem halben Jahrhundert jeden Dienstagabend bei ihr zur Beichte einstellen und ihr all die Dinge erzählen, die sie sonst nie jemandem sagen könnten. "Es ist wie auf der Couch eines Psychiaters", so einmal John Major, und auch:

"Sie weiß so viel!" Wo auch immer sie hingeht, bekommt sie eigentümliche Sachen geschenkt - eine Boa etwa oder ein Krokodil in einer Zwiebackdose, einen Nylonbikini, einen kleinen Elefanten, einen Wald am See Genezareth, einen Ballen Baumwolle oder 100 Hotdogs mit Senf. Mit freundlicher Gediegenheit akzeptiert sie alles und behält ihre Meinung stets für sich. Sie ist "eine ethnische Minderheit, bestehend aus einer einzigen Person", so Ben Pimlott.

"Was sie macht, macht sie gut", so die scharfzüngige Kolumnistin Julie Burchill.

"Aber gerade weil sie so gut ist, sehen die anderen noch schäbiger aus, als sie es ohnehin schon sind." Die anderen, das sind keine wild gewordenen Republikaner, sondern ihre eigenen Kinder.

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