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Das Selfie-Phänomen Was wir mit Kim Kardashian gemeinsam haben

Alle tun es, alle finden es toll, und Kim Kardashian ist ihre Königin. Selfies sind die Tagebücher von heute. Warum bloß? Ein Erklärungsversuch.
Von Johanna Braun

Eigentlich hätte Kim Kardashian auch allein nach Armenien reisen können, ohne den Medientross, der dem It-Girl tagtäglich auf Schritt und Tritt folgt. Schließlich macht sie eh dauernd Fotos von sich selbst. Selfies. Mit dem eigenen Handy. Die sie dann zeitnah auf diversen Social-Media-Plattformen postet. Beim Besuch im Land ihrer Vorfahren wollte sie Ahnenforschung betreiben und an einem Dokumentarfilm über den Genozid vor hundert Jahren arbeiten, heißt es. Dokumentiert hat sie bisher die Besichtigung des Völkermord-Mahnmals in Eriwan. Ihr Makeup. Ihr Kleid. Und ein spontanes, kostenloses Konzert von Ehemann Kanye West.

Kim Kardashian gilt als Wegbereiterin der Selfie-Knipserei. Sie war dabei sogar schneller als Paris Hilton. Sie und viele Nachahmer wissen: Ein Foto wird heutzutage zu einer Besonderheit, wenn auch der Fotograf mit auf dem Bild ist. Gefällt mir. Und anderen sicher auch. Also Arm nach vorn und lächeln. Aber mal ehrlich: Was hat man davon?

258 Millionen Mal #Selfie auf Instagram

"Fotos sind nicht mehr nur Erinnerungsbilder, sondern dienen auch der Kommunikation", sagt der Marburger Medienwissenschaftler Jens Ruchatz. Das Handyfoto werde zum "Gesprächsbild", das man austauschen und kommentieren kann.

Des Selfies liebste Plattform ist Instagram. Rund 258 Millionen Mal wurde der Hashtag #selfie dort bisher verwendet. Es steht bei dem Foto-Netzwerk an zwölfter Stelle der beliebtesten Hashtags. Auf Platz drei: #me mit knapp 356 Millionen Verwendungen. Platz eins: #love mit 862 Millionen Fotos.

Kardashians männliches Pendant heißt übrigens Andy Davidhazy. 2660 Postkarten hat der US-Amerikaner von seiner Reise auf dem Fernwanderweg Pacific Crest Trail verschickt. Nach jeder Meile ein Selfie. Also immer nach 1,6 Kilometern hat er angehalten, um zu knipsen. Davidhazy hat seine Ego-Postkarten nicht auf Instagram, sondern auf seiner Homepage in einem achtminütigen Video gepostet. Es zeigt, dass er in den fünf Monaten 25 Kilogramm abgenommen hat. Vom Wanderweg und der Natur um ihn herum sieht man… fast nichts. Darauf kommt es auch nicht mehr an.

Anerkennungs(sehn)sucht

Sondern auf den Beweis: Ich war hier. Geht ja auch schneller, als ins Holz oder Stein zu ritzen. Und man kann es sofort allen zeigen. Das Selfie ist ein Ausruf an die Welt. Eine Mischung aus Dokumentationsdrang und Anerkennungs(sehn)sucht. Das Ich steht im Mittelpunkt, nicht mehr der Ort. "Mit überzogener Selbstverliebtheit hat das wenig zu tun", sagt aber trotzdem Jens Ruchatz. Er hält nichts davon, Selfie-Fotografen Narzissmus vorzuwerfen. "Früher war es sehr umständlich, selbst im Bild aufzutauchen. Heute kann mein Kopf mit ins Bild, weil es mir die Technik des Smartphones leicht möglich macht."

Doch trotz der hochwertigen Kameras entstehen nicht immer Glanzstücke der Smartphone-Fotografie. Auf Instagram finden sich unzählige Beispiele: zwei halbe Köpfe vor einem verschwommenen Hintergrund. Übergroßer Kopf, der auch mit Kussmund nicht besser aussieht. Abgeschnittene Arme oder nur die Füße. Dazu eine Bildunterschrift: #Berlin. #unterwegs. #schönhier. Aha! Ha Ha!

Gefährliche Selfie-Sticks

Und erst die Selfie-Sticks! Die Teleskopstäbe verlängern den Arm des Selfie-Schützen und helfen, das Motiv in die richtige Perspektive zu rücken. Museen ächten sie weltweit: Im Schloss Versailles sind die Stangen erst im März dieses Jahres verboten worden, im Pariser Kunstzentrum Centre Pompidou und im Louvre schon früher. Auch Museen in New York, Los Angeles, Chicago und Berlin haben die Selfie-Stangen verbannt. Mit den Handy-Gehstöcken bewaffnete Besucher stochern damit wild in der Luft herum und fechten sich den Weg zum besten Motiv. Gefährlich für Mitmenschen und Kunstobjekte. Mittlerweise ziehen auch Musikfestivals wie Coachella und Lollapalooza nach. Und in Südkorea kann der Verkauf unlizensierter Selfie-Sticks mit Haftstrafen bis zu drei Jahren Haft geahndet werden: Die Funksignale der Bluetooth-Technik, die zum Fernauslösen benutzt wird, könnten andere technische Geräte stören, so die Behörden.

Aber natürlich kann der Selfie-Stick auch kunstvoll eingesetzt werden. Der Texaner Alex Chacón reiste auf dem Motorrad um die Welt. Seine Action-Kamera befestigte er an einem Handstativ und drehte sich damit vor Sehenswürdigkeiten und Landschaften im Kreis. Entstanden ist ein dreiminütiges Video, bei dem der Betrachter erstens Fernweh und zweitens einen Drehwurm bekommt. Eine großartige Möglichkeit, mit dem nervigen Selfie-Stick etwas Vorzeigbares zu machen.

Moderne Tagebücher

Genau genommen sind Selfies moderne Tagebücher. Sie haben die gleiche Funktion wie das Geschreibsel in abschließbaren Büchlein: Dokumentieren und über sich selbst reflektieren. Allerdings sind Selfies "voraussetzungsloser, mit weniger Aufwand verbunden", deshalb vielleicht auch "spielerischer und kommunikativer", meint Jens Ruchatz.

Für Kim Kardashian gehören Selfies jedenfalls zum Geschäft. Um sich und ihre Show in Szene zu setzen. Allein im März hat sie 111 Fotos auf Instagram gepostet. Fast jedes fünfte war ein Selfie. Das Makeup wird im heimischen Los Angeles genauso gern geknipst und geteilt wie beim #Armenien-Besuch. "Selfies sind ein Sammelalbum für Gefühle", sagt Kardashian. Und bald werden die ihr direkt Geld einbringen: Das Verlagshaus Rizzoli New York wirft am 5. Mai solch ein "Kardashian-Selfie-Album" auf den amerikanischen Markt. "Selfish", selbstsüchtig, wird es heißen.

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