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Staatstrauer Warum feiern wir die adligen Operetten-Herrscher eines fremden Landes? Lasst mich bloß mit der Queen in Ruhe!

Die Queen im grünen Outfit auf dem Balkon des Buckingham Palastes währen ihres Platin-Jubiläums.
Die Queen im grünen Outfit auf dem Balkon des Buckingham Palastes währen ihres Platin-Jubiläums.
© Chris Jackson - WPA Pool/Getty Images
Warum lieben wir Deutschen eine fremde Königin? Warum hat Elizabeth II. zur Kolonialgeschichte geschwiegen? stern-Autor Kester Schlenz versteht den Hype um eine verstorbene, steinalte Aristokratin nicht.

Ich ahnte es schon, als die Todesnachricht kam: Jetzt drehen alle durch. Und so war es auch. Titelgeschichten (auch bei uns), Programmänderungen, ARD-Brennpunkte, Schweigeminuten, kollektive Trauer. Nicht, weil etwa der deutsche Kanzler erschossen wurde. Nein – weil in England (!) eine betagte Königin gestorben ist. Natürlich ist es immer traurig, wenn ein Mensch gehen muss. Aber hier schied eine 96-Jährige friedlich aus einem erfüllten Leben. Und wir tun hier alle so, als sei eine geliebte, herzensgute Tante aus der engen Verwandtschaft plötzlich und unerwartet dahingerafft worden.

Verstehe die Trauer um die Queen nicht

Gefühle sind oft irrational. Ich will mich nicht darüber lustig machen, dass Menschen um die Queen trauern. Verstehen kann ich es nicht. Was haben wir nur mit diesen Windsors? Dieser seltsamen, zum Teil kaputten Familie? Ich habe auch gern die toll gemachte Serie "The Crown" geguckt. Aber gerade weil dort auch die dunklen Seiten der Königsfamilie thematisiert wurden – die Gnadenlosigkeit, Selbstverleugnung und Hybris. Alles kein Thema mehr. Die Queen wird als Vorbild, Fleisch gewordenes Monument und Jahrhundertfigur voller Verdienste gefeiert. Die mag sie auch haben.

Aber den Job hat sie nur bekommen, weil sie mit einem goldenen Löffel im Munde geboren wurde. Niemand hat diese Frau gewählt. Sie bezieht ihre Legitimation aus den Machtresten einer uralten Erbmonarchie. Die stammt noch aus dunklen Zeiten, in denen Menschen behaupteten, sie seien von Gott dazu auserwählt worden, über andere zu herrschen. Die Queen und nun auch der neue König Charles sind Abkömmlinge der Herrscher einer brutalen Kolonialmacht, die andere Länder und Völker unterjocht haben. Unabhängigkeitsbestrebungen wurden – wie etwa in Kenia – vom Empire immer wieder blutig unterdrückt. Die Queen hat es nie geschafft, sich von der eigenen kolonialen Geschichte zu distanzieren, die immer auch die Geschichte ihrer Familie war. Das wäre mal eine historische Leistung gewesen. Zu sagen: "Meine Vorfahren haben Schuld auf sich geladen. Ich schäme mich für vieles, was damals geschah."

Kolonialgeschichte? Sorry, lange her!

Während wir in Deutschland völlig zu Recht beginnen, unsere Museen leerzuräumen, um geraubte Kunst an die rechtmäßigen Eigentümer in Afrika und anderswo zurückzugeben, tut man in England so, also ob da nix gewesen wäre. So sorry – ist lange her.

Der Reichtum der royalen Familie beruht zu einem großen Teil auch auf Geschäften, die mit Sklavenhandel und kolonialer Ausbeutung zu tun haben. Man muss als heutiger Royal deshalb nicht in Sack und Asche gehen. Aber thematisieren sollte man es schon mal. Der Experte für Kolonialgeschichte Jürgen Zimmer sagte in einem Gespräch mit dem Schweizer Sender SRF, dass die Queen "fünfzehn Premierminister lang" Zeit gehabt hätte, sich der eigenen Kolonialgeschichte zu stellen und etwa einen Teil ihres Vermögens in eine Stiftung zu überführen, die zum Beispiel Studierende aus den ehemaligen Kolonien hätte unterstützen können.  Stattdessen: höfliches Schweigen. "Sie war", so Zimmer, "ja nicht unpolitisch. Sie hat die Neutralität zur Kunst erhoben, niemandem auf die Füße zu treten. Das ist ein historisches Versagen." So sehe ich das auch.

Was ist los mit uns? Warum ist das alles kein Thema? Warum feiern wir die adligen Operetten-Herrscher eines fremden Landes wie die eigenen gütigen Großeltern, die uns das Studium finanziert haben? Lieben wir die Queen und den neuen König, weil wir selbst keine solchen im Dienst haben? Sind wir alle heimlich adelsgeil? Wollen wir gar beherrscht und von Royals regiert werden? Besser nicht, wenn mir die deutschen Blaublüter so anschaue.

Götter aus einer entrückten, schönen Welt

Die Windsors mit ihren sonderbaren Ritualen, all dem Pomp und dem ständigen Betonen der Traditionen sind für viele offenbar so etwas wie Edel-Promis aus den bunten Blättern. Götter aus einer entrückten, schönen Welt. In der alles sonderbar mit Bedeutung aufgeladen ist. "Was wird mit den Hunden der Queen?" fragten allen Ernstes zahlreiche deutsche Qualitätsmedien. Ja, es gab und gibt auch immer wieder Skandale in der königlichen Familie. Aber die scheinen so etwas wie das Salz in der Hummersuppe zu sein. Ach, sie sind ja auch nur Menschen. Aber am Ende dann eben doch ganz besondere, ganz tolle. Hast du dieses Kleid von Kate gesehen? Und die neue Frisur. Hammer!

Jetzt steht die Trauerfeier für die Queen in London an. Eine Million Besucher werden erwartet. Auch zahlreiche Staats-und Regierungschefs werden der Königin die letzte Ehre erweisen. Darunter der saudi-arabische Herrscher Mohammed bin Salman, dem man noch immer die befohlene Ermordung und Zerstückelung des Journalisten Jamal Kashoggi vorwirft. Aber das wird in London kein Thema sein. So sorry. Unappetitliche Sache, das. Ist ja auch schon ein bisschen her.

Und dann wird man auch dazu, wie immer, bei Hofe höflich schweigen.

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