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US-Promi-Portal "TMZ" Das Spiel mit den Schmuddelkindern


Ob die Scheidung von Heidi Klum und Seal oder der Tod von Michael Jackson: Die amerikanische Internetseite "TMZ.com" hat sich von der Klatschpostille zu einem der wichtigsten Lieferanten von Promi-Nachrichten entwickelt. Trotz zweifelhafter Methoden.
Von Jens Maier

Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell: "Heidi Klum und Seal lassen sich scheiden", meldete das Internetportal "TMZ.com" am 21. Januar um 13 Uhr exklusiv. Nur wenige Minuten später griffen etliche Blogs und Klatschseiten weltweit, aber auch seriöse Medien, die Nachricht auf. Und das, obwohl als einzige Quelle nur "TMZ" zur Verfügung stand. Ein Ritterschlag für die einst als Schmuddelkind der Branche verschriene Website.

Angefangen hat alles ziemlich beschaulich. Am 9. November 2005 ging der Internetdienst als Ableger von AOL und der Warner-Tochter Telepictures an den Start. "TMZ", das steht für "Thirty Mile Zone". Ein Bereich rund um Hollywood, in dem die meisten Filmstudios liegen, sozusagen das Epizentrum von Klatsch- und Tratschgeschichten. Logisch also, dass auch "TMZ" hier sein Büro bezog und sich anschließend nur noch auf die Lauer legen musste. Kein noch so belangloses Detail aus dem Leben der Hollywood-Stars war "TMZ" zu trivial, um eine Meldung daraus zu machen.

Jedes noch so absurde Detail zieht Leser an

Egal ob Prinz Frederic von Anhalt Nagelkleber mit Augentropfen verwechselt oder Lindsay Lohan bei Starbucks Kaffee holt - "TMZ" hat es. Anfangs noch von Konkurrenten belächelt, zog die Klatschseite schon bald täglich mehr User an. Ein sieben Sekunden langes Amateur-Video von Britney Spears, wie sie durch ein Hotel in Las Vegas geht, erzielte mehr als 110.000 Abrufe. Inzwischen hat die Seite jeden Monat mehr als 20 Millionen Leser und liegt damit vor Entertainment-Seiten wie "People.com" oder "Entertainment Weekly". Die erstaunliche Erkenntnis daraus lautet: Internet-User interessierten sich für jedes noch so absurde Detail aus dem Leben der Stars.

Der Mann, der das schon früh erkannt hat, ist Harvey Levin. Der ehemalige Rechtsanwalt und Fernsehjournalist, der als Gerichtsreporter im O.J.-Simpson-Prozess bekannt wurde, hatte die Idee für "TMZ" und ist Chefredakteur. "Unsere Definition davon, was Nachrichten sind, ist etwas breiter als bei anderen", sagt er über die Ausrichtung von "TMZ". Was das bedeutet, können seine Leser jeden Tag in einer Video-Show sehen, die Levin aus seinem Newsroom sendet. Der 61-Jährige referiert über die Themen des Tages und zieht mit Vorliebe skrupellos über die neusten Kapriolen der Hollywood-Prominenz her. Sein Motto: Alles, was sich verkaufen lässt, ist erlaubt.

TMZ hat die Macht, Karrieren zu beenden

Eine Einstellung, die viele Stars das Fürchten gelehrt hat. Mel Gibson zum Beispiel. Seitdem "TMZ" seine Eskapaden als Trunkenbold haarklein dokumentiert hat, gilt der Oscar-Preisträger in Hollywood als persona non grata. Levin hat die Macht, Karrieren zu zerstören - und tut das auch. Dabei nimmt er bewusst fragwürdige Methoden in Kauf. Nicht nur, dass er eine Armada von Paparazzi-Fotografen für sich arbeiten lässt. Als ehemaliger Rechtsanwalt pflegt er außerdem beste Kontakte zu Gerichten in Los Angeles. Ein Insider, der nicht genannt werden möchte, sagte stern.de, dass Harvey sich von alten Studienkollegen mit Informationen über Prominente versorgen lässt. Wird Paris Hilton wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet, erfährt TMZ es so als eine der ersten. Ob dabei Geld fließt? Offiziell bestreitet Harvey das.

"Prominente werden immer im denkbar schlechtesten Licht dargestellt", kritisiert Ken Sunshine, Presseagent von Ben Affleck und Leonardo DiCaprio, in einem Interview mit der Tageszeitung "USA Today" und wirft der Website vor, "Gotcha" zu spielen - sozusagen jeden Prominenten abzuschießen. Andere wiederum haben sich mit den Methoden arrangiert. "Ich habe kein Problem mit den Paparazzi von TMZ", sagt Schauspieler Dwayne "The Rock" Johnson stern.de. "Wir haben ein gutes Verhältnis. Die machen ihren Job, ich mache meinen." Dass es besser ist, mit, statt gegen "TMZ" zu arbeiten, weiß auch Prinz Frederic von Anhalt. Der Mann von Zsa Zsa Gabor unterhält beste Kontakte zu den Reportern von "TMZ" und versorgt sie mit Informationen über sich und seine Frau. Warum macht er das, wenn er hinterher doch nur als "Prince Von A-Hole" tituliert und durch den Kakao gezogen wird? Weil in Hollywood "Bad News" besser sind als gar keine. Von Anhalt weiß, dass er bei einer PR-Agentur für die gleiche Medienaufmerksamkeit viel Geld bezahlen müsste.

Auch seriöse Medien nutzen "TMZ" als Quelle

Das einst als Schmuddelkind gescholtene Promiportal wird heute ernst genommen. Als vor drei Jahren Michael Jackson starb, vermeldete "TMZ" dies als erster. Bis "CNN" den Tod verkündete, dauerte es ganze drei Stunden länger, Die Redakteure des Nachrichtensenders trauten "TMZ" nicht, die Seite galt als unzuverlässig. Heute gehört sie zu den am meisten zitierten Nachrichtenmedien weltweit - auch in Deutschland.

Sowohl stern.de als auch die "Süddeutsche Zeitung" verweisen in ihrer Rubrik "Leute" regelmäßig auf die Meldungen von "TMZ". "Natürlich benutzen wir das als Quelle", sagt Tanja Rest, Leiterin des Panorama-Ressorts, "wir gehen damit allerdings vorsichtig um". Die Nachrichten würden so formuliert, dass dem Leser klar werde, dass es sich um eine Spekulation handele. Allerdings bestätig Rest "TMZ" eine "sehr hohe Trefferquote". Die Seite stünde mittlerweile im Ruf "sehr oft Recht zu haben".

Wie beim jüngsten Scoop. Die Trennung von Heidi Klum und Seal verkündete "TMZ" zwei Tage vor der offiziellen Mitteilung. Dieses Mal ließen sich auch seriöse Medien nicht zweimal bitten, mit Verweis auf das Promiportal auf den Nachrichtenzug aufzuspringen. "TMZ" ist erneut ein Stückchen wichtiger geworden.


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