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STARS IN AKTION: Mit Haut und Haaren

Prominente demonstrieren für den Tierschutz - und zeigen sich nackt. Mit dabei: die »No Angels«, Thomas D., Nina Ruge, Mirco Nontschew und noch mehr Stars.

Erika ist ein Glücksschwein. Während ihre Artgenossen zu Schinken verarbeitet werden oder in der Verbrennungsanlage landen, kann sie gepflegt die Sau rauslassen. Denn Erika lebt auf dem MARS, der »Modernen Anstalt Rigoroser Spakker«. So hat Thomas D., Sänger der Fantastischen Vier, seinen Hof in der Eifel genannt, eine Kommune der Großstadtmüden. Hier wird Erika von neun Vegetariern bemuttert und bevatert; hier suhlt sie sich im Dreck, tobt grunzend durchs Freigehege, und hier schläft sie Seite an Seite mit den Schafen Bonnie und Clyde im Stall. »Unsere Liebe«, sagt Thomas D., »geht durch den Magen – Erika nicht.«

Thomas D. ernährt sich fleischlos

Der Rapper ernährt sich seit 15 Jahren fleischlos. Eier kauft der 32-Jährige nur »bei einer Frau im Nachbardorf, wo die Hühner noch einen Namen haben«. Auf dem MARS erholt sich Thomas D., und von hier aus setzt er seine Popularität ein »für die Dinge, die mir wichtig sind«. Wie etwa die größte Tierrechtsorganisation der Welt: Peta – »People for the Ethical Treatment of Animals«.

»Greenpeace für Tiere«

Peta wurde 1980 in den USA gegründet, inzwischen zählt die Organisation weltweit 750 000 Mitglieder, 25 000 davon in Deutschland. Peta ist so etwas wie Greenpeace für Tiere. Kürzlich bewarfen ein paar Aktivisten in New York die Mode- macher Calvin Klein und Karl Lagerfeld, die auf Leder stehen, mit Tofu-Torten. Die Leute von Peta können aber auch subtiler: Mit Thomas D., Esther Schweins, Nina Ruge, Dennenesch Zoudé, Mirko Nontschew und den No Angels haben sie nun eine Fotoserie produziert, die die natürliche Nähe symbolisieren soll zwischen Mensch und Tier. Zugleich soll sie für Peta werben und daran erinnern, dass Tiere auch und gerade in den Zeiten von BSE und MKS eins verdienen: unseren Respekt.

»Wir sehen unsere Kampagnen durchaus als Entertainment«, sagt der Amerikaner Dan Mathews, 34 und der kreative Kopf von Peta. »Es gibt so viele Dinge, um die sich die Menschen sorgen – aber kümmern tun sie sich am Ende doch um gar nichts.« Mathews Erkenntnis: »Erst wenn du ihnen nackte Prominente zeigst, gucken sie hin.«

Aktion mit Star-Model bereits in den 90ern

Darum brachte er schon Anfang der 90er Topmodels wie Christy Turlington, Tatjana Patitz und Cindy Crawford dazu, auf die Misshandlung von Tieren aufmerksam zu machen. Die schlanken Schönen bedeckten ihre bloßen Körper mit dem Transparent »Lieber nackt als Pelze tragen« und bescherten Peta dadurch erstmals reichlich Furore. Dann kam Pamela Anderson dazu, inzwischen die wohl schärfste Peta-Aktivistin. Seit das Super-babe Dan Mathews begegnete, trägt Anderson ausschließlich Kunstleder und zeigt Pelzen die kalte – und vor allem nackte Schulter.

Nina Ruge zögerte

Und nun sind die Deutschen dran. Auch wenn etwa Nina Ruge anfangs gezögert hat. »Ich bin nicht der Typ, der in irgendeiner Form mit weiblichen Reizen werben will«, sagt die 44-Jährige. Außerdem engagiert sie sich für Unicef und findet es nicht gut, »mich zu inflationieren und meinen Kopf ständig für alle möglichen Sachen rauszuhängen«.

Für Peta macht sie eine Ausnahme. Weil sie sich so empört hat über das so genannte »White Paper«, ein Papier, in dem die Europäische Kommission eine Serie von Toxizitätstests an Tieren fordert – für Tausende längst getestete und weltweit verwendete Chemikalien. Das Versuchsprogramm wird rund vier Millionen Tiere das Leben kosten – obwohl sich die Europäische Union in der Richtlinie 86/609 verpflichtet hatte, bis zum Jahr 2000 die Zahl der Tierversuche um 50 Prozent zu verringern. »Klassischer, europäischer Bürokratenwahnsinn«, sagt Ruge.

Nina mit nacktem Oberkörper

Aus Protest gegen diese Ignoranz hat sie sich nun ablichten lassen. Mit nacktem Oberkörper und mit Lisa, einer Beagle-Dame, die fünf Jahre ihres Hundelebens in einem Versuchslabor verbracht hat. Wieder in Freiheit, war Lisa komplett neurotisch, traute sich auf keinen Rasen und witterte hinter jedem Menschen eine Spritze. Inzwischen sei sie zutraulich geworden und irrsinnig neugierig, sagt Ruge, »die rannte ins Studio wie aufgezogen, schnüffelte in jeder Ecke – und war nicht dazu zu bewegen, sich ruhig hinzulegen«.

Der Fotograf Holger Scheibe

Nur mit Bestechung durch Hundekuchen gelang es, Lisa beim Shooting ein paar Sekunden still zu halten. Auch wenn sie das »Geräusch der Kamera immer wieder hochschrecken ließ«, sagt Holger Scheibe, der Fotograf. Scheibe, ein hagerer, offener Typ, ist Vegetarier aus Überzeugung, dreifacher Vater und seit sechs Jahren Mitglied bei Peta – seit der Komiker Dirk Bach für die Tierschutzorganisation fotografiert werden sollte: »Und weil Dirk damals sagte: ?Nur mit Holger?, kam ich dazu«, erinnert sich der 47-Jährige. Seitdem hat Scheibe so prominente Tierfreunde wie den schönen Markus Schenkenberg, die schrille Nina Hagen und ihre Tochter Cosma Shiva, die Band Bed & Breakfast oder den Sänger Sasha für Peta fotografiert; die aktuelle Produktion ist seine 30., und seine Bilder sind so markant, dass auch Leute hingucken, die mit Tierschutz sonst wenig am Hut haben.

Scheibe hat die ersten Jahre seines Lebens in einem Zirkus verbracht, den sein Vater, ein Jurist, managte. Er habe noch »den Geruch von Tigerpisse in der Nase«, sagt er, und er erinnere sich auch an die Vorschlaghammer, mit denen »die Elefanten zum Männchen machen gezwungen wurden«. Deshalb guckt Scheibe auch ganz verzückt, als Thomas D. seinem Hausschwein Erika auf dem Hof namens MARS einen Apfel ins Maul schiebt, »Mach sitz, Erika« sagt und die Sau sich gemütlich auf ihren dicken Hintern plumpsen lässt. Korrekt vor der weißen Leinwand, die Scheibe heute in ihrem Freigehege aufgebaut hat.

Thomas D. und die Sau »Erika«

Es wäre das perfekte Motiv, wenn nicht der seltsame deutsche Frühsommer an diesem Tag grüßen ließe. Der Himmel ist grau und das Thermometer zeigt fiese zwölf Grad; deshalb muss Holger Scheibe zu einem Trick greifen, und deshalb trägt Thomas D. noch seinen grauen Arbeits-Overall, der »echt praktisch ist, weil die Sau immer so sabbert«. Deshalb wird Thomas D. sich erst später im Haus ausziehen und von Scheibe in der »Vor-Erika-knieend«-Position fotografiert – und hinterher am Computer ins Bild montiert werden. Ist sowieso besser. Für die Nieren des Rappers – und für Erikas Nerven. »Wer weiß«, sagt Thomas D., »vielleicht hätte die Sau einen Schock bekommen – sie hat mich ja noch nie nackt gesehen.«

Die Organisation Peta:

Peta wurde 1980 in den USA gegründet und ist mit über 750000 Mitgliedern in 20 Ländern die größte Tierrechtsorganisation der Welt. Unter anderem ermittelt Peta undercover auf Nerzfarmen, organisiert Verbraucherboykotts und geht gerichtlich gegen Tierquäler vor. Peta-Aktionen führten zu Schließungen von Schlachtereien und zum Stopp von Tierversuchen bei Firmen wie Gillette oder Procter & Gamble. Zu den prominenten Unterstützern gehören Paul McCartney, Pamela Anderson oder Nadja Auermann. Weltweit bekannt wurde Peta durch die Kampagne »Lieber nackt als Pelze tragen« mit den Topmodels Cindy Crawford, Tatjana Patitz oder Christy Turlington. Peta finanziert sich aus Spenden, für Mitglieder beträgt der Jahresbeitrag in Deutschland 50 Mark. Kontakt: Peta Deutschland e.V., Postfach 311503, 70475 Stuttgart.