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Was macht eigentlich ...: ... Gunter Gabriel?

Dem Country- und Westernsänger verdanken wir die Hymne aller Werktätigen: "Hey Boss, ich brauch mehr Geld". Sein Privatleben aber war geprägt von finanziellen und Alkoholproblemen.

Sie sind auf dem Weg zur Fahrschule. Nervös?

Nein. Ist ja nur ein Auffrischseminar, um den Schein zu retten. Mein Speicher ist mit 18 Punkten nämlich voll.

Eine ganze Menge . . .

Kann man mit Pech, Stress und schlechter Laune in einer Nacht schaffen, von Hamburg nach Berlin über die B 5. Lauenburg, Perleberg, Nauen, Staaken – alles voll mit Blitzern. Und ich bin viel unterwegs.

Der Trucker-Sänger nun als Fern-Fahrer?

150.000 Kilometer im Jahr sind drin. Eva Herman hatte mich in ihrer Talkshow als Pleitemann geoutet. Also habe ich spontan eine Telefonnummer in die Kamera gehalten, gesagt: Für 1000 Euro spiele ich euch im Wohnzimmer was vor. Seither steht das Telefon nicht still – und ich werde bis nach Norditalien gescheucht.

Lohnt sich das?

Finanziell nicht wirklich. Egal. Ich darf vor Leuten spielen, die meine Lieder lieben, für die ich der Größte bin.

Endlich echte Fans. Niemand, der Gunter Gabriel verarscht . . .

Genau. Auch ich will geliebt werden. Aber ich verbiege mich nicht dafür. Viele finden das geil. Aber die Daumenlutscher haben Angst vor mir. Weil die sich nie trauen, so zu leben wie ich. Die ächzen unter ihren Verpflichtungen, Miete, Krankenkasse, Leasingraten. Wollen ihre bekloppte Frau und den Benz behalten. Die lesen gerne über mich in der Zeitung und schütteln den Kopf über den verrückten Gabriel. Sie machen es der Presse ja auch leicht. Manche Dinge, die ich sage und tue, sind nötig. Niemand sonst traut sich.

Wie Polizisten den Mittelfinger zu zeigen?

Ehrlich: Ich hatte immer ein Problem mit Uniformierten. Mein Vater war erst Schrankenwärter, dann bei der Bahnpolizei. Mit Uniform war er plötzlich wer. Dachte er. Aber er war ein gewalttätiger Mensch. Der seine Kinder schlug, meine Mutter zur Abtreibung mit einer Stricknadel zwang. Alles in meiner Biografie zu lesen, die dieses Jahr erscheinen soll. Ich habe schon jemanden, der meine Aufzeichnungen sortiert.

Kein leichter Job . . .

Ist viel Zeug. Ich schreib Tagebuch seit meinem 13. Lebensjahr. Aber meine Bio wird nicht nur Dieter-Bohlen-Sensationen enthalten, sondern auch viele philosophische Elemente. Etwa, wie man aufrecht durchs Leben kommt.

Da sind Sie ein guter Ratgeber?

Ja, wie ich lebe, ist geil. Ich bin frei. So wie Kris Kristofferson gesungen hat: "Freedom is just another word for nothing left to loose". Neulich war ich in der Abschiedsgala von Dieter Thomas Heck. Da hab ich sie alle wiedergesehen, die großen Heiligen der Schlagerwelt. Traurige Faltengesichter. Alle hatten es geschafft, mit tollen Villen, riesigen Autos und Frauen mit gemachten Brüsten. Ich war der gefallene Engel, der Sozialfall, Penner. Und doch war ich glücklicher als die anderen.

Waren Sie auch glücklich, als Sie gemerkt haben, dass Sie keinen Cent mehr besitzen?

Nein. Aber im Kopf bin ich immer geflogen. Hatte Pläne, Träume, Bücher voll mit Ideen – war immer gierig, neugierig. Ich habe ununterbrochen weiter Songs geschrieben. Du musst alle Kraft aufbringen, sagen: Ich will da raus. Ich will, ich will.

Wie passt es dazu, Frauen zu schlagen?

In solch extremen Situationen verändert man sich. Ich war zwar immer gefährlich, aggressiv. Weicheier schreiben nicht solche Songs. Aber normalerweise würde ich einer Frau natürlich nie etwas antun – warum auch? Schließlich liebe ich sie. Ich könnte der Bruder von Alice Schwarzer sein. Aber in der chaotischen Phase meines Lebens habe ich mich auch mal vergessen. Zugegeben. Danach bin ich einige Wochen freiwillig in eine Beklopptenanstalt. Heute würde mir das nicht mehr passieren, ich habe meine Lektion gelernt.

Interview: Marc-André Rüssau

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